Bewegte Schilder
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Große Visionen: Dirk Wahrheit, Gründer der Firma Macnetix Foto: Mike Wolff |
Das Schild ist das wahrscheinlich älteste Navigationsgerät der Welt. Schon im alten Rom gab es in Stein gemeißelte Hinweistafeln, die den Weg zum Kolosseum wiesen. Und vielleicht auch zu den Latrinen. Schilder waren über Jahrtausende die einfachste Methode, um Menschen den Weg von A nach B zu weisen. Das ändert sich auch mit der Digitalisierung nicht. Doch heute muss man nicht mehr jede Tafel per Hand beschriften. Ein paar Tasten am PC gedrückt – und alle Schilder im Hotel, der Fabrik, auf Messen oder im Krankenhaus zeigen nicht nur den Weg von A über G nach Z, sondern können auch anzeigen, was es heute in der Kantine gibt oder wie Hertha BSC am Samstag gespielt hat.
Dass das alles möglich ist (und noch viel mehr), liegt unter anderem an Dirk Wahrheit. Der 32-jährige Wirtschaftsingenieur und Informatiker leitet mit seiner Studienfreundin Peggy Bielke (33), einer Betriebswirtin, das Softwareunternehmen Macnetix aus Berlin-Moabit. Die Firma entwickelt und vertreibt eines der führenden Programme für digitale Beschilderung in Europa. Zu den Kunden gehören große Dax-Konzerne wie Eon, die Telekom, oder die Commerzbank. Aber auch mittelständische und kleine Betriebe wie das Hotel Berlin, Berlin oder die Mensa der Uni Rostock nutzen es – Letztere, um die sich täglich mehrfach ändernde Speisekarte auf riesigen 40-Zoll-Bildschirmen darzustellen.
Der Vorteil unserer Software ist,
dass sie fast jeder Idiot bedienen kann
Bei der Lufthansa Cargo in Frankfurt am Main lief die Kommunikation – wie in fast allen Unternehmen – bisher hauptsächlich über E-Mail-Verteiler und das Intranet. Das stellte sich als unpraktisch heraus, da die meisten der rund 1400 Mitarbeiter des Logistikunternehmens andauernd auf den Beinen sind und zwischen Hallen hin und her laufen. Da bleibt kaum Zeit, sich an den PC zu setzen. „Wir haben uns für das System von Macnetix entschieden, weil es einfach in der Nutzung ist und eine große Wirkung durch Flexibilität aufweist“, sagt Claus Frenzel, IT-Manager bei Lufthansa Cargo.
„Der wohl größte Vorteil unserer Software ist, dass sie fast jeder Idiot bedienen kann“, sagt Dirk Wahrheit. Also, zumindest jedem, der ein Mail-Programm wie Outlook von Microsoft kennt, erschließt sich die Software intuitiv. Es gibt ein paar Felder, in die man einen Text eintragen kann. In dieser Maske kann man auch Bilder, Filme und Texte hintereinander anordnen und in einer Endlosschleife ablaufen lassen.
Die Bedienung ist relativ einfach. Die Kunden aber sind es nicht: Jeder erwartet etwas anderes von den digitalen Schildern. Die Schnapsbrennerei Barcardi etwa nutzt das Programm, um den Mitarbeitern den Stand der Produktion anzuzeigen. Ganz anders ist der Fall des Gastronomen Volker Guzy aus Hamburg, der nach der Renovierung seiner „Rosso Caffè-Bar“ nur die alte Schiefertafel mit einem stylischen Bildschirm ersetzen wolle, um die Speisekarte anzuzeigen. „Wir schneiden das Programm auf jeden Kunden individuell zu“, sagt Dirk Wahrheit. Macnetix beschäftigt in seinen Berliner Büros rund 25 Leute. In einer Tochterfirma im weißrussischen Minsk arbeiten weitere 60, vor allem Programmierer.
Geschäftsführer: Peggy Bielke und
Dirk Wahrheit
Adresse: Huttenstraße 31,
10553 Berlin
Umsatz: rund 4 Millionen Euro
Mitarbeiter: 60
Telefon: 030 / 343 46 78-0
Web: www.macnetix.de
Wie alle großen Köpfe der IT-Wirtschaft hat auch Dirk Wahrheit große Visionen. Nur so kommt das Geschäft voran. „Schauen Sie, früher hatte man im Hotel die Wahl zwischen vier Sendern. Heute sind es Hunderte. Bald kann man überall auf der Welt im Hotelzimmer genau das gucken, was man will, wann man will“, schwärmt der Unternehmer. Intelligente Programme machen Inhalte immer und überall verfügbar. Davon profitiert auch seine spezielle Branche.
Die Mannschaft von Dirk Wahrheit und Peggy Bielke arbeitet daran, dass Informationen nicht nur auf allen Bildschirmen identisch sind – wie im Fernsehen – sondern individuell auf den Ort zugeschnitten. Solche Visionen könnten auch den öffentlichen Nahverkehr verändern. Ein Beispiel: In den meisten Berliner U-Bahnen gibt es seit Jahren das „Berliner Fenster“. Die Inhalte, kurze Nachrichten, sind recht schlicht. „Die Leute beschweren sich trotzdem immer, wenn mal ein paar Bildschirme ausfallen“, sagt BVG-Sprecherin
Petra Reetz. Das zeige, wie sehr die Leute schon an das Bahn-TV gewöhnt sind. „Die nächste Stufe wäre, wenn man Inhalte passend zur U-Bahn-Linie zeigen könnte“, träumt sie. Oder noch besser: Kurz bevor der Zug in dies nächte Haltestelle einläuft, könnte das Kaufhaus, das dort steht, 100 Prozent treffsichere Werbung schalten. Da hätten dann alle etwas davon. „Technisch wäre das machbar“, sagt Dirk Wahrheit. Vielleicht ruft die BVG ja mal an.
Kevin Hoffmann
Aus der Ausgabe 10 / 2008
