Das große H und die Werft

Drei, zwei, eins – Cut. In Berlin entstehen so viele Fernseh- und Kinoproduktionen, dass die Studios jetzt ihre Kapazitäten erhöhen
Viel Platz fürs TV: Fernsehwerft-Chef Helmut Audrit Foto: Mike Wolff

Auf dem Platz zur Spree hin hat man den historischen Lastenkran stehengelassen – im Inneren aber erinnert nichts an alte Zeiten. Die „Fernsehwerft“ ist eine von Berlins größten Fernsehproduktionsstätten und wohl ein Prototyp dessen, was sich Stadtplaner vorgestellt haben, als sie den Osthafen unter dem Namen „Mediaspree“ zu Berlins neuem Medienstandort ausriefen.
Berlin entwickelt sich immer mehr zum gefragten Standort für Fernsehproduktionen. Das weiß auch A-Medialynx-Geschäftsführer Helmut Audrit – und erhöhte mit der Fernsehwerft die Kapazitäten. Im Februar eröffnete sie direkt neben dem Altbau, in dem die A-Medialynx GmbH seit 2004 in zwei Studios Sendungen produziert. Kosten des Neubaus: 21 Millionen Euro. Auf 6900 Quadratmetern werden Filme gedreht, Bilder geschnitten, Lieder gemischt, Tonspuren gelegt – und via Satellit als fertige Programme versendet. Kunden sind unter anderen MTV und Viva.

„Diese Stadt ist im Fluss. Unfertig. Und voller Potenzial, besonders in der Kreativbranche“, sagt der gebürtige Rheinländer Audrit. Während sich andere derzeit angesichts der Krise eingeschüchtert fühlen, setzt er auf Wachstum. Die Technik der neu eröffneten Studios ist darauf ausgelegt, dass sich seine Kundschaft in nächster Zeit verdreifacht. Bis Ende 2009 will Audrit doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigen wie jetzt. „Wirtschaftskrise?“, fragt er, „Ich habe in meiner Unternehmerzeit schon viele Krisen miterlebt und bin immer gestärkt daraus hervorgegangen.“

Diese Stadt ist im Fluss. Unfertig. Und voller Potenzial, besonders in der Kreativbranche

Audrit stellt Fernsehproduktionen nicht nur ein ganzes Studio zur Verfügung – sondern auch Personal wie Cutter, Tontechniker und Systemadministratoren. Die arbeiten mit den Regisseuren oder Schauspielern der Kunden zusammen. Dafür stehen ihnen vier TV-Studios zur Verfügung, dazu noch Tonstudios, Sprecherkabinen, Schnittplätze und mobile Sendestationen. Entgegen der Gepflogenheiten in der Branche setzt Audrit auf feste Angestellte, eigenes statt geliehenes Equipment und auf technisches Know-how.

Die Entwicklung im Osthafen wird auch seiner Firma helfen, ist sich Audrit sicher. Der Osthafen erwache zu neuem Leben: Die O2-Arena, Universal, Spreespeicher und demnächst ein 4-Sterne-Hotel – für ihn die Vorläufer einer großen Zukunft des Areals.
Aufbruchstimmung in der Fernsehbranche kennt man auch in Adlershof. Dort boomen nicht nur Hightechfirmen sondern auch Fernsehdienstleister wie das Studio Berlin Adlershof (SBA). Dessen neuestes Projekt ist das „große H“. 2400 Quadratmeter ist das Produktionsstudio groß, 14 Meter hoch. Dazu kommen noch einmal 3600 Quadratmeter an Nebenflächen, auf denen zum Beispiel Platz ist für die Masken- und VIP-Räume. Damit ist es eines der größten Studios in Deutschland.

„Mit dem neuen Studio H haben wir mehr Dispositionsmöglichkeiten“, sagt Geschäftsführer Harald Becker. Denn Fernseh- und Filmproduktionen würden ganz unterschiedlich geplant. „Kinoproduktionen werden lange im Voraus terminiert, können sich kurzfristig aber nach vorne oder hinten verschieben.“ Beim Fernsehen seien die Vorlaufzeiten hingegen deutlich knapper. SBA kann jetzt noch flexibler darauf reagieren.

Firmeninfo
| Studio Berlin Adlershof |
Geschäftsführer: Michael Rasch,
Harald Becker, Klaus Wöller
Adresse: Am Studio 20, 12489 Berlin
Umsatz: 23,5 Millionen Euro
Mitarbeiter: 150
Telefon: 030 / 67 04 55 00
Web: www.studio-berlin.de

Die SBA-Firmenmutter Studio Hamburg Berlin Brandenburg GmbH betreibt zwischen Berlin und Hamburg insgesamt 25 Fernsehstudios. Zum Kundenkreis gehören neben den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern auch freie Film- und Fernsehproduzenten. Die kleineren Gebäude wurden vor neun Jahren durch das „Studio G“ ergänzt, das erste Großraumstudio auf dem Gelände. Dort sind große Kino- und Fernsehproduktionen entstanden, etwa Good Bye Lenin oder die Computerspiel-verfilmung Resident Evil. Außerdem werden dort viele Showformate aufgezeichnet.

Im Moment betreibt die SBA in Adlershof auf dem ehemaligen Gelände des Deutschen Fernsehfunks zehn Studios und beschäftigt 150 fest angestellte Mitarbeiter. In den kleineren Studios entstehen etwa Anne Wills Sonntagstalk oder Ulrich Meyers „Akte“. Mehr als zweieinhalb Jahre wurde dort auch die Telenovela „Verliebt in Berlin“ produziert. Das große Interesse an Studio G führte vor zwei Jahren zu dem Entschluss, Studio H zu bauen, als „großen Bruder“. Baubeginn war Anfang 2008. Baukosten: 10,6 Millionen Euro.
Für die Betreiber ist wichtig, dass der Auf- und Abbau der Produktionen schnell geht. Deswegen haben die Architekten des Büros JSK – die auch die O2-World entworfen haben – die Gänge unter dem Dach sehr breit angelegt, damit die Teams schnell arbeiten, und den Raum je nach Bedarf mit Scheinwerfern oder Dekorationen ausstatten können. So sollen so viele Produktionen wie möglich entstehen.

Katrin Zeug/ Rita Nikolow


Aus der Ausgabe 5 / 2009

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