Die Angst nehmen
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Und über allem der Pinguin: Das Linux-Maskottchen auf dem Linux-Tag 2008 Foto: promo |
Es ist schon erstaunlich: Da gibt es Software, die frei im Internet zugänglich ist. Doch die meisten Firmen nutzen lieber teure Lizenz-Produkte als Open-Source-Modelle wie zum Beispiel Linux.
Ein möglicher Grund dafür: Ein Produkt, das nichts kostet, hat auch keinen Hersteller, der bei Problemen die Verantwortung übernimmt. „Manager werden abgeschreckt, weil sie Angst vor fehlendem Support haben“, sagt Berrin Ileri von der akquinet tech@spree GmbH. Das Unternehmen hat sich auf individuelle IT-Lösungen auf Open-Source-Basis spezialisiert. „Wir haben ein Kundencenter integriert, damit der Kunde sofort einen Ansprechpartner hat“, sagt Ileri.
akquinet könnte damit ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt haben. Immer mehr Firmen entdecken, dass sich mit Open Source richtig Geld sparen lässt. „Die Kosten lassen sich um etwa 80 Prozent reduzieren“, schätzt Michael Arndt, Leiter der Geschäftsstelle Berlin der Science + Computing AG. Die Firma berät unter anderem Audi, BMW und Daimler in Sachen Linux und Co.
Die Firma Micus hat im Auftrag der Technologiestiftung Berlin (TSB) ermittelt, welche Rolle Open Source in der Hauptstadt spielt: Schon jetzt arbeiten demnach in Berlin rund 9700 Menschen in 600 Firmen in dem Bereich, der mit kostenlosen Programmen wie „Apache“ oder „Linux“ Softwareriesen wie Microsoft Konkurrenz macht. Der Umsatz der Branche summiert sich auf 150 Millionen Euro im Jahr.
Mit Open Source ist man immer am vorderen Rand der Entwicklung
Befürworter führen einige Vorteile ins Feld: Firmen sparen teure Lizenzen, sie machen sich unabhängig von Lieferanten und Herstellern. Und: „Man ist immer am vorderen Rand der Entwicklung“, sagt Oliver Zeiler von der Onlineplattform Immobilienscout24, die auf frei zugängliche Programme setzt. Die Software werde dadurch verbessert, dass alle gemeinsam an neuen Lösungen arbeiteten. Allerdings hat auch Open Source einen Haken: Die Firmen sparen zwar Lizenzgebühren, müssen jedoch Experten bezahlen, die die Programmiercodes der Software beherrschen. „Wichtig ist am Ende, dass es sich rechnet“, sagt Zeiler.
Viele Firmen machen inzwischen eine positive Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Die Berliner Wasserbetriebe haben ihr gesamtes Kanal- und Rohrsystem mit Hilfe von Open-Source-Technologie digitalisiert. So können sie Instandhaltungsarbeiten besser steuern. Auch die Allianz-Arena in München wird mit Hilfe von freier Software beleuchtet. Sie steckt in Testprogrammen, die die Fahrzeugsicherheit fast aller deutschen Autohersteller prüft.
Laut Studie eröffnet die Entwicklung große Chancen für Dienstleister in Berlin. Die Hauptstadt sei noch keine Open-Source-Region, habe aber großes Potenzial. „Unternehmen sollten sich stärker auf Service und die Begleitung von IT-Projekten spezialisieren“, rät Michael Stamm von der TSB. Bei der Suche nach passenden Geschäftsmodellen könne man helfen. Die Stiftung ist vom Land Berlin damit beauftragt, Open-Source-Strategien für die Region zu entwickeln.
Die Firma sucht Entwickler mit Schwerpunkt Java und Berater
Geschäftsführer: Christian Roth,
Martin Weber
Adresse: Bülowstraße 66,
10783 Berlin
Umsatz: 3,6 Mio.
Mitarbeiter: 40
Telefon: 030 / 235 52 00
Web: www.akquinet.de
Als möglichen Motor für die Entwicklung sehen die Autoren der Studie die öffentliche Hand in Berlin. Bundes-, Landes- und Bezirkspolitik bilden zusammen einen riesigen potenziellen Kundenkreis. Das Auswärtige Amt ist schon auf Linux umgestiegen. Statt in teure Lizenzprodukte zu investieren, solle auch der Rest der Verwaltung Open-Source-Projekte in der Region unterstützen, fordert Philipp Ottlinger von der Firma Neofonie. Die TU-Ausgründung ist durch die erste deutsche Suchmaschine „Fireball“ bekannt geworden und auf mehr als 160 Mitarbeiter angewachsen. Bei Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) rennen Linux-Befürworter offene Türen ein. „Da kann und muss noch mehr kommen“, sagt er. Wolf hat seinen Serverbetrieb schon auf Open-Source-Software umstellen lassen.
Berrin Ileri wirbt in der Wirtschaft für den Einsatz von Open Source. „Wir brauchen mehr Mut“, findet sie. Allerdings zögern viele Unternehmer noch. „Bequemlichkeit und Angst“, nennt Nino Grüttke als Gründe dafür. Er organisiert für die Messe Berlin seit drei Jahren den Linux-Tag. Nach eigenen Angaben ist es der größte Open-Source-Treffpunkt Europas. Die Bequemlichkeit könne man nicht nehmen, sagt Grüttke. Die Angst aber schon.
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 6 / 2009
