Kunst als Imagefaktor
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Kunst an der Wand: Ein Zimmer im Luise Kunsthotel Foto: promo |
Bei Dieter Mammel wird der Gast zum Kind: Sein Bett ist so groß, dass man darin liegen und sich vorstellen kann, wie geborgen sich der Künstler als kleiner Junge bei den Großeltern gefühlt hat. „Mammels Traum“ heißt das von Mammel gestaltete Doppelzimmer im Arte Luise Kunsthotel, wo auch drei wilde „Frauen in Rot“ der Berliner Malerin Elvira Bach oder eine Suite mit rotem Bücherhimmel auf Gäste warten. Das Haus in Sichtweite des Reichtags ist nicht bloß das älteste Beispiel in der Hauptstadt für ein Art-Hotel, sondern auch das konsequenteste. Verschiedene Künstler haben die Räume gestaltet, und der Gast taucht in allen Kategorien für ein paar Nächte in wundersame Welten ab.
Das Konzept geht auf, bestimmte Zimmer sind weit im Voraus belegt. Was 1994 als kleines, visionäres Projekt begann, hat längst seine Nachahmer gefunden: In der Hauptstadt wimmelt es von „Art-Hotels“, die mit ihrem künstlerischen Ambiente werben. Die Ideen dahinter sind allerdings sehr unterschiedlich. Manche Häuser hängen ein paar zeitgenössische Fotos oder Drucke an die Wand und reklamieren schon die Silbe „Art“ für sich. Andere verfolgen weit anspruchsvollere Konzepte, ohne sie für große Werbekampagnen zu nutzen.
Ein Beispiel dafür ist das InterCityHotel, das im März am Flughafen Schönefeld eröffnet hat. Zum Standort des Drei-Sterne-Hauses der Steigenberger Hotel Group passt das Kunstprojekt: Im Hotel hängen Fotoarbeiten, die vor allem rund um den Flughafen entstanden sind. „Transit“ hieß das Thema zweier Studenten von der Braunschweiger Kunstakademie, die die Gegend einen Monat lang auf Kosten des Hotels erkundet haben. Nun hängen Rico Lützners markante Aufnahmen vom Checkpoint Charly und anderen einstigen Grenzübergängen in den öffentlichen Arealen. Für die 200 Zimmer hat Alexandra Heide Hunderte von Polaroids geschossen – von Koffern, Reisenden und Fundstücken, die sie zu fantasievollen Geschichten arrangiert hat.
Überangebot - Nur phantasievolle Hoteliers haben genügend Gäste
Die Konzentration auf den Standort ist ein wichtiger Faktor für das Projekt. „Das gilt auch für unsere InterCityHotels in Dresden, Essen oder Hannover“, erklärt Angelika Heyer als Direktorin der Unternehmenskommunikation. Jedes dieser Häuser sei unterschiedlich gestaltet. So würden sie unverwechselbar und böten Begegnungen mit der Kunst, die mehr sei als Dekoration. Genau darum geht es beim kulturellen Engagement. Natürlich ist das Interesse der Hotellerie nicht allein der Kunst geschuldet. In Berlin herrscht harter Konkurrenzdruck. Obgleich der Bettenbedarf nach Ansicht von Experten inzwischen gedeckt ist, sollen laut des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in naher Zukunft weitere 15 000 Betten entstehen. Ein Überangebot, selbst bei 19 Millionen Übernachtungen, wie sie 2009 verzeichnet wurden.
Bilder und Skulpturen gelten da als ein Mittel, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Sie passen ins kleinste Zimmer und eröffnet Spielräume, wo Zimmergröße und Ausstattung je nach Sternzahl längst standardisiert sind.
Das Unternehmen sucht ab September Auszubildende
Hoteldirektor: Henri Fritz
Adresse: Am Seegraben 2,
12529 Schönefeld
Mitarbeiter: 16
Telefon: 030 / 75 65 75 10
Web: www.intercityhotel.com
Auf der Website der Art’otels kann man als erstes seinen Lieblingskünstler wählen und erfährt anschließend, an welcher der drei Berliner Adressen Originale und Kunstdrucke etwa von Andy Warhol oder Georg Baselitz zu finden sind. Letzterer prägt mit den zeitgenössischen Künstlern A.R. Penck und Jörg Immendorff auch das Programm im Swissôtel am Kurfürstendamm, wo man weiß, dass die Werke jener Ikonen des 20. Jahrhunderts längst auch Statussymbol sind.
Im Grand Hyatt am Potsdamer Platz geht man andere Wege und konfrontiert die Gäste mit Künstlern, die noch nicht etabliert sind. Das macht sie spannend, verlangt aber auch vom Gast die größere Neugier. Ähnliches gilt für das benachbarte Marriot, das in seiner „Wandelbar-Galerie“ Arbeiten junger Künstler zeigt. Ungleich diskreter agiert die Kempinski Hotelgruppe, die jüngst ihr „Art Support Programm“ vorgestellt hat: Hier werden junge, aufstrebende Talente aus den Bereichen Kunst und Musik unterstützt. Der größte Teil der Förderung bleibt für die Öffentlichkeit unsichtbar. Dennoch schmückt sich das Luxushotel mit seinem Engagement, denn auch hier ist die Konkurrenz spürbar.
Die größten Schwierigkeiten sieht man beim Berliner Hotel- und Gaststättenverband Dehoga jedoch auf die Häuser der Mittelklasse und auf jene „Individualhotels“ zukommen, die beim Preiskampf nicht mithalten können. Tatsächlich stand auch das Luise
Kunsthotel schon wenige Jahre nach seiner Eröffnung vor dem Aus. Ein Investor und ein Projektentwickler erkannten allerdings das Potenzial und stellten das Haus auf wirtschaftlich tragfähige Füße. Sorgen muss sich die „Luise“ wohl nicht machen – sie besetzt mit ihrer außergewöhnlichen Idee eine echte Nische.
Christiane Meixner
Aus der Ausgabe 4 / 2010
