Wie ein Tsunami
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Massenauflauf: Filmteams rücken zum Teil mit über 30 Leuten an. Foto: Kai-Uwe Heinrich |
Michael Pfundt ist vorsichtig geworden. Der Geschäftsführer der Pension Funk vermietet seine Zimmer längst nicht mehr an jedes Filmteam, das in dem Gründerzeithaus in der Fasanenstraße drehen will. „Manche Filmteams halten sich für den Nabel der Welt. Die nehmen auf niemanden Rücksicht und erwarten, dass sich alle anderen unterordnen“, erzählt der erfahrene Drehort-Vermieter. „Zum Glück sind nicht alle so“, sagt Pfundt. „Mittlerweile habe ich genug Erfahrung, um im Vorgespräch herauszufinden, welche Produktion seriös ist.“
Wer sein Hotel, seine Bar, sein Büro oder sonstige Räume an Filmteams vermietet, hat angenehme Nebeneinkünfte. In der Filmmetropole Berlin gibt es häufig Bedarf an Drehorten, die ein besonderes Ambiente bieten. Aber der Wirbel, den die Kreativen verursachen, ist oft riesig. Der Motivgeber, wie der Vermieter in der Branche genannt wird, sollte sich vertraglich gut absichern, bevor er einem Filmteam den Schlüssel in die Hand drückt.
„Manchmal hat man das Gefühl, ein Tsunami ist über einen gekommen, wenn sich ein 30-köpfiges Filmteam in den Räumen breit macht“, sagt Hotelier Pfundt. 14 Zimmer hat die Pension Funk, die den Stil des frühen 20. Jahrhunderts bewahrt hat, als sich hier noch die Privatwohnung der Stummfilm-Legende Asta Nielsen befand. Klebestreifen auf historischen Tapeten, zerstörte Gründerzeitmöbel, zerkratztes Parkett: All das hat Pfundt schon erlebt. „Die Schäden sind ärgerlich, werden aber in der Regel anstandslos ersetzt.“ Dafür kassiert er eine Motivmiete. Wovon die Höhe abhängt sagt Karl-Hermann Reith, Szenenbildner für die renommierte Produktionsfirma Ufa: „Die Miete ist Verhandlungssache zwischen Produktion und Eigentümer und hängt unter anderem von Aufwand, der Beliebtheit des Drehortes und dem Budget des jeweiligen Films ab.“
Als Faustregel gilt: Tagesmiete gleich Monatsmiete. Aber es wird hart gefeilscht
Als Orientierungsgröße gilt in der Branche die Faustregel „Tagesmiete gleich Monatsmiete“, sagt Location Scout Gernot Zeglien. Er weiß aber, dass Produktionsfirmen um jeden Euro feilschen. „Dabei zahlen Firmen, die einen Werbefilm produzieren, in der Regel etwas besser als Filmfirmen, die für Kino oder TV drehen.“ Zegliens Firma Location Networx gibt es seit 2000, sie gehört zu den etablierten Dienstleistern für die Drehortsuche. Für bekannte deutsche Produktionen wie „Goodbye Lenin“, „Sommer vorm Balkon“ oder „Keinohrhasen“ hat seine Firma Drehorte gefunden. Aber auch für internationale Poduktionen wie „Operation Walküre“ hat Location Networx gearbeitet. Für den Tom-Cruise-Film wurden etwa die zu Mauerzeiten von der US Army genutzten Militärbauten an der Clayallee weltkriegstauglich umgestaltet.
Für die Vertragsgestaltung zwischen Motivgeber und Filmfirma sind die Location Scouts nicht verantwortlich. Die wird zwischen beiden Seiten direkt verhandelt. Dabei ist es für Zeglien wichtig, dass möglichst beide Seiten zufrieden sind. „Wir fragen bei unseren Motivgebern nach, ob alles gut gelaufen ist“, sagt Zeglien. „Die meisten sind zufrieden. Denn Produktionsfirmen, die einen Ruf zu verlieren haben, können es sich nicht leisten, einen Saustall zu hinterlassen.“
Roland Gerhardt, Gernot Zeglien
Adresse: Bautzener Str. 19,
10829 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 5
Telefon: 030 / 20 67 97 37
Web: www.location-networx.de
Zeglien rät, einige Punkte in jedem Fall zu beachten. So sollte im Überlassungsvertrag stehen, zu welchen Zeiten die Immobilie genutzt werden kann. „Sonst wird gerne mal bis in die Nacht gedreht“, warnt der Location Scout. Auch sollten sich Motivgeber versichern, dass das Filmteam gegen mögliche Produktionsschäden ausreichend versichert ist.
Zeglien ist grundsätzlich auch offen für Raumangebote. „Wenn uns jemand Räumlichkeiten anbietet, die er für filmtauglich hält, nehmen wir sie eigentlich immer in unsere Adressdatei auf. Man weiß nie, mit welchen Bedürfnissen die Filmfirmen eines Tages ankommen“, sagt Zeglien. Auch bei Ufa-Mann Reith kann man sich „bewerben“ (E-Mail an: Karl-Hermann.Reith@ufa.de). „Ich komplettiere immer mein Archiv“, sagt er. Zudem könne man sich auch bei der Berlin-Brandenburg film commission als Vermieter eintragen lassen (www.bbfc.de).
Aber in der Regel kommen die Scouts auf die Vermieter zu, zum Beispiel auf Dieter Funk, einer der Inhaber der Joseph-Roth-Diele in der Potsdamer Straße in Tiergarten. Die holzvertäfelte Kneipe im Stil eines Wirtshauses in den 20er Jahren lockt durch ihr filmreifes Ambiente immer wieder Kamerateams an. „Wir können nicht jedes Filmteam reinlassen, dann würden wir unsere Stammgäste verprellen“, sagt Funk. Aber, drei, vier Drehtage im Jahr passen ihm gut ins Konzept: „Dann können die Mitarbeiter ein paar Tage Urlaub abbauen und es kommt trotzdem Geld in die Kasse.“
Alexander Visser
Aus der Ausgabe 2 / 2009
