Auf Abwegen
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Modetour: Henrik Tidefjärd führt Touristen in die angesagten Läden der Stadt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Eigentlich sollte es ein Kunstprojekt sein, begrenzt auf drei Monate. Doch weil Norbert Krons Idee so viel Zuspruch fand, läuft Art Escort jetzt unbefristet weiter.
Aus dem Kunstprojekt ist ein Anbieter von Stadtführungen geworden, wohlgemerkt von ungewöhnlichen Stadtführungen: Die Touristen buchen einen Künstler, der sie allein oder in kleinen Gruppen von höchstens vier Teilnehmern durch die Kunstszene Berlins führt und ihnen die Schaffensbedingungen der Literaten, Maler, Schauspieler zeigt. Gerne öffnet der Künstler, der für ein paar Stunden in die Haut des Stadtführers schlüpft, auch das eigene Atelier. Für Kron, der in erster Linie Schriftsteller ist, ist Art Escort allerdings immer noch ein Kunstprojekt, die Bezeichnung „Stadtführung“ ist ihm zu profan.
Die Führungen sind so vielfältig, weil die Stadt so vielfältig ist
Dabei steht Art Escort geradezu sinnbildlich für eine neue Generation von Touristenführungen in Berlin: Weg von den klassischen Bustouren, die um die immer gleichen Attraktionen Brandenburger Tor, Siegessäule und Museumsinsel kreisen. Diese Routen sind zwar nach wie vor im Programm – und sie werden auch noch immer rege gebucht. Der Trend aber gehe zu individuellen Touren, die spezielle Themen wie Architektur, Film oder Gastronomie aufgreifen, sagt Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM). Immer häufiger böten die Stadtführer auch Rundgänge oder -fahrten zu aktuellen Anlässen an. In diesem Jahr sind das beispielsweise die Jubiläen „20 Jahre Mauerfall“ oder „90 Jahre Bauhaus“.
Die steigende Nachfrage nach Abwegigem hat nicht nur dazu geführt, dass die etablierten Stadtführer ihr Programm umgestellt haben. In den vergangenen Jahren sind vor allem eine Reihe neuer Anbieter individueller und themenbezogener Stadtführungen hinzugekommen. Wie viele es genau sind, lässt sich nicht sagen, auch weil die Stadtführer oft nebenberuflich einsteigen.
Fest steht: Das Angebot ist mittlerweile riesig, Berlin nimmt europaweit eine Vorreiterrolle ein. Den Tourismus-Experten Tänzer wundert das nicht. Die Führungen seien so vielfältig, weil die Stadt selbst auch vielfältig sei, sagt er. Außerdem ist der Bedarf an Stadtführungen schon deshalb groß, weil sich jedes Jahr mehr als 140 Millionen Tagesgäste in Berlin aufhalten. Und viele von ihnen suchen das Besondere.
Ticket B sucht Praktikanten für Stadtführung und Organisation
Inhaber: Thomas Krüger,
Wolfram Belz, Susanne Günther
Adresse: Frankfurter Tor 1,
10243 Berlin
Mitarbeiter: 13
Telefon: 030 / 420 26 96 20
Web: www.ticket-b.de
Art Escort
Inhaber: Norbert Kron
Adresse: Melanchthonstr. 10,
10557 Berlin
Mitarbeiter: 9
Web: www.art-escort.de
Sie sind bei den Anbietern von Video-Bustouren gut aufgehoben: Während die Besucher an Original-Drehorten und -Schauplätzen berühmter Filme vorbeirollen, laufen im Wageninneren die passenden Sequenzen der Streifen. Auch Henrik Tidefjärds „Berlinagenten“ sowie Michael Voigtländer mit seinem „Büro für Industriekultur“ werden immer häufiger gebucht, weil sie die Touristen an berlintypische Orte führen, an denen diese normalerweise vorbeilaufen würden. Tidefjärd besichtigt mit seinen Kunden das Grab von Marlene Dietrich, schmucke Graffiti-Wände oder die angesagten Klamottenläden der Stadt. Voigtländer zeigt, wie sich die Industrielandschaft in Köpenick langsam zum Kunstzentrum und zur Studentenstadt wandelt.
So etwas gehört nicht unbedingt zum Wunschprogramm eines Kegelclubs auf Berlin-Fahrt. Umso interessanter sind die anspruchsvollen Touren für Firmen, die treue Mitarbeiter oder gute Kunden mit besonderen Geschenken belohnen wollen. „Unternehmen sind unser wichtigster Kundenstamm“, sagt auch Thomas Krüger, einer der drei Inhaber von „Ticket B“. Dass der Anbieter von Architekturführungen hauptsächlich von Gruppen gebucht wird, liegt aber auch am Preis. Zwischen 250 (für bis zu fünf Personen) und 840 Euro (bis 25 Personen) kosten die Halbtagestouren – und damit bedeutend mehr als ein herkömmlicher Stadtrundgang. Dafür erhalten die Besucher sachkundige Führungen von diplomierten Architekten. Spannende Bauwerke wie das Krematorium Baumschulenweg oder die von Norman Foster errichtete Philologische Bibliothek besuchen sie natürlich nicht nur von außen.
Seit 13 Jahren betreiben Krüger und seine Kollegen Ticket B. Anfangs sei das nur eine Liebhaberei gewesen, Geld verdienten die drei mit ihrem Architekturbüro. Heute sei es genau andersherum, sagt Krüger. Wie viele der Stadtführer profitieren die Architekten von den Touristen, die Berlin abseits der Hauptrouten kennenlernen wollen.
Sabine Hölper
Aus der Ausgabe 5 / 2009
