Unter Druck
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Kostenkontrolle: Bereits 0,6 Bar zu wenig Druck auf dem Reifen erhöhen den Spritverbrauch um bis zu vier Prozent. Foto: ddp |
Reifen sind die entscheidende Verbindung zwischen Fahrzeug und Straße. Wenn sie versagen, geht nichts mehr. Das Gewicht von Fahrzeug und Ladung lastet auf gerade einmal vier postkartengroßen Kontaktflächen. Trotzdem sind die Reifen die am meisten vernachlässigten Bauteile am Auto. Monatliche Reifendruckkontrolle beim Tanken – Fehlanzeige. Prüfender Blick auf die Reifen bei Fahrtantritt – Fehlanzeige. Wenn sie dann plötzlich versagen, ist die Bestürzung groß. Denn geplatzte Reifen führen bei schnellen Autobahnfahrten oft zu schweren und tödlichen Unfällen.
Intakte Reifen mit korrektem Luftdruck sorgen durch einwandfreien Fahrbahnkontakt nicht nur für Sicherheit in allen Fahrsituationen, wie etwa beim Bremsen. Sie entscheiden auch in beachtlichem Maß darüber, wie teuer man mit seinem Auto unterwegs ist. Denn wer mit dem falschen, und das heißt in aller Regel zu niedrigen Reifendruck fährt, muss an der Zapfsäule erheblich tiefer in die Tasche greifen. Bereits 0,6 Bar zu wenig Druck erhöhen den Spritverbrauch um bis zu vier Prozent. Bei einem Kraftstoffpreis von 1,25 Euro pro Liter sind das immerhin 5 Cent pro Liter – ein Betrag, für den viele Leute gerne einen Umweg zu einer preiswerten Tankstelle machen.
Der TÜV Süd hat kürzlich ausgerechnet, wie viel Sprit Deutschlands Autofahrer unnötig in die Luft pusten, weil sie zu wenig Druck in den Reifen haben. Das Ergebnis: Rund fünf Milliarden Liter im Wert von fast sieben Milliarden Euro. Die CO2-Mengen, die dabei ausgestoßen werden, machen die Bemühungen der Autoindustrie, verbrauchsarme Fahrzeuge zu entwickeln, zunichte, genau so wie alle Überlegungen zur Einführung weiterer Tempolimits mit dem Ziel, Abgase zu reduzieren.
Die unnötigen Kosten summieren sich noch einmal zu Milliardenbeträgen, wenn man berücksichtigt, dass bei nur 0,6 Bar zu niedrigem Reifendruck der Verschleiß so dramatisch steigt, dass die Reifen nach Auskunft des ADAC nur die Hälfte ihrer normalen Laufleistung erreichen.
7–10 Jahre halten die Batterien, dann müssen die Sensoren ersetzt werden
Trotzdem wird beim Umgang mit den Reifen von der Mehrzahl der Autofahrer permanent geschlampt. Regelmäßig den Reifendruck an der Tankstelle zu messen, ist vielen zu zeitaufwändig. Das gilt vor allem für die Fahrer großer Lastfahrzeuge. Die Reifendruckkontrolle bei einem Sattelzug mit Hänger und Zwillingsreifen – das ist, auch wenn man zügig vorgeht, eine Viertelstunde schwerer und schmutziger Arbeit.
Eine der wirksamsten Lösungen ist darum die automatische Reifendruckkontrolle. Sie soll durch permanente Überwachung des Reifendrucks erkennen, wenn ein Reifen plötzlich Druck verliert und den Fahrzeuglenker unübersehbar warnen. Darüber hinaus sollen solche Systeme auch schleichende Luftverluste registrieren und anzeigen und so verhindern helfen, dass permanent mit zu niedrigem Druck gefahren wird, was immerhin für 80 Prozent aller Reifenpannen verantwortlich ist.
Den Druck in den Reifen permanent zu messen erfordert allerdings einigen Aufwand. Denn dafür sind in jedem einzelnen Reifen Sensoren erforderlich. Sie messen gleichzeitig die Temperatur. Denn Gase dehnen sich mit steigender Temperatur aus, was bei der Druckberechnung berücksichtigt werden muss. Meist werden die Sensoren innen am Ventil montiert, bei Nachrüstsystemen hin und wieder auch mit Bändern auf der Felge.
Die Messdaten müssen dann regelmäßig per Funk über in den Radkästen montierte Antennen an das Steuergerät der Reifendruckkontrolle übertragen werden. Die nötige Energie liefern kleine, in die Sensoren integrierte Batterien, die sieben bis zehn Jahre halten – danach müssen die Sensoren ersetzt werden. Allerdings werden inzwischen auch schon Sensoren entwickelt, die die nötige Betriebsspannung selbst erzeugen.
Bei mehreren Fahrzeugherstellern sind solche Systeme inzwischen als Sonder- oder auch Serienausstattung verfügbar, wobei die französische Marke Renault zu den Pionieren bei der Reifendruckkontrolle gehört. Wer sich für ein solches Messsystem entscheidet, muss das allerdings bei der Fahrzeugbestellung tun, denn die Nachrüstung mit dem Originalsystem ist in aller Regel nicht möglich.
Aber es gibt inzwischen auch diverse Systeme, die als Nachrüstlösung angeboten werden. Soweit dabei in den Reifen montierte Sensoren eingesetzt werden, kommen neben den Kosten für das System noch die Montagekosten hinzu, da alle vier Reifen demontiert und anschließend wieder montiert werden müssen. Wer sich für ein solches System entscheidet, sollte die Montage deshalb am besten dann vornehmen lassen, wenn sowieso ein Reifenwechsel fällig ist, weil sich damit die Einbaukosten wirksam senken lassen.
Doch es gibt inzwischen auch Alternativen, zum Beispiel Sensoren, die außen auf das Ventil geschraubt werden, anstelle der Schutzkappe. Als eines der überzeugendsten Systeme dieser Art erwies sich bei einem Test des ADAC das schweizerische Nachrüstsystem Tire Moni-Checkair, das ab rund 150 Euro nicht nur sehr preiswert ist, sondern auch in wenigen Minuten problemlos selbst montiert werden kann — vorausgesetzt, die Reifen sind mit dafür geeigneten Metallventilen ausgestattet. Das Display für die Anzeige der Druckwerte für den Fahrer wird mithilfe von Saugnäpfen an der Scheibe fixiert.
Ab 2011 müssen alle Neuwagen in der EU ein Kontrollsystem haben
Inzwischen hat Tire Moni sein Angebot erweitert und bietet auch Systeme an, die zur Überwachung von sechs bis zu maximal zehn Reifen geeignet sind. Das ist insbesondere für Fahrer von Wohnanhängern interessant, bei denen die Reifen durch die langen Standzeiten ein besonderes Sicherheitsproblem sind. Auch für Motorräder gibt es inzwischen ein Angebot. Ein Problem bei den außen aufs Ventil geschraubten Sensoren ist allerdings die große Diebstahlgefahr. Zwar gibt es dagegen Sicherungssysteme, die allerdings erschweren es dem Fahrer, selbst Luft nachzufüllen.
Man kann den Reifendruck auch ganz ohne Drucksensoren messen. Bei den so genannten indirekten Verfahren werden Daten ausgewertet, die von den Sensoren für die ABS- und ESP-Systeme geliefert werden. Mit einer speziellen Software kann aus diesen Daten nämlich auch auf den Reifendruck geschlossen werden. Wenn ein Reifen Druck verliert, verringert sich sein Durchmesser. Deshalb dreht er sich dann ein wenig schneller als die Reifen mit korrektem Luftdruck. Die Reifendruckkontroll-Software interpretiert diesen Drehzahlunterschied als Druckverlust. Schleichender Luftverlust bei allen vier Reifen lässt sich so allerdings nicht erkennen. Auch aus den Schwingungen zwischen Reifengürtel und Felge, die sich druckabhängig verändern, kann man den Reifendruck bestimmen.
Allerdings sind diese indirekten Systeme insgesamt nicht so genau wie die, die direkt den Druck messen. Dafür sind sie preiswerter: Alle Fahrzeuge verfügen über ABS und künftig auch über ESP, darum benötigen sie keine zusätzliche Hardware. Die USA schreiben Reifendruckkontrollsysteme inzwischen für Neufahrzeuge vor, so dass alle US-Versionen deutscher Hersteller bereits damit ausgestattet sind. Auch in der Europäischen Gemeinschaft sollen neue Fahrzeuge ab 2011 nicht nur mit der Fahrdynamikregelung ESP, sondern auch mit einem Reifendruckkontrollsystem ausgestattet werden.
Bis dahin können Autobesitzer mit direkten oder indirekten Messsystemen nachrüsten. Wem eine Reifendruckkontrollanlage zu teuer ist, für den gibt es auch noch eine besonders preiswerte Lösung. Für ein paar Euro gibt es Druckwächter, die auf die Ventile aufgeschraubt werden und einen Druckverlust durch Farbwechsel anzeigen. Das allerdings kann man nicht während der Fahrt bemerken, sondern nur am stehenden Fahrzeug. Bei einem Test des ADAC hat hat sich allerdings herausgestellt, dass einige der preiswerten Druckwächter leicht kaputtgehen, etwa wenn der Reifen einen Bordstein rammt. Manche Ventilaufsätze lassen bei Beschädigung sogar Luft aus dem Reifen entweichen. Im schlimmsten Fall kann das zu einem Platten führen.
Wer weiterhin der Meinung ist, ohne Reifendruckkontrollanlage auszukommen, sollte wenigstens alle vier Wochen den Reifendruck mit den an jeder Tankstelle verfügbaren Kontrollgeräten prüfen. Wie hoch der empfohlene Druck ist, steht meist an der Türinnenseite oder in der Tankklappe – im Zweifelsfall hilft auch die Bedienungsanleitung weiter.
Ingo von Dahlern
Aus der Ausgabe 9 / 2009

