Berlin tankt Bio

Die Gasag bietet an Tankstellen Biogas an und die Berliner Stadtreinigungsbetriebe wollen den Anteil ihrer Erdgas-Fahrzeuge verdreifachen. Der Kraftstoff dafür wird in Brandenburg produziert
Das Biogas der Gasag wird unter anderem aus Getreide von Brandenburger Feldern gewonnen. Foto: Michael Urban/ddp

Statt importiertem Erdgas aus fossilen Lagerstätten Biogas aus heimischer Produktion in den Fahrzeugtank füllen – eine interessante Option für ländliche Regionen, aber wohl kaum etwas für eine Millionenstadt wie Berlin. Irrtum, hält die Gasag dagegen. Denn für sie ist Biogas, das im Umland Berlins erzeugt wird, längst ein attraktives neues Geschäftsfeld.

Auch die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) werden den alternativen Energieträger bald in Berlin selbst erzeugen und einsetzen: in BSR-Müllsammelfahrzeugen mit Erdgasmotoren, deren Flotte von derzeit rund 50 auf bis zu 150 vergrößert werden soll. Material für dieses Biogas wird der organische Abfall sein, der bereits heute in den braunen Biotonnen landet und dessen Sammlung künftig intensiviert werden soll.

Die BSR-Pläne sind derzeit allerdings noch Zukunftsmusik. Denn der Vertrag zum Bau einer so genannten Vergärungsanlage in Ruhleben mit der Firma Strabag-Umwelttechnik wurde erst Anfang Oktober 2009 unterzeichnet. Derzeit steckt man mitten in der Genehmigungsphase. Bis das erste Biogas aus Berliner Biomüll in Ruhleben zur Verfügung steht, wird also auf jeden Fall 2011 auf dem Kalender stehen. Und bei der BSR möchte man sich noch nicht festlegen, in welchem Monat des nächsten Jahres das sein wird.

Die Anlage in Rathenow ist hochmodern und setzt neue Maßstäbe

Verglichen mit den BSR-Plänen ist die Gasag bereits viele Schritte weiter. Denn seit Jahresbeginn wirbt sie damit, dass an den 13 Erdgastankstellen in der Hauptstadt nun „Erdgas-Bio20“ verfügbar ist. Das heißt konkret, dass 20 Prozent dieses Erdgases biologisch erzeugt wurden.

Dieses Biogas, das zu normaler Erdgasqualität aufbereitet und dann ins Erdgasnetz der NBB (Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg) eingespeist wird, stammt aus einer bereits im vergangenen Sommer in Rathenow-Heidefeld in Betrieb genommenen hochmodernen Produktionsanlage – ohne Übertreibung eine Anlage, die neue Maßstäbe setzt. Sie erzeugt als erste in Brandenburg aus nachwachsenden Rohstoffen aus dem näheren Umfeld Rathenows und Abfällen aus der Tierzucht CO2-neutral mehr als 4,7 Millionen Kubikmeter Biogas mit einer Energie von 43 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht dem Energiebedarf von rund 2000 Einfamilienhäusern für Heizwärme und Warmwasser.

Für die Gaserzeugung werden 40 000 Tonnen Rinder- und Schweinegülle sowie Roggen- und Mais-Silage und Energie-Getreidekorn von rund 1000 Hektar Anbaufläche in einem Umkreis von 20 Kilometern um Rathenow eingesetzt. Diese Rohstoffe stellten keine Konkurrenz zur Lebensmittel-Produktion dar, betont die Gasag. Allerdings wäre der zu Biogas vergorene Mais ebenso wie das hier eingesetzte Getreide durchaus als Futter- oder Nahrungsmittel geeignet. Aber die Agrarbürokratie gibt nun einmal Getreide, das von stillgelegten Anbauflächen kommt, nicht für die Lebensmittelproduktion frei.

Wie auch immer man die Ausgangsstoffe definiert – ihr Einsatz für die Produktion von Biogas sichert zahlreiche Arbeitsplätze in der Landwirtschaft des Westhavellandes, befreit die Region von der stickstoffhaltigen Gülle aus der Tierzucht, die früher mangels Alternativen auf die Felder ausgebracht wurde, und liefert rund 37 000 Tonnen Gärreste, die als hochwertiger Kompost und Flüssigdünger eingesetzt werden können. Zudem sorgt das in Ra–thenow erzeugte Biogas für eine CO2-Emissionsminderung von
20 000 Tonnen pro Jahr und verringert außerdem die Abhängigkeit Berlins und seiner Umgebung von importiertem Erdgas.

Die Biogasanlage in Rathenow ist allerdings nur der erste Schritt zu einem Ring von künftig 15 ähnlichen Anlagen, die die Gasag zusammen mit ihren Partnern bis 2015 rund um die Hauptstadt errichten möchte. Alle sollen dazu beitragen, bis 2030 zehn Prozent des in Deutschland benötigten Erdgases aus regenerativen Quellen zu gewinnen.

Das Biogas erlaubt es, bei der BSR bis zu 5000 Tonnen CO2 im Jahr einzusparen

Abfälle aus den Haushalten der Metropole Berlin statt nachwachsenden Rohstoffen und Gülle aus dem Umland sind die Ausgangsbasis für die künftige Biogaserzeugung der BSR. So liefern die 1995 eingeführten und inzwischen von 1,4 der 1,7 Millionen Berliner Haushalte genutzten Biotonnen jährlich rund 52 000 Tonnen so genanntes Biogut. Das wird bislang in offenen Rotten bei erheblicher Belastung der Luft mit Methan und Lachgas im Umland Berlins kompostiert. Hochwertigere Komposte als bei diesem Verfahren sowie Flüssigdünger und gleichzeitig bis zu 1700 Tonnen Biogas in Erdgasqualität lassen sich allerdings gewinnen, wenn die Abfälle in modernen geschlossenen Biogasanlagen ohne die Umwelt belastende Emissionen vergoren werden. Und für genau diesen Weg hat sich die BSR inzwischen entschieden, um die Bioabfälle der Stadt stofflich und energetisch optimal zu nutzen.

Das bei diesem Verfahren erzeugte Biogas in Erdgasqualität wird bei der BSR-Vergärungsanlage in Ruhleben ins öffentliche Berliner Gasnetz eingespeist. Dann wird es an drei BSR-Betriebshöfen aus diesem Netz entnommen, um es für die Betankung von künftig bis zu 150 Müllsammelfahrzeugen zu verwenden. Deren Ottomotoren verbrennen Erdgas. Sie sind besonders leise, emittieren keine Partikel und nur geringe Mengen an Stickoxiden, was bei ihrem Einsatz in dicht besiedelten Innenstadtbezirken besonders positiv zu Buche schlägt.

Das als Kraftstoff eingesetzte Biogas erlaubt es, 1,9 Millionen Liter Dieselkraftstoff zu ersetzen und bis zu 5000 Tonnen CO2 im Jahr einzusparen. Schon bald wird man aller Wahrscheinlichkeit nach Erdgas auch in Dieselmotoren einsetzen können. Volvo Trucks betreibt inzwischen mehrere Versuchsfahrzeuge, die mit Diesel laufen, dem bis zu 70 Prozent Methan (Erdgas) beigemischt werden. Diese Technik könnte schon in wenigen Jahren serienreif sein.

Die oft gestellte Frage, ob man beim Tanken von „Erdgas-Bio20“ nun auch real 20 Prozent Biogas im Tank hat, muss allerdings mit Nein beantwortet werden. Denn das Gas, das die Fahrzeuge verbrennen, ist nicht dasselbe Gas, das in Brandenburg ins Netz eingespeist wird.

Das ist nicht anders als bei dem „grünen“ Strom aus regenerativen Quellen. Auch hier bezieht der ökologisch bewusste Verbraucher real den gleichen Strom wie alle übrigen Stromverbraucher und damit sowohl Strom aus Kohlekraftwerken als auch Atomstrom. Denn aller Strom wird ungeachtet seiner Herkunft nun einmal in ein einziges Netz eingespeist. Die jeweiligen Anteile an „grünem“ Strom müssen dann herausgerechnet werden. Rechnerisch betrachtet sind 20 Prozent des in Berlin getankten Erdgases deshalb tatsächlich biologischer Herkunft.

Für das Gasnetz für Privathaushalte in Berlin bietet die Gasag bereits heute ein Erdgas mit einem Anteil von 10 Prozent Biogas an. Und wenn die Anlage der BSR ihre Arbeit aufnimmt und die Initiative zur intensiveren Sammlung von Biogut erfolgreich ist, wird bald eine zweite Anlage mit einer Kapazität von 40 000 Tonnen folgen. Zudem überlegt die BSR-Tochter BRAL, die für die Entsorgung von Speiseresten in Berlin verantwortlich ist, ob auch diese ähnlich weiterverarbeitet werden können wie das Biogut – Berlin ist, was Biogas angeht, auf einem guten Weg.

Ingo von Dahlern


Aus der Ausgabe 2 / 2010

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