Du bist, was du fährst
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Stein des Anstoßes: Der Dienst-Maserati des ehemaligen Geschäftsführers der Berliner Treberhilfe Foto: dpa |
Das passte einfach nicht zusammen. Eine mit öffentlichen Mitteln geförderte gemeinnützige Gesellschaft und Mitglied im Diakonischen Werk, deren 280 Sozialarbeiter und Streetworker sich für die Ärmsten der Armen der Hauptstadt engagieren, und ein Geschäftsführer, der sich in einem 114 000 Euro teuren Luxussportwagen der Marke Maserati als Dienstwagen chauffieren ließ. Der öffentliche Aufschrei über derartige Missverhältnisse zwischen dem sozialen Auftrag der Treberhilfe Berlin und deren automobiler Protzigkeit war unüberhörbar und schnelles Handeln angesagt, um dem Image des durchaus erfolgreichen Unternehmens keinen bleibenden Schaden zuzufügen. Inzwischen ist der Geschäftsführer zurückgetreten, der Maserati verkauft, und Diakonisches Werk und Senat bemühen sich um Schadensbegrenzung.
Doch die in diesem Zusammenhang diskutierte Frage, welcher Dienstwagen eigentlich zu welchem Unternehmen passt, bleibt aktuell. Und wer als Unternehmer oder Gewerbetreibender derzeit oder künftig eine Entscheidung über ein zu seinem Betrieb passendes Fahrzeug treffen muss, wird schnell feststellen, dass die richtige Antwort sehr viel schwieriger ist, als es auf den ersten Blick scheint. Denn das Auto eines Unternehmens gilt in unserer Gesellschaft eben immer auch als ein wichtiges Statussymbol, signalisiert Macht, Einfluss, Einkommen, Prestige und gesellschaftlichen Stand. Und die Aussage „Du bist, was Du fährst“ hat offenbar größere Bedeutung, als man wahrhaben möchte.
Doch es gibt, und hier liegt das Problem, kein Regelwerk, keine Listen und Tabellen, in denen man anhand einiger Kernkriterien herausfinden kann, wie teuer, wie groß, wie repräsentativ, wie schlicht oder unauffällig der passende Dienstwagen sein sollte und welches Markenzeichen er tragen sollte oder darf.
Bei Spitzenmanagern und Spitzenpolitikern ist das einfacher. Die lassen sich fast durchweg mit den Limousinen der Top-Baureihen der drei deutschen Premium-Marken chauffieren und sind damit, da sich kein erkennbarer Widerspruch regt, offenbar regelkonform motorisiert. Für die Hierarchieebenen darunter ist sowohl in großen Wirtschaftsunternehmen als auch der Verwaltung mit oft geradezu beängstigender Akribie und Bürokratie geregelt, wie groß Büros, wie teuer deren Ausstattung sein und welche Eigenschaften die je nach Position genutzten Dienstwagen haben dürfen. Und wieder zeigt sich klar, dass die Marken, die sich als Premium etabliert haben, die Szene beherrschen.
Kleinere Unternehmen, für die es keine Vorgaben für Dienstwagen gibt, orientieren sich an den Regeln von Wirtschaft und Verwaltung. Wer als Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebes mit einem Mercedes-Benz, einem BMW oder einem Audi unterwegs ist, kann eigentlich nichts falsch machen – es sei denn, er entscheidet sich für eine Leistungs- oder Ausstattungsklasse, die extrem aus dem Rahmen fällt und das auch erkennen lässt. Damit ist die Frage nach dem Wagen, der für ein Unternehmen passt, immer dann schnell und einfach beantwortet, wenn man sich unauffällig im Mainstream bewegt.
Wen wundert es, dass sich die Mehrheit der mittelständischen Unternehmer und viele Gewerbetreibende hier schlicht anpasst, um in Sachen Status keine Angriffspunkte zu bieten. Denn wie unsicher das Terrain für individuelle Lösungen ist, zeigt allein schon die gerade in den vergangenen Tagen erkennbare Kritik am Chef des Unternehmens Henkel Kasper Rorsted, der es „wagt“, statt der üblichen Limousinen einen Porsche Panamera zu fahren. Es ist unverkennbar: Wenn es um den passenden Dienst- oder Firmenwagen geht, lassen sich schnell Neid und Missgunst ausmachen. Damit wird jedes Abweichen von der Regel erklärungsbedürftig.
Analyse - Wer einen Dienstwagen anschafft, sollte über den Zweck nachdenken
Doch es gibt durchaus plausible Gründe, auch andere als die etablierten Premiummarken zu fahren. Vor allem dann, wenn der Geschäfts- oder Dienstwagen nicht nur der Repräsentation zu dienen hat, sondern durchaus auch nach praktischen Gesichtspunkten gewählt werden muss. Dann kann ein Kombi statt der normalerweise üblichen Limousine nämlich angesichts der Transportaufgabe und des dabei erforderlichen Raumbedarfs sehr viel sinnvoller sein. Und was transportiert werden muss, hängt entscheidend vom jeweiligen Unternehmen ab. Kurzum: Es kommt darauf an, vor der Entscheidung für ein Fahrzeug sehr genau und ehrlich zu analysieren, welche Aufgaben das Fahrzeug neben dem normalen Personentransport noch zu erfüllen hat.
Ebenso sollte man genau wissen, welche Strecken das Fahrzeug normalerweise zurückzulegen hat und welche Straßen befahren werden. Denn solche Faktoren haben wichtigen Einfluss auf Motorwahl, Getriebewahl und Ausstattung. Wer beispielsweise zu jeder Jahreszeit mit dem Fahrzeug unterwegs sein muss und sich auch auf kleineren Straßen bewegt, für den könnte sich ein Wagen mit Allradantrieb anbieten. Für ein Unternehmen, das unter allen Witterungsbedingungen immer wieder auch Ziele abseits fest ausgebauter Straßen erreichen muss, kann es sinnvoll sein, sich für ein robustes Fahrwerk und Geländequalitäten zu entscheiden.
Hat man das Anforderungsprofil für den Dienstwagen exakt und ehrlich fixiert, kann sich schnell zeigen, dass ein solches Fahrzeug bei den Premiummarken gar nicht verfügbar ist. Es kann sogar passieren, dass man selbst unter den auf dem Markt vertretenen deutschen Marken keinen passenden Anbieter findet. Dann sollte man sich letzten Endes für das passende Fahrzeug entscheiden, auch wenn Dienstwagen mit ausländischen Markenzeichen in Deutschland bis auf Renault, Toyota und Volvo, die es hierzulande inzwischen in kleineren Stückzahlen in die Dienstwagenliga geschafft haben, immer noch selten sind.
Ein weiterer Faktor, der die Entscheidung für die Dienstwagen der Geschäftsführung beeinflusst, ist auch, welche Autos im Fuhrpark der Firma vorhanden sind. Wer zum Beispiel mehrere Transporter und Servicefahrzeuge von VW fährt, ist gut beraten, dann auch den Dienstwagen von dieser Marke zu nehmen. Nicht ohne Grund hat sich hier der VW-Passat in den vergangenen Jahren eine beachtliche Position aufbauen können. Und wenn der Platzbedarf etwas größer ist, könnte auch ein Skoda Superb in Frage kommen, der mit seinem großzügigen Fond als Chauffeurlimousine geeignet ist und mit einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis punktet.
Auch die Tätigkeit des Unternehmens kann ein wichtiger Faktor für die Fahrzeugwahl sein. Wo der möglichst ökonomische Umgang mit Energie zum Geschäftszweck gehört, passt sicher eines der immer zahlreicheren angebotenen Eco-Modelle. Und wer sich mit alternativen Energien befasst, kann dieses Engagement eventuell mit einem Erdgasfahrzeug wirksam unterstreichen.
Fazit: Wenn es um mehr als nur Repräsentation geht, ist die Wahl des geeigneten Dienstautos alles andere als einfach. Und man muss bereit sein, dem sich bei einer Wahl außerhalb der etablierten Klischees einstellenden Erklärungsbedarfs nachzukommen. Doch das ist zu bewältigen.
Der unverkrampfte Umgang eines italienischen Spitzenmanagers mit diesem Problem, der im dichten römischen Stadtverkehr entspannt mit einem Cinquecento unterwegs ist, dürfte für Deutschland vorerst eine Utopie bleiben. Auch wenn es Hoffnung gibt: Immerhin zählte ein Berliner Unternehmer zu den Ersten, die im Januar das Steuer eines e-smart für Fahrten in der Stadt in die Hand nahmen.
Ingo von Dahlern
Aus der Ausgabe 4 / 2010
