Es werde Licht
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Sehen und gesehen werden: Autounfälle können vermieden werden, wenn alle auch tagsüber mit Licht fahren. Foto: dpa |
Das Licht am Fahrzeug auch beim Fahren am Tag einschalten – für Motorradfahrer ist das bei uns seit gut zwei Jahrzehnten selbstverständlich. Schwedens Autofahrer aktivieren bereits seit 1977 mit dem Drehen des Zündschlüssels das Abblendlicht. Inzwischen gilt die Vorschrift, auch am Tage das Licht anzuschalten, in 20 europäischen Ländern. Deutschland schreibt kein Licht am Tage vor, empfiehlt es aber ebenso wie Frankreich und die Schweiz.
Licht am Tag erscheint vielen als überflüssig, als Geldverschwendung für zusätzliche Tagfahrleuchten und den Kraftstoffmehrverbrauch und als unnötige CO2-Emission. Denn als Fahrzeuglenker sieht man bei Tageslicht schließlich einwandfrei, und zusätzlich eingeschaltetes Licht bringt aus dieser Perspektive nichts. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn Licht am Auto dient nicht nur dazu, besser zu sehen. Von weitem erkennbare Scheinwerfer erlauben es anderen Verkehrsteilnehmern und insbesondere dem Gegenverkehr, entgegenkommende Fahrzeuge früher zu erkennen. Licht am Fahrzeug dient eben auch dazu, gesehen zu werden.
Das ist besonders wichtig für die mit ihrer schmalen Silhouette schwer erkennbaren Motorradfahrer, aber durchaus auch wichtig für alle zweispurigen Fahrzeuge und nach zahlreichen Studien ein wichtiger Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. So kam eine 2005 abgeschlossene Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) zu dem Ergebnis, dass sich rund drei Prozent der Unfälle vermeiden ließen, wären alle Fahrzeuge auch tagsüber mit Licht unterwegs.
Inzwischen ist man auch in Brüssel überzeugt, dass das Fahren mit Licht am Tage einen wirksamen Beitrag zur Senkung der Unfallzahlen leisten kann. So hat die Europäische Kommission im vergangenen Jahr beschlossen, dass vom 7. Februar 2011 an alle neu zugelassenen Personenwagen und Transporter und von August 2012 an alle Nutzfahrzeuge mit so genannten Tagfahrleuchten ausgestattet sein müssen. Offen gelassen hat man allerdings, ob diese Leuchten auch genutzt werden müssen.
2012 müssen in der EU alle Nutzfahrzeuge Tagfahrleuchten haben
Die höhere Sicherheit durch Tagfahrleuchten gibt es allerdings nicht zum Nulltarif. Gleich in zwei Bereichen fallen dafür zusätzliche Kosten an. Der eine Posten ist die zusätzliche Hardware, der zweite ein mit dem ständig eingeschalteten Licht einhergehender Mehrverbrauch an Sprit. Denn wenn zusätzliche Lampen am Auto leuchten sollen, benötigen sie dafür Strom. Der wird durch den Generator, früher als Lichtmaschine bezeichnet, an Bord produziert. Und das kostet zusätzlichen Sprit.
Zwar sind die zusätzlichen Kosten für das einzelne Fahrzeug überschaubar – aber multipliziert man diese recht kleinen Beträge mit der Gesamtzahl der vielen Millionen Autos, die tagtäglich auf unseren Straßen rollen, dann ergeben sich daraus schnell mehrstellige Millionenbeträge. Diese werden besonders hoch, wenn man die auf den ersten Blick einfachste Lösung für das Fahren mit Licht Tage wählt: das Fahren mit Abblendlicht. Dabei fallen zwar keine Kosten für zusätzliche Technik an. Aber der erhöhte Lampenverschleiß dürfte pro Fahrzeug rund 5,00 Euro jährlich ausmachen, was sich für 50,2 Millionen in Deutschland zugelassene Kraftfahrzeuge auf stolze 250 Millionen Euro summiert.
Erheblich stärker zu Buch schlägt der mit dem eingeschalteten Fahrlicht einhergehende Spritverbrauch. Da zusammen mit dem Abblendlicht auch Begrenzungsleuchten, Rücklichter und die Kennzeichenbeleuchtung brennen, was einen Verbrauch von 140 Watt bedeutet, steigt der Spritverbrauch um durchschnittlich 1,3 Prozent, was natürlich auch für die CO2-Emissionen gilt. Bereits 2005 ermittelte die BASt, dass das 817 Millionen Liter Sprit Mehrverbrauch entspricht, was mehr als eine Milliarde Euro Mehrkosten für die Autofahrer bedeuten würde. Mit jedem zusätzlich verbrauchten Liter Sprit steigen auch die CO2-Emissionen. Österreich haben derartige Berechnungen veranlasst, seine am 15. November 2005 eingeführte Pflicht zum Fahren mit Licht am Tage zu überprüfen und die Lichtpflicht am 1. Januar 2008 wieder aufzuheben.
- Bereits 20 europäische Länder schreiben vor, dass bei Autos auch beim Fahren am Tag das Fahrlicht eingeschaltet sein muss.
- Allerdings bestehen erhebliche Unterschiede, auf welchen Straßen diese Regelung gilt. Und nicht in allen Ländern gilt die Vorschrift ganzjährig.
- Zu jeder Zeit und auf allen Straßen innerorts und außerorts muss das Licht in Bosnien-Herzegowina, Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Mazedonien, Montenegro, Norwegen, Polen, Schweden, Serbien, der Slowakei, Slowenien und Tschechien eingeschaltet sein.
- Nur in den Wintermonaten, die in Bulgarien vom 1. November bis zum 1. März des Folgejahres und in Kroatien vom letzten Sonntag im Oktober bis zum letzten Sonntag des März dauern, besteht in diesen beiden Ländern Lichtpflicht.
- In Italien, Rumänien, Russland und Ungarn besteht die Lichtpflicht nur auf Autobahnen und außerorts.
- Als Fahrlicht werden in Italien und Skandinavien, ausgenommen Norwegen, auch Tagfahrleuchten akzeptiert.
- Die übrigen Länder tolerieren Tagfahrleuchten überwiegend, aber es gibt keine ausdrücklichen Regelungen.
- In Polen, Slowenien und Litauen sollte man, da von dort Beanstandungen bekannt geworden sind, zur Sicherheit mit Abblendlicht fahren.
Das mag aus heutiger Sicht ein wenig voreilig gewesen sein. Denn zum Fahren mit Abblendlicht am Tage gibt es inzwischen eine attraktive Alternative, die ohne die klassischen Glühlampen auskommt. Beim Auto werden diese nicht durch so genannte Energiesparlampen ersetzt, sondern durch Leuchtdioden oder kurz LED (Lichtemittierende Diode oder light emitting diode).
Als farbige Varianten werden diese Dioden längst für Rück- und Bremslichter sowie Blinker eingesetzt. Nun kommen sie als weißes Licht liefernde LED in speziellen Tagfahrleuchten an der Fahrzeugfront zum Einsatz. Ein entscheidender Vorteil zu herkömmlichen Birnen: Statt der 140 Watt Leistungsaufnahme beim Abblendlicht reichen nun 14 Watt für ein Leuchtenpaar.
Das sind gerade einmal zehn Prozent des Stroms, den Glühbirnen bisher verbraucht haben. Damit sinkt der mehr verbrauchte Sprit für den Fall, dass für das Tagfahrlicht künftig nur LED eingesetzt werden, auf lediglich 0,1 Prozent oder 78 Millionen Liter Kraftstoff pro Jahr. Natürlich haben auch die LED-Tagfahrleuchten ihren Preis. Nachrüstsätze werden ab 70 Euro angeboten. Für den doppelten Preis gibt es bereits hochwertige Produkte. Doch für geschickt in moderne Scheinwerfer integrierte LED, die bei immer mehr neu auf den Markt kommenden Fahrzeugen inzwischen zur Ausstattung gehören, sollten die Mehrkosten vertretbar sein. Zudem ist die neue Lichttechnik auch relativ einfach nachrüstbar. Da immer mehr ältere Fahrzeuge mit LED-Tagfahrlicht auf unseren Straßen unterwegs sind, nehmen Autofahrer die neuen Dioden offenbar an.
Soeben hat zum Beispiel Autolicht-Spezialist Hella mit dem Nachrüstpaket LEday flex ein System auf dem Markt gebracht, das mit seinen einzelnen Modulen eine individuelle Gestaltung der Tagfahrleuchten gestattet und für weniger als 200 Euro verfügbar ist. Besonders erfreulich bei einer Investition in ein modernes Tagfahrlicht ist außerdem, dass diese Technik eine hohe Lebensdauer hat. Meist halten die Dioden ein ganzes Autoleben lang und bedürfen keinerlei Wartung, so dass keine Folgekosten entstehen.
Der bemerkenswerte Erfolg von LED für Tagfahrleuchten sollte allerdings nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass schon bald die gesamte Lichttechnik unserer Autos auf LED-Technik umgestellt wird. Zwar gibt es bereits verschiedene Fahrzeuge, die über ein LED-Abblendlicht verfügen. Und für den Audi R8 ist sogar ein komplett elektronischer LED-Scheinwerfer verfügbar, der auch über LED-Fernlicht verfügt. Doch diese Technik ist extrem teuer, sie kostet etwa das Zehnfache der bewährten und unschlagbar preiswerten Lichttechnik mit der Halogenlampe, die keine aufwändigen Steuergeräte benötigt wie die LED-Technik. Daher wird die Halogenlampe auch auf absehbare Zukunft die Szene für Abblend- und Fernlicht beherrschen. So wird die LED-Technik erst einmal die einfacheren Anwendungen erobern, was einhergeht mit völlig neuen Designlösungen für Leuchten, wie das die neuesten Modelle zahlreicher Autohersteller überzeugend demonstrieren.
Parallel zur Verbreitung von LED-Tagfahrleuchten zeigt sich aber ein Problem, das angesichts sich immer schneller entwickelnder moderner Techniken in vielen Bereichen immer ernster wird. Denn offenbar fällt es den Gesetzgebern nicht nur in Deutschland immer schwerer, sich schnell genug auf solche Entwicklungen einzustellen.
LED - Die Strahler sind teurer als Halogenlampen, halten aber länger
So werden in den kommenden Jahren zwar immer mehr Fahrzeuge mit LED-Tagfahrleuchten unterwegs sein, die von ihrer Funktion her eine überzeugende Lösung bieten, was die Erkennbarkeit der Fahrzeuge angeht. Dennoch werden sich die Fahrer solcher Autos darauf einstellen müssen, dass ihr LED-Fahrlicht zumindest nach aktuellem Gesetzesstand in zahlreichen Ländern, in denen das Einschalten des Lichts auch am Tage Pflicht ist, nicht akzeptiert wird.
Das führt zu der absurden Situation, dass das LED-Tagfahrlicht je nach Land akzeptiert oder in Ermangelung klarer Regeln toleriert oder geahndet werden kann. In Italien und allen skandinavischen Ländern mit Ausnahme Norwegens sind LED-Tagesfahrlichter beispielsweise erlaubt (siehe Kasten).
In den übrigen europäischen Ländern wird Tagfahrlicht in der Regel toleriert. Da in vielen Ländern bei nicht korrekter Beachtung der Lichtpflicht zum Teil erhebliche Geldbußen fällig werden – Estland und Norwegen kassieren dafür zum Beispiel 190 respektive 185 Euro – sollte man zur Sicherheit trotz verfügbarer moderner LED-Technik einen Rückgriff in die Steinzeit machen und in diesen Ländern mit Abblendlicht fahren.
Ingo von Dahlern
Aus der Ausgabe 5 / 2010
