Höher gelegen

Obwohl sie als Klimakiller gelten, werden Geländewagen auch in Unternehmen immer häufiger genutzt. Sparsamere, kompakte Modelle beherrschen den Markt
Allrad für die Chefetage: Der Q7 von Audi wird besonders häufig gewerblich zugelassen. Foto: promo

Limousinen und Kombis sind die klassischen Dienstwagen für viele deutsche Unternehmen. Geländewagen oder SUV sind Ausnahmen. Denn in den meisten Dienstwagenordnungen ist mit der Formulierung „keine SUV“ klar festgelegt, dass dort für die kantigen und hochbeinigen Allradler kein Raum ist. Geländewagen gelten als teuer bei der Beschaffung und im Betrieb, und unter dem Aspekt des Umweltschutzes mit hohen Verbrauchs- und damit CO2-Werten auch als unvereinbar mit einem zeitgerechten Unternehmensimage.
So wird die Fahrzeugklasse als Dienstwagen sehr konsequent ausgegrenzt.

Die Realität auf deutschen Straßen sieht anders aus. Die Haltung der Autokäufer zu dieser Fahrzeuggattung ist geradezu konträr zu deren Negativbild. Blickt man in die Zulassungsstatistiken für 2010, zeigt sich mit überraschender Deutlichkeit, dass Geländewagen bei Autokäufern beliebt sind und 2010 einen deutlichen Sprung nach vorn gemacht haben. Dagegen sind die Zulassungszahlen von Minis, Kleinwagen und Kompakten teils dramatisch geschrumpft.

Unter zehn neu zugelassenen Autos war 2010 je ein Geländewagen

Die Gesamtzulassungen von 2010 sind um 890 915 Fahrzeuge und damit 23,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 2 916 260 gesunken. Federn lassen mussten dabei mit 44,9 Prozent Rückgang Minis, mit 40,3 Prozent Rückgang Kleinwagen und mit 27,2 Prozent Rückgang Kompakte. Von 244 792 Neuzulassungen im Jahr 2009 auf 295 254 gestiegen ist dagegen die Zahl der neu zugelassenen Geländewagen. Das sind 20,6 Prozent Zuwachs. Damit wuchs der Anteil dieser Fahrzeugklasse an den Neuzulassungen von 6,4 auf 10,1 Prozent – 2010 war jeder zehnte neu zugelassene Personenwagen ein Geländewagen.

Angesichts dieser Entwicklung muss man fragen, was den Reiz dieser Fahrzeugklasse ausmacht. Sieht man Geländewagen einmal nicht unter umweltschonenden Aspekten, dann bieten sie ihren Nutzern ein Bündel von Qualitäten, die in anderen Fahrzeugkategorien in dieser Kombination nicht verfügbar sind. Neben dem Allradantrieb, der auch unter schwierigen Fahrbedingungen, wie sie dieser Winter zur Genüge lieferte, ein sicheres Vorankommen erlaubt, sind das die hohe Bodenfreiheit und die erhöhte Sitzposition im Cockpit, die dem Lenker eine optimale Sicht aufs Verkehrsgeschehen bietet und ein hohes Sicherheitsgefühl vermittelt.

Hinzu kommen viel Platz und große Kopffreiheit für die Passagiere und ein in Volumen und Variabilität klassischen Kombis meist überlegener Laderaum. In diesem kann man einen Kinderwagen, ein Fahrrad, anderes Sport- und Freizeitgerät oder auch sperrige Ladung unterbringen. Auch beim Image von Geländewagen hat es im vergangenen Jahrzehnt einen Wandel gegeben. Die Zeit, in der man bei Geländewagen primär an Land Rover Defender, Toyota Land Cruiser, Mercedes G, Mitsubishi Pajero, Nissan Patrol oder Jeeps mit robuster Optik bis zum Bullfänger und an großvolumige, gewaltige Mengen von Benzin schluckende Motoren dachte, also an Arbeitstiere statt an Autos für den Alltag, sind vorbei.

Für Geländewagen hat „ein Gattungswechsel stattgefunden“, wie es Christoph von Tschirschnitz, Leiter des Direktvertriebs von BMW, formuliert. Erster Vertreter dieser neuen Art von Geländewagen, die BMW unter der Abkürzung SAV (Sports Activity Vehicle) auf die Straße brachte, sei der 2000 eingeführte BMW X5 gewesen – „ein Fahrzeug mit hohen technischen Fähigkeiten und mit einem modernen Konzept, das sich auch optisch im Stadtalltag mit gutem Gewissen sehen lassen konnte.“ Statt eines durstigen Benzinmotors stand dafür ein sparsamer Dieselmotor zur Wahl.

Den großformatigen Geländewagen gesellte sich zudem eine permanent wachsende Zahl kompakterer Wagen zur Seite, die mit ihren Verbrauchs-
werten und damit ihren CO2-Emissionen problemlos die Werte klassischer Limousinen und Kombis erreichte. So wurde aus den Spezialisten, die es als Fahrzeuge für besonders harte Geländeeinsätze heute noch gibt, eine neue Fahrzeugkategorie für den Alltags- und Freizeiteinsatz mit Nutzervorteilen, die seitdem an Beliebtheit gewinnt.

Das gilt nicht nur für private Nutzer. Diese machen mit aktuell 47,7 Prozent knapp die Hälfte aller Geländewagenkäufer aus, während 52,3 Prozent gewerbliche Halter sind. Und die Zahl der gewerblich genutzten Fahrzeuge nimmt zu. Dabei gibt es große Unterschiede je nach Modell und Fahrzeuggröße.

Spitzenreiter war 2010 mit 38 687 Neuzulassungen der Volkswagen Tiguan, der allerdings seinen Spitzenwert von 44 513 Neuzulassungen im Jahr 2009 deutlich unterschritt. Zugleich wuchs der Anteil der gewerblichen Zulassungen von 34,2 auf 43,8 Prozent. Platz zwei belegte der 2009 eingeführte BMW X1 mit 26 634 Fahrzeugen, 9,0 Prozent an den Neuzulassungen und einem gewerblichen Anteil von 40,9 Prozent. Nummer drei war der Audi Q5, dessen Neuzulassungen von 22 710 im Jahr 2009 auf 23 148 im vergangenen Jahr wuchsen, was 7,8 Prozent an den Neuzulassungen entspricht. Davon waren 63,2 Prozent gewerblich.

Das Image der Geländewagen hat sich seit dem Jahr 2000 grundlegend geändert

Bei allen übrigen Geländewagen lag der Anteil der Neuzulassungen unter der Fünf-Prozent-Marke, wobei der Ford Kuga mit 14 056 Fahrzeugen sowie einem gewerblichen Anteil von 56,4 Prozent Platz vier und der Skoda Yeti mit 13 817 Fahrzeugen und einem gewerblichen Anteil von 32,6 Prozent Platz fünf belegte. Für viele überraschend dürfte mit 11 396 Neuzulassungen der sechste Platz für den erst im April 2010 eingeführten preiswerten Dacia Duster sein, der mit 18,6 Prozent einen niedrigen Anteil gewerblicher Zulassungen hat. Einen interessanten Trend zeigt der Anfang 2010 eingeführte Hyundai iX35, der es auf 10 703 Neuzulassungen bei einem gewerblichen Anteil von 37,4 Prozent brachte.

Diese Zahlen machen deutlich, dass im Segment der Geländewagen die kompakteren Modelle klar die Szene beherrschen und die privaten Käufer Trendsetter sind. Doch mit Werten zwischen einem Drittel bis zu knapp zwei Dritteln beim Audi Q5 sind auch gewerbliche Halter eine ernst zu nehmende Größe, wenn sie auch meist keine klassischen Flottenkunden sind. Wenn, dann werden kompaktere Modelle wie der BMW X1 gekauft. Dieser wird etwa bei einem großen Pharmabetrieb als Flottenfahrzeug im Außendienst eingesetzt.

Deutlich höher liegt der gewerbliche Anteil bei großen, klassischen Geländewagen. Den höchsten Anteil bei den gewerblichen Zulassungen verzeichnen mit 80 Prozent der Audi Q7, mit 82,4 Prozent der VW Touareg, der Infiniti FX mit 83 Prozent, die G-Klasse mit 83,2 Prozent und mit 84,9 Prozent die GL-Klasse von Mercedes-Benz.

Diese Wagen werden von Vorstand und Geschäftsleitung, aber vor allem von Mitgliedern freier Berufe wie Architekten, Ärzten, Rechtsanwälten und Geschäftsleuten gefahren, die bei der Fahrzeugwahl keinen Dienstwagenregeln unterliegen. Das bestätigten Anbieter von Klassikern wie Land Rover und Jeep ebenso wie später in diese Kategorie vorgestoßene Marken wie Porsche und Volkswagen, die mit dem Tiguan das derzeit auf dem deutschen Markt meistgefragte Modell anbietet.

Zur Rolle von Geländewagen als Dienstwagen heißt es bei Volkswagen: „Der Tiguan und Touareg spielen bei den klassischen Flottenfahrzeugen gegenüber unseren Hauptmodellen Passat Variant und Golf Variant eine eher kleine Rolle.“ Aufgrund des Designs, der Mehrausstattungen und Assistenzsysteme würden sich viele so genannte User Chooser, die sich Fahrzeuge aus einem vorgegebenen Fuhrpark aussuchen können, für diese Modelle entscheiden. Der Touareg werde vor allem auf Geschäftsleitungsebene genutzt, der Tiguan habe mit seinem Allrad seine Berechtigung in Flotten. „Der Tiguan erfreut sich auch bei kleinen Gewerbetreibenden in unserem Professional Class Programm steigender Beliebtheit.“

Ingo von Dahlern


Aus der Ausgabe 2 / 2011

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