Made in Germany

Ein Stern wird 100

Die Niederlassung von Mercedes Benz am Salzufer feiert Jubiläum. Längst hat sich das Autohaus zu einem der angesagtesten Treffpunkte in Berlin entwickelt
1913: Fahrzeugkolonne und Flaneure vor dem Mercedes-Haus Unter den Linden 50/51 Foto: promo

Krise? Welche Krise? Während der Rest der Welt redet, über Absatzeinbußen und Abwrackprämien, wird bei Mercedes am Salzufer gefeiert, mit reichlich Prominenz und Tagen der offenen Tür für alle Berliner. Hier haben sie schon ganz andere Krisen überstanden: Die größte und umsatzstärkste Niederlassung des ältesten Automobilherstellers der Welt wird in diesen Tagen 100 Jahre alt.
Längst werden hier nicht mehr nur noch Autos verkauft: Das Herzstück der Niederlassung Berlin von Mercedes-Benz hat sich mit rund einer Million Besuchern und rund 200 Events jährlich zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt Berlins entwickelt. Unter hohen Palmen, an Teichen mit Seerosen und auf einem baumbestandenen Marktplatz mit Bar und Restaurant sowie in einem modernen Tagungszentrum werden Konferenzen abgehalten, Empfänge gegeben, neue Modelle vorgestellt. Theater gespielt und Konzerte veranstaltet, wird diskutiert, gefeiert, getanzt oder die gewaltige Videowand beim Public Viewing belagert.

Bescheiden und geradezu unauffällig angefangen hat vor 100 Jahren dieses Unternehmen, das  heute mit rund 1400 Mitarbeitern und derzeit neun Standorten zu den größten Arbeitgebern der Stadt gehört. Für die Daimler-Motoren-Gesellschaft, die 1909 noch als harter Konkurrent von Benz & Cie. um zahlungskräftige preußische Kunden kämpfte, war die Gründung der Niederlassung in der Hauptstadt des Kaiserreichs ein lange ersehnter Befreiungsschlag.

Hybridtaxis der Marke Mercedes rollten schon vor 100 Jahren durch Berlin

Obwohl Kraftwagen, wie Autos im Gründungsjahr der Niederlassung genannt wurden, in Deutschland für die meisten ein teures Luxusgut waren, zählte Berlin mit den angrenzenden Städten wie zum Beispiel dem reichen Charlottenburg mit 6500 Fahrzeugen bereits zu den am stärksten motorisierten Regionen Deutschlands. Und sowohl Daimler als auch die fast zeitgleich entstandene Benz-Niederlassung trugen maßgeblich dazu bei, dass der Verbrennungsmotor den damals im Droschken- und Fuhrgewerbe sowie beim Militär noch vorherrschenden „Hafermotor“ zusehends verdrängte. Und wenn sich auch nur wenige Berliner ein Auto leisten konnten, nutzten sie es doch mehr und mehr. als Fahrgäste von Motordroschken und Motoromnibussen.

Längst vergessen, aus heutiger Sicht aber hochaktuell ist, wie damals im Berliner Droschkengewerbe Verbrennungsmotor und Elektroantrieb miteinander konkurrierten. Damals rollten sogar erste Mercedes-Mixte Hybridtaxis durch die Hauptstadt. Ebenso vergessen ist, dass die deutsche Hauptstadt damals eines der ganz großen Zentren des Automobilbaus war, wo unter anderem Protos und NAG als Automarken der großen Elektrokonzerne Siemens und AEG den Marienfelder Daimler-Wagen Konkurrenz machten.

Um der zunehmenden Konkurrenz auch aus dem Ausland gegenüberzutreten, wurde 1913 Unter den Linden 50/51 ein neues Mercedes-Haus eingeweiht, mit repräsentativem Ausstellungssalon, an einer der besten Adressen Berlins. Als eines der wenigen Gebäude an Berlins Prachtboulevard, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, ist es mit der Hausnummer 28/30 heute Teil der 2008 eröffneten „Kaiserhöfe“.

Knapp ein Jahr nach Eröffnung fuhren überhaupt keine privaten Wagen mehr in Berlin. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Die deutschen Autohersteller bauten vor allem Lastwagen für das Militär, Daimler und Benz auch Flugmotoren und Bootsmotoren. Benz erwarb von Siemens ein großes Grundstück am Salzufer und errichtete eine der modernsten Reparaturwerkstätten jener Zeit. Der für Deutschland verlorene Krieg hinterließ ein politisch und wirtschaftlich völlig verändertes und von Krisen geschütteltes Land. Mercedes baute in Berlin für ein paar Jahre sogar Fahrräder, Benz bei der in Berlin ansässigen Benz-Sendling AG auch Motorpflüge, die auch ein wichtiger Entwicklungsträger für den Dieselmotor waren.

1,2 Millionen potenzielle neue Kunden hat die Wende mit sich gebracht

1926 fusionierten die einstigen Konkurrenten Daimler und Benz zur Daimler-Benz AG, die sich am Salzufer etablierte und ihre Fahrzeuge unter der Marke Mercedes-Benz anbot. Die entwickelte sich zunehmend zur Prestigemarke, prägte auch den Motorsport und eroberte mit dem Dieselmotor vor allem den Nutzfahrzeugmarkt. Die Niederlassung Berlin war groß wie nie zuvor und bestens im Geschäft, als der Zweite Weltkrieg begann. Als am 8. Mai 1945 die Waffen endlich schwiegen, waren weite Regionen Europas und Deutschlands und insbesondere Berlin ein Trümmerfeld. 

In Trümmern lagen auch die Mercedes-Benz Niederlassung am Salzufer. Teilweise zerstört war auch die 1944 nach Spandau in die Seeburger Straße ausgelagerte Lastwagen-Reparaturabteilung. Als mit dem 14. Mai 1945 als erstem offiziellen Arbeitstag nach Kriegsende in beiden Betrieben die Arbeit wieder aufgenommen wurde, war das ein Start bei Null. Nur fünf Jahre später, ein knappes Jahr nach Ende der Blockade Berlins, ist ein großer Teil des Salzufers wieder aufgebaut. Parallel zum Erstarken der Marke Mercedes-Benz auf dem deutschen Markt wächst auch die Niederlassung Berlin.
 
Autos mit dem Stern sind begehrt während der Wirtschaftswunderjahre. Als 1961 die Mauer Berlin endgültig teilt, gehört die Niederlassung zu den Betrieben, die sich engagiert für eine Stärkung der Wirtschaftskraft des Westteils der Stadt einsetzen. Neben dem Ausbau der Betriebe gehört dazu ein starkes Engagement bei der Ausbildung, sowohl im kaufmännischen als auch im gewerblichen Bereich. Ausgesprochen innovativ ist die Niederlassung 1972 mit der Gründung der ersten deutschen Spezialwerkstatt für Taxis, von denen die meisten auch in Berlin den Stern als Markenzeichen tragen.
 
Als das Auto im Jahr 1986 seinen 100. Geburtstag feiert und die Niederlassung Berlin ihren 77., präsentiert sie sich als ein moderner Betrieb mit zeitgerechtem Serviceangebot und neuester technischer Ausstattung. Drei Jahre später steht sie vor einer neuen Herausforderung. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands verdoppeln auf einen Schlag das Einzugsgebiet der Niederlassung. Um 1,2 Millionen weitere potenzielle Kunden zu bedienen, wird in der Rhinstraße in Marzahn ein ganz neuer Betrieb praktisch aus dem Boden gestampft.

Doch es gibt weitaus ernstere Herausforderungen. Die Anforderungen der Kunden beim Autokauf und Service verändern sich dramatisch. Die Zeiten, als man dankbar war, einen Mercedes kaufen zu dürfen, sind angesichts der wachsender Konkurrenz Geschichte. Auch Mercedes-Benz muss um jeden Käufer kämpfen. Auch um immer neue und immer jüngere Käuferkreise, die mit der Ausweitung der Modellpalette in die Regionen der Kompakten und der Microcars wie dem Smart verbunden sind. Völlig neue Verkaufsstrategien und Serviceangebote müssen entwickelt werden.

Firmeninfo
| Mercedes-Benz Niederlassung Berlin |
Leiter: Walter Müller
Adresse: Daimler AG, 10901 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 1300
Telefon: 030 / 39 01 00
www.berlin.mercedes-benz.de

Die Niederlassung Berlin stellt sich dieser Herausforderung und schafft mit der Mercedes-Welt am Salzufer ein wegweisendes Autohaus der Zukunft. Die hohen Erwartungen, die man mit seiner  Eröffnung im Jahr 2000 verbindet, werden nicht enttäuscht. Die Mercedes-Welt am Salzufer wird zum Flaggschiff des Vertriebs nicht nur in Deutschland, sondern zum Modellbetrieb weltweit. In Berlin gelingt es Mercedes-Benz trotz harter Konkurrenz Marktführer zu werden und diese Position auch 2008 vor Volkswagen zu verteidigen.
Walter Müller, Direktor der Niederlassung Berlin seit 1996, bringt es mit wenigen Sätzen auf den Punkt: „Die Niederlassung hat die Autoszene in Berlin verändert. Sie hat Mobilitätsgeschichte geschrieben. Wir haben mit der Mercedes-Welt am Salzufer neue Maßstäbe für den Vertrieb von Premiummarken und Dienstleistungen gesetzt, die ihresgleichen suchen. Es gibt keinen Wettbewerber, der sich neu in Berlin etabliert, ohne vorher einen Blick auf das Salz-ufer geworfen zu haben.“
Der Ausbau der Niederlassung ist aber noch längst nicht abgeschlossen. Schon in wenigen Monaten kehrt sie mit der Mercedes-Benz Gallery Unter den Linden 14 an jene Straße zurück, an der ihre Geschichte begonnen hat.

Und ebenfalls noch in diesem Jahr wird der neue Nutzfahrzeug-Standort an der Kanalstraße in Neukölln eröffnet. Und dann rücken bald auch wieder Bauarbeiter am Salzufer an, wo die Lücke an der Nordseite des großen Parkplatzes geschlossen wird, so dass hier künftig ein gewaltiges Atrium entsteht.

Ingo von Dahlern


Aus der Ausgabe 2 / 2009

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