Auf der Jagd nach dem falschen Fuffziger

Auch in Berlin ist immer mehr Falschgeld im Umlauf. B-max verrät, wie Sie Blüten auf Anhieb erkennen
Genau hinschauen: Wer Blüten kassiert, bekommt keinen Ersatz. Foto: ddp

In der Wirtschaftskrise sind selbst Banken knapp bei Kasse. Geldhäuser beantragen Staatshilfe, viele mittelständische Unternehmen stecken in der Kreditklemme. Um die leeren Geldbeutel zu füllen, haben organisierte Verbrecherbanden ihr eigenes Konjunkturpaket aufgelegt: Sie fälschen im großen Stil Euroscheine.

Das Geschäft mit den Blüten brummt. Bis Anfang Juli wurden von der Europäischen Zentralbank 413 000 gefälschte Euroscheine europaweit aus dem Verkehr gezogen. Das ist absoluter Rekord. In Deutschland wurden im ersten Halbjahr 24 344 Blüten sichergestellt. Die Schadenssumme belief sich auf 1,6 Millionen Euro.

Nach Angaben der Bundesbank werden vor allem kleine Scheine gefälscht. 10er, 20er und 50er sind besonders beliebte Vorlagen, weil sie einfach in den Geldkreislauf integriert werden können. Bei 100- oder 200-Euro-Scheinen schauen Kassiererinnen doppelt hin, auch, weil es häufig Probleme mit dem Wechselgeld gibt. Spitzenreiter ist laut Bundeskriminalamt seit jeher der „falsche Fuffziger“: 37 Prozent der im ersten Halbjahr 2009 sichergestellten Banknoten waren Noten dieser Art. Auf dem zweiten Platz folgt die 20-Euro-Note mit 28 Prozent. „Insgesamt liegt Deutschland mit rund sechs Fälschungen auf 10 000 Einwohner pro Jahr aber weit unter dem Durchschnitt der Euro-Zone“, sagt Rainer Elm, Falschgeldexperte der deutschen Bundesbank. Im gesamten Euro-Raum liegt der Schnitt bei 26 falschen Scheinen.

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) veröffentlicht keine gesonderten Zahlen für die Hauptstadt. Roswitha Kaden von der hiesigen Zentralstelle für Falschgeld sagt aber: „Bei mir kommt täglich Falschgeld auf den Tisch.“ Auch bei Berliner Betrügern seien 50er und 20er die beliebtesten Fälschungen. Großstädte wie Berlin seien besonders betroffen, denn die Täter suchten den Schutz der Anonymität. Besondere Ziele hätten die Fälscher nicht im Visier: „Überall wo Bargeld fließt, wird versucht, Blüten an den Mann zu bringen.“ Allerdings seien Apotheken überdurchschnittlich häufig betroffen.

Für die Geprellten sind die Fälschungen ein großes Ärgernis. Denn für Blüten gibt es keinen Ersatz. Außerdem ist jede bewusste Weitergabe strafbar. Fallen falsche Scheine bei der Hausbank auf, etwa als Bestandteil der Tageseinnahmen eines Einzelhändlers, benachrichtigt die Bank umgehend die Polizei. Die Beamten entscheiden dann, ob der Ladenbesitzer als Verdächtigter oder Geschädigter einzustufen ist. Um eine Befragung kommt niemand herum.

Apotheken werden besonders häufig Opfer von Falschgeld-Betrügern


Auch der Händler, der eine Blüte als solche erkennt, ist verpflichtet, den Fall bei der Polizei zu melden. Den Kunden, der den Schein dabei hatte, sollte man erst einmal wie Opfer behandeln, nicht wie einen potenziellen Falschgeldbetrüger. Sucht das Gegenüber schnell das Weite, sollte der Kassierer aber sofort die Polizei rufen. Andernfalls kann er den Schein auch annehmen, Namen und Adresse des Kunden notieren und eine Quittung ausstellen — natürlich ohne Ware dafür herauszugeben. Handelt es sich wirklich um eine Fälschung, kann ein nachweislich ahnungsloser Kunde Schadensersatz einfordern, sollte der Täter je ermittelt werden.

Es gibt sehr gute Fälschungen. Doch das Bundeskriminalamt beruhigt: „Es wurden noch keine Fälschungen registriert, bei denen alle Sicherheitsmerkmale nachgemacht wurden“, sagt Sprecherin Sandra Clemens. Das stimmt zwar, aber in der Praxis tauchen trotzdem immer wieder Schwierigkeiten auf. Stress, Druck, keine Zeit, jeden Schein einzeln zu überprüfen. So landen die Imitate schnell unentdeckt in der Ladenkasse. Und viele Blütendrucker haben ihre Hausaufgaben gemacht. „Durch moderne Technik können die Fälscher das augenscheinliche Erscheinungsbild immer besser nachahmen“, sagt Bundesbankexperte Elm. Die beste Fälschung, die der Experte je in der Hand hielt, war vor gut zwei Jahren ein 200-Euro-Schein. Die Blüte, wohl aus dem südosteuropäischen Raum, war optisch überdurchschnittlich gut, nahezu perfekt. Auch das Papier war sehr hochwertig. Selbst das Wasserzeichen war gut imitiert. „Zum Glück taucht der Schein in letzter Zeit nicht mehr auf“, sagt Elm. Ein möglicher Grund: Hochwertige Fälschungen sind in der Herstellung enorm teuer. Deswegen sind gute Falsche fast immer von hohem Wert. Aber die großen Scheine fallen an der Supermarktkasse eben auch stärker auf. 

Wer die Echtheit überprüfen will, der sollte die Sicherheitsmerkmale der Euro-Noten genau untersuchen. Elm empfiehlt den Blick aufs Detail. Sein Motto: „Fühlen, Sehen, Kippen“.

Erster Schritt: Fühlen

„Der Euro ist aus einem Spezialpapier aus reiner Baumwolle. Fälscher müssen auf herkömmliche Papiere ausweichen“, sagt Elm. Blüten sind glatter. Außerdem fehlt ihnen ein weiteres griffiges Merkmal, das so genannte „erhabene Druckbild“. Auf der Vorderseite der Banknoten ist zum Beispiel der Schriftzug „BCE ECB EZB EKT EKP“ aufgeprägt, die Abkürzungen der Europäischen Zentralbank in den Landessprachen der Mitgliedsländer. Streicht man hier mit dem Finger entlang, ist die Wölbung deutlich zu spüren. Das gilt auch für die große Wertzahl. Bei vielen Fälschungen sind die Schriftzüge flach und lassen sich nicht fühlen.

Zweiter Schritt: Sehen
Wer einen Euroschein eingehend betrachtet, dem fällt auf, wie komplex er ist. Hält man die Note ins Licht, wird Verborgenes sichtbar: Etwa ein Wasserzeichen des Architekturmotivs zusammen mit einem auffallend hellen Wasserzeichen der Wertzahl. Auch der so genannte Sicherheitsfaden erscheint, eine dunkle Linie mit heller Beschriftung. Besondere Hürde für Fälscher sind die Zahlenbruchstücke auf Vorder- und Rückseite jedes Scheins. Im Gegenlicht vereinigen sie sich zur Wertzahl.

Dritter Schritt: Kippen
Wird die Banknote gekippt, glänzen bei den kleinen Scheinen auf der Vorderseite im glänzenden Folienstreifen das Euro-Symbol und die Wertbezeichnung im Wechsel. Ab dem 50-Euro-Schein prangt anstelle des Streifens ein Folienelement mit Architekturmotiv und Wertbezeichnung auf der Vorderseite. Auf der Rückseite der 5er, 10er und 20er wird beim Kippen der Glanzeffekt des aufgebrachten Perlglanzstreifens erkennbar. Ab dem 50-Euro-Schein verfügen die Banknoten über ein sogenanntes „optisch variables Element“: Die Wertzahl in der rechten unteren Ecke der Rückseite erscheint je nach Betrachtungswinkel purpurrot, olivgrün oder braun.
Nach diesem Drei-Schritte-System könne jeder mit ein wenig Übung in wenigen Sekunden auch gute Blüten erkennen, sagt Elm. Dennoch setzen viele Geschäftsinhaber auf technische Hilfsmittel. So kommen etwa an vielen Supermarktkassen UV-Lampen zum Einsatz. Banknotenpapier fluoresziert nicht, es bleibt unter UV-Licht dunkel. Lediglich in das Papier eingebettete Fasern, die EU-Flagge und ihre Sterne, die Europakarte, die Brücke, der Notenwert sowie die Unterschrift des EZB-Präsidenten leuchten in grellen Neon-Farben.

Allerdings warnen Experten vor blindem Technikglauben: „UV-Lampen sind eigentlich nicht mehr praktikabel“, sagt Kaden vom Berliner LKA. Die Farbeffekte seien verhältnismäßig leicht zu fälschen, Kontrollen mit Auge und Hand seien in jedem Fall besser. Auch von Prüfstiften, die mit einer Chemikalie Fälschungen braun färben, sei abzuraten: „Mit einer anderen Chemikalie können Fälscher die Reaktion unterbinden“, sagt Elm. Besser – aber auch deutlich teurer – seien professionelle Geldscheinprüfgeräte. Sie checken meist mehrere Sicherheitsmerkmale gleichzeitig. Preislich liegen sie zwischen 150 und 5000 Euro, abhängig von Qualität und Umfang der Kontrollfunktionen. Die nationalen Zentralbanken in der Euro-Zone testen regelmäßig neue maschinelle Geldprüfer. Die Testergebnisse für die Geräte werden auf der Webseite der Europäischen Zentralbank veröffentlicht und ständig aktualisiert. Dort wird auch zu Herstellerfirmen verlinkt (http://www.ecb.int/euro/cashhand/recycling/tested/html/index.de.html).

Wem das zu teuer ist, für den bieten Bundesbank, Landeskriminalämter und Polizei kostenlos Schulungen und Informationsmaterial an (Ansprechpartner siehe Kasten). Mit etwas Übung kommt man fast jedem falschen Fuffziger auf die Schliche.

Adrian Pickshaus


Aus der Ausgabe 9 / 2009

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