Investition statt Dekoration
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Kunst im Betrieb ist mehr als Bilder an der Wand. Als Geldanlage prägt sie das Unternehmen, doch das ist riskant. Foto: promo |
Zu Beginn waren die Kunstwerke nur Dekoration. Mal etwas anderes als der übliche „röhrende Hirsch“, wie Heiner Pietzsch gerne erzählt. Inzwischen sammelt der Berliner Unternehmer zusammen mit seiner Frau Ulla seit 40 Jahren Kunst. Er entwickelte eine Vorliebe für den amerikanischen abstrakten Expressionismus, sie vertiefte sich in den europäischen Surrealismus.
Die Sammlung Pietzsch gilt heute als eine der nicht nur künstlerisch wertvollsten in Deutschland. Salvador Dalí, René Magritte, Joan Miró und Jackson Pollock sind nur einige der Künstler, deren Bilder der heute 80-jährige Pietzsch erworben hat. 180 der Werke sind derzeit unter dem Titel „Bilderträume“ in einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Pietzsch legt sehr viel Wert darauf, dass Kunst vor allem „Leidenschaft und keine Spekulation“ ist. Doch es ist unbestritten, dass er und seine Frau auch einen hervorragenden Blick für bleibende Werte bewiesen haben.
Für Unternehmer, aber auch für Unternehmen kann es aus ganz unterschiedlichen Gründen sinnvoll sein, in Kunst zu investieren. „Große Firmen wie die Deutsche Bank haben vorgemacht, wie Kunst in die Unternehmenskommunikation eingebaut werden kann“, sagt Werner Tammen, Vorsitzender des Landesverbandes Berliner Galerien (LVBG). Nicht nur die Leidenschaft des Sammlers kann dadurch befriedigt werden. Vielmehr werden Branchen, die eher als nüchtern und wenig kreativ gelten, durch die Verbindung mit der Kunst aufgewertet.
Nicht ohne Grund verfügen nahezu alle großen Banken über reichhaltige Sammlungen, die immer wieder der Öffentlichkeit in Ausstellungen zugänglich gemacht werden. Doch auch mittelständische Unternehmen können von Kunst profitieren. „Sie regt Diskussionen an und kann dabei helfen, dass sich Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren“, sagt Andreas Stucken, Inhaber der Kunstberatung Stucken Art Consulting.
Auch mittelständische Unternehmen können von Kunst profitieren
Auch finanziell kann sich die Investition lohnen. Doch dafür braucht man einen langen Atem. Parallel zu anderen Wertanlagen sind die Preise für Kunstwerke im Zuge der Wirtschaftskrise eingebrochen. Rund 30 Prozent verloren sie laut Branchenbarometer Artprice Global Index, der sich weltweit aus Auktionspreisen speist. Erst im zweiten Quartal 2009 sind die Preise wieder leicht um 4,9 Prozent gestiegen.
Allerdings galt der Kunstmarkt in den vergangenen Jahren auch als überbewertet. Werke von zeitgenössischen Künstlern wie Damien Hirst erzielten bei Auktionen zweistellige Millionenbeträge. Auch wenn sich die Preise insgesamt nivelliert haben, heißt dies nicht, dass mit guter Kunst nicht doch noch hohe Erträge erwirtschaftet werden können.
Den Wert eines Kunstwerkes zu bestimmen, erweist sich allerdings als sehr schwierig. Indizes können dafür nur ein Anhaltspunkt sein. „Bis zum Verkauf handelt es sich eher um einen gedanklichen Wert“, sagt Heinrich Carstens, Inhaber der Carstens Art Consulting. Jedes Werk ist eigen, und auch ein Picasso hat nicht immer erstklassige Qualität geliefert. Doch wenn es seine Liebhaber findet, kann der Preis bei einer Auktion in unvorhersehbare Höhen schnellen. Ist das allgemeine Interesse hingegen nicht so groß, geht es womöglich zu einem Schnäppchenpreis an den Käufer. Trotz dieser Unsicherheit sind jedoch beim Kunstkauf einige Regeln hilfreich, um große Enttäuschungen zu vermeiden.
Zu allererst schadet ein gewisses Kunstverständnis nicht. Dafür muss man nicht unbedingt Kunst studiert haben. Schon über die Mitgliedschaft in einem der zahlreichen Berliner Kunstvereine kann man sich mit anderen Interessierten auseinandersetzen, lernt Künstler kennen, besucht Galerien und Ausstellungen. Hierüber werden Hintergründe deutlicher – der Entstehungsprozess eines Kunstwerkes oder das Leben seines Schöpfers. Wichtige Punkte, um ein Kunstwerk „lesen“ und deuten zu können.
Hat man nun das Gefühl, Kunst könnte auch etwas mit dem eigenen Unternehmen zu tun haben, lässt sich dies über eine Ausstellung in den eigenen Räumen gut testen. So verfügt der Neue Berliner Kunstverein zum Beispiel über eine Artothek mit Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die man sich für Ausstellungen in Betrieben ausleihen kann.
Auch Galerien bieten solch einen Service an. „Das ist ein guter Einstieg in das Thema“, sagt Kunstberater Heinrich Carstens. „Es ist nicht so teuer. Man kommt mit den Künstlern in Kontakt und kann schauen, wie das Ganze bei den Mitarbeitern ankommt.“ Dann lässt sich auch sagen, ob Kunst langfristig Teil der Unternehmenskultur werden kann. Das sollte schon Voraussetzung sein, schließlich handelt es sich um nicht unbeträchtliche Summen, die dafür investiert werden müssen. Der Aufbau einer Sammlung koste mindestens 50 000 Euro, rechnet Andreas Stucken von Stucken Art Consulting vor. Damit lasse sich ein erster Stamm aufbauen.
Gute Werke gebe es ab rund 2500 Euro, sagt Kunstberater Heinrich Carstens. „Als Betrieb hat man schließlich einen professionellen Anspruch gegenüber der eigenen Arbeit. Den sollte man gegenüber Kunst auch haben.“ Seine Kriterien für gute Kunst: Der Künstler sollte eine Ausbildung an einer Kunsthochschule absolviert haben. Er sollte erste eigene Ausstellungen vorweisen können und gegebenenfalls von renommierten Galerien geführt werden. Zudem sollte die Arbeit ein gewisses Potenzial haben, sich auch in der Zukunft weiterzuentwickeln.
Christiane-Valerie Gerhold vom Kunstkontor des Deutschen Sparkassen Verlags (DSV) geht sogar noch etwas weiter. „Wichtig ist, ob der Künstler ein Zeichen in der Kunstgeschichte hinterlässt. Dafür sind tolle Solo-Shows in Museen natürlich ein guter Hinweis.“ Der Service des Kunstkontors wird vor allem von vermögenden Kunden der Sparkassengruppe genutzt. Grundsätzlich steht er aber allen interessierten Privatpersonen und auch Unternehmen offen. Schritt für Schritt entwickelt das Kunstkontor zusammen mit den Interessierten ein Konzept für Ankäufe. „Kunst muss zur Firmenphilosophie passen. Deshalb schaut sich unser Team die Räumlichkeiten des Unternehmens an und versucht den Stil herauszuarbeiten.“
Kunst muss zur Firmenphilosophie passen, deshalb sehen wir uns die Räume an
Dabei kann es sinnvoll sein, einen direkten Bezug zwischen Werk und Unternehmen zu suchen. Zu IT-Firmen passt eher eine Video-Installation, in der produzierenden Industrie können eher räumliche Installationen und Skulpturen sinnvoll sein. Insgesamt sollte sich durch die Sammlung ein gewisser roter Faden ziehen. Auch dies kann einen Mehrwert darstellen, der über die einzelnen Werke hinweg wirkt.
Das Kunstkontor verfügt über einen großen Bestand an Bildern, Fotografien, Skulpturen und Grafiken. Bei Interesse kommen die Mitarbeiter vorbei und zeigen anhand einer Probehängung, wie es in den Firmenräumen später einmal aussehen könnte. Gerade in den Vorstandsetagen seien Werke gefragt, bei denen die mögliche Wertsteigerung eine große Rolle spiele, sagt Christiane-Valerie Gerhold. Allein schon aus Prestigegründen.
Als reines Spekulationsobjekt bietet sich Kunst nicht gerade an. Für Werke, die später bei den beiden Auktionshäusern Sotheby‘s und Christie‘s versteigert werden sollen, gilt als Faustformel eine Wertsteigerung von rund 40 Prozent, ehe der Verkäufer einen Gewinn aus der Veräußerung ziehen kann. Diese Summe setzt sich aus Provisionen für die Versteigerung, Versicherungspolicen und anfallenden Steuern zusammen. Ein Vielfaches der Transaktionskosten von Aktien. Zudem ist der Markt bei Weitem nicht so transparent. Schließlich kann man sich bei Aktien jeden Tag am Kurs der Börse orientieren. Viele Kunstwerke wechseln hingegen ohne Öffentlichkeit den Eigentümer.
Geschäftsführer: Andreas Stucken
Adresse: Lehrter Str. 37,
10557 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 2
Telefon: 030 / 39 88 55 99
Web: www.zweigstelle-berlin.de
Und dennoch hat eine Gruppe von Risikokapitalgebern das Thema für sich entdeckt. Ausgehend von einer Initiative der Business Angels FrankfurtRheinMain investieren sie bundesweit in Kulturprojekte. In gewisser Hinsicht käme man dadurch zurück zu den Wurzeln, erklärt Geschäftsführer Frank Müller. Schließlich hätten sich die ersten Business Angels in Amerika auch der Risikofinanzierung von Kulturprojekten gewidmet. Damals noch bei Theateraufführungen auf dem Broadway. Das Themenspektrum der heutigen deutschen Business-Angels ist sehr viel breiter gefächert. Über das „Forum Kultur“ der Business-Angels wurde etwa eine Gesamtausgabe von Handschriften des Komponisten Richard Wagner mit Venture-Kapital finanziert. Aber auch Bildhauer und Fotokünstler werden zu den Kooperationspartnern gezählt.
Das habe nichts mit Sponsoring zu tun, sondern sei ein Investment, an das auch Erwartungen geknüpft werden. „Die Rendite muss risikotragend sein, also mindestens zehn bis zwölf Prozent versprechen, im besten Fall sogar ein Vielfaches des eingesetzten Kapitals“, sagt Müller. Investoren sollten mehre Projekte zu ihrem Portfolio zählen. Wenn dann ein Investment nicht funktioniere, sei es weniger schlimm. „Vielleicht wird es durch einen neuen Damien Hirst ausgeglichen, den man selbst entdeckt hat.“ Im besten Falle hat der Investor selbst damit ein kleines Stück Kunstgeschichte geschrieben.
Henning Zander
Aus der Ausgabe 11 / 2009

