Geld vom Parkett
|
Ab an die Börse: Auch Mittelständler können ihr Kapital durch einen Börsengang erhöhen. Jetzt ist dafür allerdings ein schlechter Zeitpunkt. Foto: dpa |
Frank Pelzer spricht in kurzen, schnellen Sätzen, die alle sitzen wie Schlagzeilen. Das Vorstandsmitglied des Berliner Unternehmens JPK Instruments ist es offensichtlich gewohnt, klare Ansagen zu machen. „Kapital ist ein Rohstoff“, sagt er, „die Börse ist ein Werkzeug.“
Wenn sich die Geschäftsführung des mittelständischen Nanotechnologie-Unternehmens heute Gedanken über einen Börseneinstieg macht, liegt das daran, dass die 2000 gegründete Aktiengesellschaft bislang offenbar alles richtig gemacht hat. „Wir haben gemeinsam an der Humboldt-Universität studiert“, sagt Pelzer über sich und seine zwei Mitgründer. Noch während des Studiums beschlossen die drei Brandenburger, sich mit der Produktion von Spezialmikroskopen selbstständig zu machen, die dreidimensionale Bilder von Oberflächen oder Molekülen liefern.
Börsengang - Vor allem junge Berliner Nanotechnologiefirmen sind daran interessiert
„2002 war unser Startkapital aufgebraucht und das Produkt fertig“, sagt Pelzer. Seitdem ist das Unternehmen stetig gewachsen. „Heute haben wir 65 hochspezialisierte Mitarbeiter“, sagt Pelzer. „Wir erreichen bald zehn Millionen Euro Umsatz.“ Daher liebäugelt JPK Instruments seit einiger Zeit mit der Idee, börsennotiertes Unternehmen zu werden. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Marke etabliert ist, die Geschäfte kapitalintensiver werden und man einen draufsetzen muss“, erklärt Pelzer. In Deutschland hat das Berliner Unternehmen nach eigenen Angaben derzeit einen Marktanteil von rund 70 Prozent, darüber hinaus beliefert JPK Instruments die Medizin- und Pharmabranche in Europa, Asien und Kanada. 15 JPK-Produkte befinden sich aktuell in der Entwicklung, acht bereits in der Markteintrittsphase.
Vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika sieht Pelzer für sein Unternehmen Potenzial: Auf diesem Markt ist JPK Instruments bislang gar nicht vertreten. Für die Markterschließung benötigt die Berliner Firma zusätzliches Kapital. „Die Mittel aus den laufenden Geschäften reichen dafür nicht aus“, erläutert Pelzer. Der Einsatz von Risikokapital, das von Beteiligungsgesellschaften bereitgestellt wird, kommt für sein Unternehmen nicht in Frage, sagt Pelzer. „Bei Risikokapital will die Beteiligungsgesellschaft immer ein Wörtchen mitreden“, sagt Pelzer. „Wir wollen aber die Zügel in der Hand behalten“, sagt er. Es bleiben also nur zwei Wege, an Kapital zu kommen – durch einen strategischen Investor oder den Gang an die Börse.
- Versatel,
Telekommunikation, 27. April 2007, Börsenwert 320 Millionen Euro
- Estavis,
Immobilien, 2. April 2007, Börsenwert 13 Millionen Euro
- Polis Immobilien,
Immobilien, 21. März 2007, Börsenwert 91 Millionen Euro
- Francotyp-Postalia Holding,
Frankiermaschinen, 30. November 2006, Börsenwert 25 Millionen Euro
- Berliner Synchron,
Synchronstudio, 16. Oktober 2006, Börsenwert 3 Millionen Euro
- Tradegate,
Wertpapier-Handelshaus, 12. Oktober 2006, Börsenwert 157 Millionen Euro
- Aleo solar,
Solarenergie, 14. Juli 2006, Börsenwert 120 Millionen Euro
- YOC,
Direktmarketing, 2. Juni 2006, Börsenwert 30 Millionen Euro
- MBB Industries,
Beteiligungsgesellschaft, 9. Mai 2006, Börsenwert 39 Millionen Euro
- Magix,
Software/Internet, 6. April 2006, Börsenwert 60 Millionen Euro
- Frogster Interactive Pictures,
Computerspiele, 10. Februar 2006, Börsenwert 48 Millionen Euro
- Epigenomics,
Pharma, 19. Juli 2004,
Börsenwert 58 Millionen Euro
Quelle: Blättchen & Partner,
Stand 5. Februar 2010
Axel Haubrok, Vorstand der Haubrok AG, betreut Firmen in Finanzkommunikation und hat seit 1990 rund 40 Kunden auf dem Weg an die Börse begleitet. „Das Interesse an Kapital durch Börsengang ist in Berlin sehr viel größer als in anderen deutschen Städten“, sagt er. Das seien in ersten Linie junge Unternehmen aus dem Bereich Nanotechnologie, die mit viel Innovationspotenzial auf den Markt stoßen und stark wachsen wollen. Das mache die Region hochinteressant. Aber: „Viele Unternehmen sind noch nicht so weit“, so Haubrok. Außerdem seien die Zeiten für Börsengänge im Moment nicht optimal, sagen Wolfgang Blättchen und Uwe Nespethal vom Finanzberater Blättchen & Partner AG. Nach einem verhältnismäßig guten Frühjahr mit einigen größeren Börsengängen, wie beispielsweise dem des mittelständischen Kleidungslabels Tom Tailor, sind die Märkte durch die Griechenland-Krise sehr nervös.
Die Kurse schwanken stark. „Das ist leider nicht gut“, sagt Axel Haubrok. „Im Zweifel wäre ich vorsichtig.“ Das hat sich wohl auch die Berliner Wohnungsbaugesellschaft GSW gedacht, als sie kurzfristig Anfang Mai ihren Börsengang absagte. „Die haben echt Pech gehabt“, kommentiert Nespethal die Notbremse.
Dass im Moment kein guter Zeitpunkt für einen Börsengang ist, weiß auch Frank Pelzer. Jetzt heißt es warten – und das Unternehmen richtig positionieren. Denn die Firma muss in einem klaren Aufstiegstrend sein, um Investoren anzuziehen. „Und das Börsenfenster muss geöffnet sein“, sagt Pelzer.
Was der Unternehmer meint, sind ein erhöhtes Interesse an Aktien von einer Branche, beispielsweise aus dem Bereich Nanotechnologie. Die wachsende Nachfrage führt zu steigenden Aktienpreisen und dem entsprechend günstigen Bedingungen für ein Technologie-Unternehmen, an die Börse zu gehen. Dieses Börsenfenster sei allerdings gerade geschlossen, sagt Uwe Nespethal, der baldige Börsengänge davon abhängig macht, ob das EU-Hilfspaket für Griechenland die Börsianer beruhigt. „Im Juni und Juli könnten noch Unternehmen an der Börse starten“, sagt er. Im August dann seien die meisten möglichen Investoren im Urlaub, erst im September wäre wieder ein möglicher Termin für den Gang an die Börse.
Damit Mittelständler dort ihre Aktien platzieren können, sollte zunächst ein größeres Unternehmen mit einem Aktienvolumen von rund einer Milliarde Euro erfolgreich an der Börse gestartet sein – ein so genannter Eisbrecher. „Aber man knipst nicht einfach das Licht an und geht an die Börse“, warnt Wolfgang Blättchen, „so etwas braucht einen Vorlauf von sieben oder acht Monaten.“ Im Idealfall, so sein Kollege Uwe Nespethal, arbeite ein Unternehmen das Konzept für den Gang an die Börse fertig aus und warte dann auf günstige Marktbedingungen.
Etwa jedes zweite Unternehmen, das bei Blättchen und Partner anklopft, kennt sich in Sachen Börse überhaupt nicht aus. Oft werden diese Unternehmen durch einen Investor auf die Möglichkeit eines Börsengangs aufmerksam gemacht, der für eine gewisse Zeit Geld in die Firma schießen und sich dann zurückziehen will. Gegen einen Börsengang hätten Mittelständler manchmal Vorbehalte, weil sie dafür ihre Bilanzen offenlegen müssten, sagt Nespethal. Der Experte glaubt jedoch, dass die Transparenz, die das Unternehmen dadurch erreicht, nur förderlich sein kann.
Grundsätzlich gibt es keine Mindestgröße für die Emission, mit der ein Unternehmen an die Börse geht. Wichtig ist vielmehr, dass das Unternehmen in seinem Segment führend ist. Allerdings bleibt bei kleinerem Volumen prozentual weniger Geld nach der Aktienemission übrig. Während eine Firma mit einem Emissionsvolumen von 100 Millionen Euro beispielsweise fünf bis sechs Prozent dieser Summe für den Börsengang ausgeben muss, sind es bei einem Volumen von 20 Millionen häufig acht bis neun Prozent.
Die Firma sucht Mechaniker, Ingenieure und Techniker
Vorstand: Frank Pelzer, Jörn Kamps,
Thorsten Jähnke, René Grünberg
Adresse: Bouchéstraße 12,
12435 Berlin
Umsatz: 10 Millionen Euro
Mitarbeiter: 65
Telefon: 030 / 533 11 20 70
Web: www.jpk.com
Mit diesen Kosten sind die Beratung zum Börsengang, die rechtliche Prüfung der Börsenreife, das Emissionsprospekt – eine Broschüre mit allen wichtigen Firmeninformationen – und die Marketingausgaben abgedeckt. Welchem Börsensegment ein Unternehmen zugeordnet wird, kann dieses frei entscheiden. Vom gewählten Segment hängt es ab, welche Daten das börsennotierte Unternehmen veröffentlichen muss.
Bevor ein Mittelständler an die Börse geht, muss das Unternehmen bekannt gemacht werden. Daher sei Kommunikation für das Unternehmen wichtig, sagt Haubrok. Schließlich wolle es so viel von sich wissen lassen, dass die Anleger sich über das Potenzial der neuen börsennotierten Firma im Klaren seien. „Außerdem soll sich das Unternehmen in der Struktur der Anlegerschaft wiederfinden“, sagt Nespethal.
Er blickt trotz der aktuell hektischen Ausschläge der Kurse optimistisch auf die kommenden Monate. „Das konjunkturelle Geschäft läuft an, Unternehmen verdienen Geld und erholen sich wieder“, sagt er.
JPK Instruments wird spätestens im Jahr 2013 an der Börse sein, ist sich Unternehmensvorstand Frank Pelzer sicher. Wenn sich wieder ein Börsenfenster öffne, könne seine Firma den Börsengang innerhalb eines halben Jahres bewerkstelligen. Bis es soweit ist, setzt das Unternehmen alles daran, sich in der Branche weiter bekannt zu machen. Dafür präsentiert die Firma ihre Produkte 20 bis 30 Mal im Jahr bei potenziellen Geldgebern und bei so genannten Eigenkapitalforen, die zweimal im Jahr stattfinden. „Kommunikation ist das A und O“ sagt Pelzer mit Blick auf einen späteren Börsengang. „Wir sind schließlich kein virtuelles Unternehmen, sondern eines zum Anfassen.“
Constance Frey und Sarah Kramer
Aus der Ausgabe 6 / 2010

