Bloß eine Handvoll Euro

In manchen Branchen reichen ein paar tausend Euro für die Startfinanzierung. Banken winken bei solchen Kleinunternehmen häufig ab. Mikrokredite können die Rettung sein
Daniel Strobel (Bart, dunkles Shirt) und David Dwier (weißes Hemd), Inhaber des Tonstudios "Dwier & Strobel" - Partnerschaft für Tontechnik. Fotografiert in ihrem Studio in Berlin Weißensee Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die blauen Sofas im Eingangsbereich sind vergilbt und durchgesessen. Aber das ist eigentlich egal. Denn das Wichtigste im Tonstudio von David Dwier und Daniel Strobel – Mikrofone, Aufnahmetechnik und Computersoftware – ist auf dem neuesten Stand. Seit Februar arbeiten die beiden Tontechniker selbstständig. Und haben seitdem Alben für Nachwuchsbands oder Sprachaufnahmen für Werbespots produziert. Das Geld, um den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklichen zu können, bekamen die beiden nicht von der Bank, sondern durch einen Mikrokredit in Höhe von 5000 Euro.

So wie die jungen Berliner David Dwier und Daniel Strobel gründen in Deutschland immer mehr Menschen ein Unternehmen mithilfe eines Mikrokredits. Dahinter verbirgt sich ein Darlehen von bis zu 25 000 Euro für Unternehmen. Die meisten benötigen aber maximal 3000 Euro. 2006, neuere Daten gibt es nicht, haben der KfW-Bankengruppe zufolge mehr als 250 000 Gründer einen Mikrokredit bezogen, knapp ein Viertel aller Gründer. Auch für die laufende Finanzierung greifen immer mehr Mittelständler darauf zurück.
Dass mit der Mikrofinanzierung hierzulande ein alternatives Kreditsystem wächst, liegt auch daran, dass sich die Firmenstruktur in Deutschland verändert. Die Zahl kleiner Unternehmen mit maximal fünf Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. „Wir erwarten, dass sich dieses Wachstum bedingt durch den Strukturwandel noch einige Zeit fortsetzt“, sagt Klaus Mark, zuständig für Mikrofinanzierung bei der KfW. Die meisten seien Dienstleister. Der Aufschwung sei nun auch bei kleinen Firmen angekommen, so dass diese mit geliehenem Geld wieder investieren könnten.

Zudem gehen Gründer vermehrt zu Anbietern von Mikrokrediten, weil sie bei Privatbanken oft vor verschlossenen Türen stehen. Denn die kleinen Darlehen bedeuten für Banken ein Verlustgeschäft: Weil sie nur geringe Zinsen einbringen, können die Kosten für Beratung oder Bewertung von Unternehmen nicht gedeckt werden. Auch haben es Gründer aus der Kreativbranche schwerer, Geld zu bekommen.

Das war auch David Dwier und Daniel Strobel so, der Weg zum Geld dauerte mehr als ein Jahr. „Das war eine einzige Katastrophe“, erinnert sich der 25-jährige David Dwier. Keine einzige Bank wollte den beiden einen Kredit gewähren, weil sie, wie viele andere Jungunternehmer, direkt vom Studium kamen und kein Eigenkapital mitbrachten. Deshalb wandten sich die Produzenten David Dwier und Daniel Strobel an iq consult. Die Beratungsfirma ist ein sogenannter Mikrofinanzierer, der in Berlin und Brandenburg Kleinstkredite an Existenzgründer vergibt.

Um das Geld zu bekommen, muss neben einer überzeugenden Geschäftsidee ein fundierter Businessplan vorgelegt werden. „Wir geben hier auch Hilfe zur Selbsthilfe, also zeigen den Anwärtern zum Beispiel, wie man eine Marktuntersuchung macht“, sagt Thorsten Jahnke, Geschäftsführer von iq consult. Wenn alle Weichen richtig gestellt sind, bekommt der Gründer einen Kredit mit einem Zinssatz von fünf Prozent, den er innerhalb von vier Jahren zurückzahlen muss.

Besondere Sicherheiten müssen nicht gestellt werden. Regionale Mikrofinanzierer wie iq consult sind an das Deutsche Mikrofinanz Institut (DMI) angeschlossen. Sie vergeben die Darlehen häufig an Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus ihre Firma gründen. Acht solcher Organisationen gibt es mittlerweile in Deutschland. „Der Beratungsaspekt steht bei uns im Vordergrund“, sagt DMI-Geschäftsführerin Brigitte Maas. Die Kreditvergabe läuft über die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS-Bank), 80 Prozent des Risikos werden aber über einen Fonds des DMI abgedeckt. Das restliche Kreditrisiko trägt der regionale Mikrofinanzierer selbst. Das bewirkt eine Art soziale Kontrolle, sagt Maas. Denn auch nach der Kreditvergabe stehen die Mikrofinanzierer in engem Kontakt mit den Firmen und beraten sie, damit sie ihr Geld zurückbekommen. Die durchschnittliche Ausfallquote bei DMI-Krediten liegt daher bei nur sechs Prozent.

Kontrolliert fühlen sich die Gründer Strobel und Dwier jedoch nicht, wenn die Berater von iq consult auch knapp ein halbes Jahr nach der Kreditvergabe regelmäßig auf sie zukommen. Denn sie geben weitere Hilfestellung, zum Beispiel haben Dwier und Strobel über iq consult ein Buchhaltungs-Seminar gemacht, weil das Geld noch nicht für einen eigenen Steuerberater reicht. Außerdem bekamen sie eine kostenlose Rechtsberatung. „Es ist total hilfreich, dass wir Zugang zu solchen Experten haben“, sagt David Dwier.
Die Kosten, die den Mikrofinanzierern durch diesen Service entstehen, können aber mithilfe der Zinseinnahmen längst nicht gedeckt werden. „Die Gewinnmargen sind noch sehr klein“, sagt Brigitte Maas vom DMI. Deshalb finanzieren sich die Mikrofinanzierer zum größten Teil aus Fördermitteln, etwa der EU. Noch ist nicht abzusehen, wann das System in Deutschland, das große Geld bringen wird. Dazu müssten die Anbieter hier effizienter arbeiten, indem sie zum Beispiel über eine stärkere Standardisierung ihrer Prozesse Verwaltungskosten einsparen, sagt Kerstin Kiehl, Mittelstandsexpertin bei der KfW.

In Entwicklungsländern wie Bangladesh wird mit Mikrokrediten dagegen schon richtig Geld verdient. Dort entwickelte bereits 1975 der Ökonomieprofessor Muhammad Yunus das System der Mikrofinanzierung, um armen Menschen eine Existenzgründung zu ermöglichen. Die von Yunus gegründete Grameen Bank umfasst mittlerweile 2500 Filialen und ist in mehr als 80 000 Dörfern in Bangladesh aktiv. Seit der Gründung haben 7,5 Millionen Menschen von der Grameen Bank einen Mikrokredit bekommen, 97 Prozent davon sind Frauen. Weil das Mikrosystem zu einem erfolgreichen Instrument der Entwicklungspolitik wurde, erhielt Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. In Europa ist die gemeinnützige Bank Adie aus Frankreich der größte Mikrofinanzierer. Sie vergibt jährlich im Schnitt 10 000 Mikrodarlehen an Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, damit sie sich eine Existenz aufzubauen können.
Aber nicht nur Existenzgründer, sondern auch gestandene Unternehmer greifen nach den Kleinkrediten. Wie etwa die Berliner Modedesignerin Gesine Wessels. Seit 13 Jahren entwirft sie von Business-Kostümen bis Hochzeitskleidern alles, was ihre wohlhabenden Kundinnen tragen möchten. In ihrem neuen Geschäft in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms entwirft und verkauft sie ihre Kreationen, im Nachbarraum produzieren zwei Schneiderinnen neue Kollektionsteile.

„Früher ratterten die Nähmaschinen direkt neben dem Verkaufstresen, jetzt habe ich mehr Platz und mehr Ruhe“, sagt Wessels. Für ihre neue Einrichtung in den Farben ihres Labels wie etwa das hellorangene Ledersofa oder die schneeweiße Umkleidekabine bekam sie von der Investitionsbank Berlin (IBB) einen Mikrokredit in Höhe von 20 000 Euro. Ohne den üblichen Umweg über die Hausbank. „Durch den Direktzugang zur IBB ging alles wahnsinnig schnell, innerhalb von zwei Wochen war das Geld auf meinem Konto“, sagt Wessels.

Dahinter steckt ein vereinfachtes Kreditvergabeverfahren der IBB namens Berlin Start. Das Geld wird schnell ausgezahlt, allerdings ohne begleitenden Beratungsservice wie bei den Mikrofinanzierern. „Viele erfahrene Unternehmer brauchen das einfach nicht, denen wollen wir eine schnelle Finanzierung ermöglichen“, sagt Heinz-Joachim Mogge von der IBB. Die Laufzeit des IBB-Mikrokredits liegt zwischen sechs und zehn Jahren, bei der Rückzahlung fallen Zinsen in Höhe von sechs Prozent an.

„Das dürfte leicht zu stemmen sein“, glaubt Wessels. Denn durch die bessere Lage ihres Ateliers habe sie neue Kunden gewonnen, ihre Stammkunden fühlten sich im neuen Ambiente wohl.

Auch die Musikproduzenten David Dwier und Daniel Strobel feiern ihre ersten Erfolge: Ihr Unternehmen schreibt eine schwarze Null, vor ein paar Wochen haben sie die erste fertige CD einer Band bekommen, die sie in ihrem Studio produziert haben. Wenn sie sich gut verkauft, profitieren auch die Tontechniker: Sie sind am Gewinn beteiligt. Vielleicht reicht dann das Geld sogar für ein neues Sofa.

Kathrin Drehkopf


Weitere Informationen:
Investitionsbank: www.ibb.de
Iq consult: www.iq-consult.com
DMI: www.mikrofinanz.net

DS Tontechnik
Geschäftsführer:
David Dwier,
Daniel Strobel
Adresse: An der Industriebahn 12–16,
13088 Berlin
Telefon: 0173 / 279 29 94
Web: www.ds-tontechnik.de
 
Gesine Wessels Coutureatelier
Geschäftsführerin:
Gesine Wessels
Adresse: Meinekestraße 7,
10719 Berlin
Telefon: 030 / 881 35 54
Web: www.gesinewessels.de

Aus der Ausgabe 7/2008
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