Berlin wagt mehr Kreativität

Die Hauptstadt zieht Kreative an. Damit der Wirtschaftszweig weiter wächst, stellt das Land jetzt auch Risikokapital bereit
Sport als Spaß und Geschäftsmodell: Die Sportme-Gründer Philipp Hartmann, Kai Hansen und Tobias Johan (von links) Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Für die kreativen Branchen im Land — und solche, die sich dafür halten — brechen bessere Zeiten an, wenn es dem Rest der Wirtschaft gut geht. 2008 scheint ein besonders gutes Jahr für die Branche zu werden. Soeben hat Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) die bundesweite „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung“ gestartet. Ihr Ziel: den Wirtschaftsbereich aus der Nische zu holen und öffentlich als bedeutenden Teil der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung darzustellen.

Das Label „Created in Germany“, so Glos‘ Staatssekretärin Dagmar Wöhrl, soll gleichberechtigt neben das Markenzeichen „Made in Germany“ treten. Mehr Geld gibt es vom Bund freilich nicht. Das Fünf-Millionen-Euro-Budget der Initiative soll vorerst nur der Schaffung von „Rahmenbedingungen“ dienen: ein Forschungsgutachten wird erstellt, insgesamt elf Branchenhearings veranstaltet, Erfahrungsaustausch organisiert.

Praktischer wird man derweil im Land Berlin. Die Hauptstadt versteht sich schon lange als Metropole und Anziehungspunkt der kreativen Branchen und hat den Wirtschaftszweig — auch mangels industrieller Alternativen — zu einem Förderschwerpunkt erkoren. Anfang 2008 ist ein vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen interessanter Fördertopf hinzugekommen. Die landeseigene Investitionsbank Berlin (IBB) hat ihre wichtigsten Förderprogramme auch für Unternehmen der Kreativwirtschaft geöffnet. Deutschlandweit einmalig: ein speziell für die Branche aufgelegter Beteiligungsfonds — der „VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin“ (VC = Venture Capital). Dotiert mit 30 Millionen Euro Wagniskapital, die zum Teil aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) stammen, bietet der Fonds Finanzierungen „in allen Phasen des Unternehmenszyklus“ an. Zusammen mit dem 52-Millionen-Euro schweren VC-Fonds Technologie Berlin stehen damit jetzt mehr als 80 Millionen Euro an Wagnis-, Gründungs- und Expansionskapital der IBB mit Rückendeckung des Landes zur Verfügung.

„Wenn es eine Stadt gibt, die in der Kreativwirtschaft Potenzial hat, dann ist es Berlin“, sagt IBB-Geschäftsführer Marco Zeller. „Wir schauen uns viele spannende Projekte in der Region an.“ Seit Auflage des neuen VC-Fonds hat die IBB schon 56 Bewerbungen eingesammelt. In der ersten Finanzierungsrunde investiert der Berliner Fonds bis zu 1,5 Millionen Euro. Kommt es zu Anschlussrunden, können bis zu drei Millionen Euro pro Unternehmen ausgereicht werden. Mittelfristiges Ziel des Fonds ist der Verkauf der Beteiligungen.

Fündig geworden sind die Berliner bisher bei zwei Firmen, Ende Mai könnte nach Angaben von Marco Zeller ein drittes hinzukommen, Ende des Jahres sollen es rund zehn sein. Interessant sind Firmen, die, so Zeller, „VC-tauglich“ sind: Film-, Fernseh- oder Musikproduzenten, Mode-, Werbe- oder Spiele-Designer, Verlage, Künstler und Architekten. Sportme, das erste IBB-Engagement, ist die nach eigenen Angaben am schnellsten wachsende Web 2.0-Community für aktive Sportler, Mannschaften und Vereine. Die Internetfirma, die auch gut zum IBB-Technologiefonds gepasst hätte, hat die Investoren interessiert, weil „der Content, also die Inhalte, und nicht die Software im Vordergrund stehen“, wie Marco Zeller erklärt. Das junge Unternehmen braucht Kapital für weiteres Wachstum.

Der Kontakt zur IBB kam über die ebenfalls aus Berlin stammende Beteiligungsgesellschaft Econa zustande, die zu den Sportme-Gesellschaftern zählt. „Mit wachsender Größe hilft es, wenn man einen etablierten, verlässlichen Partner an seiner Seite hat“, begründet Sportme-Vorstand Tobias Johann die Entscheidung, sich bei der IBB zu bewerben. Johann beschreibt die Zusammenarbeit mit den VC-Managern als „professionell und sehr angenehm“.

Das im Sommer 2007 gestartete Internet-Sportportal, bei dem 7000 Vereine und 65 000 Sportler registriert sind, verspricht seinen Geldgebern, im kommenden Jahr profitabel zu werden. Ende 2008 soll die Community auf 200 000 Mitglieder gewachsen sein. Sportme ist den Berliner Geldgebern auch geografisch entgegengekommen: von Frankfurt am Main ist die Firma mit zehn festen und sechs freien Mitarbeitern in die Chausseestraße in Mitte umgezogen. Der Gesellschafter Econa sitzt gleich nebenan, ebenso wie der Sportme-Investor und Internet-Unternehmer Alexander Artopé (Smava.de). Mindestens ein bis zwei Jahre kann Sportme mit dem VC-Kapital des Fonds jetzt arbeiten, schätzt Vorstand Johann. Werbepartner sollen gefunden, Sportveranstalter und Hersteller als Kooperationspartner gewonnen werden. „Reichweite“ lautet das Zauberwort auf dem Weg zur Profitabilität.

„In der Regel“ will der Fonds Kreativwirtschaft nach drei bis fünf Jahren seine Beteiligungen wieder verkaufen — möglichst mit einem schönen Gewinn. „Wir haben die gleichen Rendite- und Erfolgserwartungen wie eine rein private VC-Gesellschaft“, versichert IBB-Geschäftsführer Zeller. Präziser will er nicht werden, von einem „zweistelligen Prozentsatz“ solle man aber ausgehen. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Wenn absehbar sei, dass ein kreatives Unternehmen „aus inhaltlichen Gründen“ länger als geplant auf dem Wachstumspfad unterwegs sei, „haben wir auch etwas länger Geduld“. Vorausgesetzt, die übrigen Investoren ziehen mit.
Die offene Beteiligung des VC Fonds Kreativwirtschaft versteht sich nämlich als Co-Finanzierung. Sie erfolgt zu gleichen Konditionen wie die Beteiligungen der privaten Investoren, beispielsweise Venture Capital Gesellschaften oder Business Angels. Dabei handelt es sich um Minderheitsbeteiligungen, die in der Regel 15 bis 20 Prozent (maximal 49 Prozent) des Stamm- oder Grundkapitals betragen.

Ein spezieller Branchenmix schwebt den Fondsmanagern nicht vor. „Wir wollen eine bunte Mischung“, sagt Marco Zeller. An den Bewerbungen, die die IBB seit Jahresanfang bekommen hat, lässt sich aber ablesen, wo die Schwerpunkte des Kreativfonds liegen werden. „Die spannendsten Anfragen kommen aus den Bereichen Games, Softwareentwicklung und Internet“, sagt Zeller. Gefolgt von Anfragen der Film- und Fernsehwirtschaft, Design- und Modefirmen und der Musikbranche. „Wir nehmen alle gleich ernst“, sagt der IBB-Geschäftsführer. Hauptsache, das Businessmodell sei „erfolgsträchtig“.

Das war bei der TV- und Web-Plattform XXHome offenbar der Fall. Der nach eigenen Angaben erste Spartensender, „der sich gezielt dem Thema Haus, Garten und Do-It-Yourself widmet“, ist die zweite Firma, die Geld aus dem VC Fonds der IBB bekam. Mit zehn Prozent beteiligte sich der Fonds an der Berliner Cubico Media TV GmbH, die XXHome produziert. Weitere private Investoren kamen hinzu. XXHome, so begründet die IBB ihr Engagement, biete eine „Kombination von klassischem Fernsehen und modernem Web-Portal“, mit dem eine interessante Zielgruppe „mit klarem inhaltlichen Fokus für die Werbekunden“ angesprochen werde. XXHome wird über den Astra-Satelliten, über digitale Kabelnetze sowie künftig auch über IP-TV-Plattformen verbreitet. In diesen Tagen will der Sender sein Programm starten.

„Regelmäßig“, sagt Marco Zeller, werde der Fonds von Neuinvestments berichten. Die Auswahl sei so groß wie in kaum einer anderen Stadt. In der Tat: Nach Angaben der Senatsverwaltung zählt die Kreativwirtschaft in Berlin fast 23 000 Unternehmen mit mehr als 90 000 Beschäftigten. Die Branche erbringt gut ein Fünftel des Berliner Bruttoinlandsprodukts.  

Henrik Mortsiefer



Nach welchen Kriterien der VC Fonds investiert

Branchenschwerpunkte: Das Angebot richtet sich an Unternehmen, die in den folgenden Bereichen tätig sind: Film, Rundfunk und Fernsehen, Verlage, Musik, Entertainment, Werbung, Mode, Design, Architektur, Multimedia, Games, Software, Kunst und Kultur. Der VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin geht offene Minderheitsbeteiligungen am Stamm- beziehungsweise Grundkapital der Unternehmen ein (maximal 49 Prozent). Die offene Beteiligung kann mit einer stillen Beteiligung oder einem Gesellschafterdarlehen kombiniert werden. Stille Beteiligung und Darlehen werden marktüblich verzinst. Persönliche Sicherheiten und Garantien der Gesellschafter sind nicht nötig.

Investitionskriterien: Das Unternehmen sollte sich mehrheitlich im Besitz der aktiv tätigen Gesellschafter befinden, seinen Firmensitz in Berlin haben, die Kriterien für kleine und mittlere Unternehmen der EU erfüllen und in der Rechtsform einer Kapitalgesellschaft geführt werden. Bewerber sollten ein schlüssiges Unternehmenskonzept vorlegen und nachweisen können, dass die Firma ein hohes Wachstumspotenzial hat. Die IBB wünscht sich eine „unternehmerische Persönlichkeit“, die mit ihrem Projekt ein „kreatives Alleinstellungsmerkmal“ verwirklicht. Voraussetzungen: eine geschlossene Gesamtfinanzierung, hohes Wertsteigerungspotenzial und gute mittelfristige Exitmöglichkeiten.

Kontakt IBB Beteiligungsgesellschaft
Bundesallee 171,
10715 Berlin
Telefon: 030 / 21 25 32 01
Fax: 030 / 21 25 32 02
E-Mail: Venture@IBB-Bet.de


Aus der Ausgabe 5 / 2008
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