Was tun wenn‘s klemmt?
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Finanzierung einmal anders herum: Hans Jürgen Anderle vom Möbelhaus Anderle bittet seine Kunden um Kredit. Foto: Mike Wolff |
Da reibt sich manch treuer Kunde die Augen: „Zehn Prozent Zinsen für Ihr Geld“ verspricht der Brief. Er kommt nicht von einer Bank oder der Sparkasse, sondern vom Möbelhaus. Genauer gesagt vom Möbelhaus Anderle. „Ich nehme Darlehen schon ab 5000 Euro auf“, schreibt Geschäftsführer Hans Jürgen Anderle seinen Kunden und liefert auch gleich einen Darlehensvertrag mit. Der Kunde muss nur noch ausfüllen und unterschreiben.
„Die Banken sind bis oben hin zugeknöpft“, erklärt Anderle seine besondere Finanzierungsmethode. „Sie verlangen derzeit 12,5 Prozent Zinsen und wollen sich dazu auch nur vierteljährlich festlegen“, klagt der Unternehmer, der seit 1961 in Berlin Möbel verkauft. Mit der Finanzkrise hätte sich die Situation noch einmal verschärft. „Die Banken prüfen und prüfen“, klagt der Unternehmer. „Die lassen einen richtig hängen.“
500 000 Euro will Anderle bei seinen Kunden leihen. Damit will er neue Matratzenstudios in der Stadt eröffnen. Zwei hat er bereits. „Das soll eine Kette werden“, sagt Anderle. Vor drei Jahren habe er schon einmal so eine Aktion gestartet. Eine Million Euro sei damals zusammen gekommen. „Jeder hat sein Geld zurückbekommen.“
Nicht nur für Möbelhändler Anderle, auch in anderen Branchen, wie etwa bei den Autozulieferern, hätten sich die Aussichten für klassische Kredite verschlechtert, sagt Jan Pörksen, Finanzierungsexperte bei der Industrie- und Handelskammer. „Das schlägt sich dann auch in den Konditionen nieder.“ Pörksen rät Unternehmen, bei ihren Hausbanken nach öffentlichen Förderprogrammen zu fragen, etwa von der Investitionsbank Berlin oder der KfW. „Das ist eine Alternative, weil man nicht über so hohe Sicherheiten verfügen muss, wie beim normalen Kredit von der Hausbank.“ Wer Geld für neue Anschaffungen brauche, sollte auch über Leasing nachdenken. „In bestimmten Situationen ist das eine echte Alternative, etwa bei Fahrzeugen oder bei der IT-Ausstattung“, sagt der Experte. „Zudem schont Leasing das Eigenkapital.“
Die Banken prüfen und prüfen. Die lassen einen richtig hängen
Das ist in Zeiten der Krise besonders wichtig. „Wenn es konjunkturelle Abschwünge gibt, müssen die Unternehmen in ihrer Finanzierungssituation vorbeugen“, sagt Harald Eisenach, Firmenkundenchef der Deutschen Bank. Gerade in Berlin hätten viele Firmen aus der Vergangenheit gelernt und ihr Eigenkapital erhöht. Das könne auch den Spielraum für die Kreditfinanzierung erhöhen. Wer darüber hinaus Geld braucht, dem legt Eisenach auch das sogenannte Factoring nahe. Dabei treten Unternehmen ihre Forderungen an Factoring-Unternehmen oder Banken ab und bekommen dafür Liquidität, die sie schnell einsetzen können.
Auch Pörksen hält viel von diesem Instrument. „Das ist eine sehr gute Möglichkeit, um seine Geschäfte sicherer zu machen“, sagt er. Früher habe dieser Weg nur größeren Unternehmen offen gestanden. „Heute gibt es das sogar für Gründer.“
Einen ungewöhnlichen Finanzierungsweg geht das Autohaus Koch. Der Mittelständler vertreibt in 19 Filialen rund 6000 Fahrzeuge der Marken Mazda, Volvo, Citroen und Skoda sowie Gebrauchtwagen. Im Frühjahr 2008 hat Eigentümer Thomas Koch eine eigene Anleihe aufgelegt, einen Mini-Bond. Mit den festverzinslichen Papieren sollen insgesamt 15 Millionen Euro bei Anlegern eingesammelt werden. „Knapp die Hälfte sind schon gezeichnet worden“, sagt Koch, der einen Großteil des Geldes für den Bau einer Filiale in Polen einsetzen will.
Adresse: Marzahner Chaussee 219,
12681 Berlin
Umsatz: 114 Millionen Euro
Mitarbeiter: 250
Telefon: 030 / 54 99 88-13
Web: www.koch-automobile-ag.de
Seine Anteilseigner zahlen 100 Euro pro Inhaberschuldschein, haben aber im Gegensatz zu börsennotierten Anteilen kein unternehmerisches Mitspracherecht. Bis März 2009 kann die Anleihe noch gezeichnet werden. Für jeden Anteilsschein zahlt das Autohaus bis 2015 rund neun Prozent Zinsen. „Der Bond ist teurer als ein Bankkredit, aber er macht uns viel unabhängiger“, sagt Koch, der rund 250 Mitarbeiter beschäftigt. Es habe keiner schwierigen Gespräche mit der Bank bedurft, das eingesammelte Kapital sei an keine konkrete Investition gebunden, keine Bank könne die Kreditlinie kappen. „Weil die Banken die Autobranche derzeit ohnehin negativ sehen, hätten wir Probleme gehabt, einen so großen Kredit zu bekommen“, glaubt Koch.
Der formale Aufwand bis zur Emission eines Mini-Bonds ist nicht zu unterschätzen. Beim Autohaus Koch dauerte die Vorbereitung ein halbes Jahr. „Man braucht die gleichen Unterlagen wie bei einem Kreditantrag und auf jeden Fall eine professionelle Beratung“, rät der Unternehmer. Er selbst musste zum Beispiel seine Unternehmensform umwandeln und hat aus vielen Einzel-GmbHs eine Aktiengesellschaft gemacht, mit dem Eigentümer als Alleinaktionär. Zusammen mit den Wirtschaftsprüfern von bdp Bormann Demant & Partner musste ein Prospekt für den Mini-Bond erstellt und bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eingereicht werden. Nach eingehender Prüfung, die wegen der Finanzkrise länger als gewohnt dauerte, wurde die Anleihe mit Unterstützung des Wertpapierhandelshauses Driver&Bengsch verkauft.
Der Markt ist deutlich weniger liquide geworden
„Wir mussten für alle Beteiligten transparent sein“, erzählt Thomas Koch. So fordert die Bafin etwa ein professionelles Reporting und Controlling im Finanzmanagement sowie eine zeitnahe Aktualisierung der Geschäftszahlen.
Mini-Bonds sind deshalb nichts für kleine Mittelständler. 50 Mitarbeiter und einen Umsatz von 20 Millionen Euro aufwärts sollte ein Eigenemittent schon haben, empfiehlt Michael Bormann von bdp. Auch die Kosten einer Emission – etwa für die Wirtschaftsprüfer und den Vertrieb über das Wertpapierhandelshaus — sind nicht zu unterschätzen. Sie belaufen sich Bormann zufolge im Schnitt auf bis zu drei Prozent der Investitionssumme.
Thomas Koch weiß außerdem, dass ein Mini-Bond allein nicht alle Finanzierungswünsche erfüllen kann. „In einem optimalen Mischkonzept kommen nach wie vor auch normale Bankkredite vor.“
Die Körber Präzisionstechnik GmbH, ein Zulieferer für die Autoindustrie (Daimler, Continental, Bosch), sammelt gerade Erfahrung mit Mezzanine-Kapital, einer Mischform aus Eigen- und Fremdkapital. Mit einer seiner Hausbanken hat der Mittelständler gerade eine über sieben Jahre laufende Finanzierung vereinbart, bei der dem Unternehmen Eigenkapital zugeführt wird, ohne dass dem Kapitalgeber, also der Bank, Stimm- oder Einflussnahmerechte wie echten Gesellschaftern gewährt werden. Körber bleibt also von geschäftspolitischen Interventionen der Banker verschont.
Das Volumen der Mezzanine-Finanzierung liegt laut Körber bei bis zu drei Millionen Euro. „Wir stärken unsere Eigenkapitalbasis und erhalten gleichzeitig eine Wachstumsfinanzierung“, begründet Geschäftsführer Benjamin Körber die Entscheidung, keinen konventionellen Bankkredit in Anspruch zu nehmen. Das hat freilich seinen Preis: Das Mezzanine-Kapital koste sechs Prozent mehr als ein normaler Bankkredit. Doch die Vorteile bei der Finanzierung künftiger Wachstumsschritte liegen auf der Hand. Weil die Eigenkapitalausstattung gestärkt wird, verbessert sich die Kreditwürdigkeit des Unternehmens.
Doch auch diese Art der Finanzierung ist in der Krise schwieriger geworden. Denn Mezzanine-Kapital ist wie Eigenkapital nachrangig. Bei einer Insolvenz werden die Mezzanine-Kapitalgeber deshalb erst nach anderen Gläubigern bedient. „Der Markt ist deutlich weniger liquide geworden“, sagt Harald Eisenach. Das gelte vor allem für das sogenannte Programme-Mezzanine, bei dem 30 bis 50 Genussrechte mittelständischer Unternehmen unterschiedlicher Branchen in einem Portfolio gebündelt und an institutionelle Investoren verkauft werden. „Ebenfalls schwieriger geworden, aber weiter möglich sind Einzelfalllösungen“, sagt Eisenach. Ähnlich sei die Lage bei Schuldscheindarlehen. „Bis vor kurzem waren Einzelschuldscheine, die Banken an Investoren vermitteln, sehr beliebt“, sagt Eisenach. „Doch mittlerweile sind die Investoren insbesondere vor Jahresende sehr vorsichtig geworden.“
Eisenach rät mittelständischen Firmen bei Bedarf zu Beteiligungskapital. „Wer sich nach sorgfältiger Prüfung Gesellschafter oder stille Beteiligungen ins Boot holt, kann sein Unternehmen stärken.“ Solches Kapital wird zum Beispiel von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) Berlin-Brandenburg angeboten, die von Kammern und Banken getragen wird. Auch die Förderbanken und Geschäftsbanken vermitteln Kapital. Eisenach empfiehlt zudem, sich in Unternehmerkreisen umzuhören. „Wer gute Kontakte aufbaut, kommt besser an Investoren ran.“
Stefan Kaiser, Henrik Mortsiefer
Aus der Ausgabe 10 / 2008
