Anlegen in der Krise – das raten die Profis
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Mehr Tiefen als Höhen: Wer mit Aktien zu tun hat, braucht derzeit gute Nerven. Foto: ddp |
Die Zeiten sind turbulent. Der Aktienmarkt schwankt so stark wie selten zuvor. Viele Anleger flüchten in vermeintlich sichere Häfen wie Staatsanleihen, doch deren Renditen sinken dabei auf ein Minimalniveau. Wie soll man sich in einer solchen Situation als Privatanleger verhalten? Das haben wir vier Berliner Experten gefragt, hochrangige Vertreter kleiner Privatbanken, die vor allem wohlhabende Kunden beraten.
Die Institute legen Wert auf persönliche Gespräche und umfassende Beratung. Sie müssen die Kunden kennenlernen, bevor sie ihnen Anlagetipps geben. Für Berlin maximal haben die vier Experten eine Ausnahme gemacht. Wir haben um eine Anlageberatung für einen fiktiven Fall gebeten. Unser Beispiel ist ein Unternehmer, 60 Jahre, Chef eines mittelständischen Metallbearbeitungsbetriebs mit 20 Beschäftigten, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er möchte 100 000 Euro neu anlegen, für einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren.
Jörg-Guido Kutz, Merck Finck & Co, Privatbankiers, Niederlassungsleiter Berlin:
„Die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Ausverkaufstimmung bei den Aktien ruht insbesondere in der Vorläuferfunktion der Aktienmärkte gegenüber der Wirtschaft. Auch Mitte der 70er Jahre, als wir den bis dahin schärfsten Konjunktureinbruch erlebten, drehten die Aktienmärkte nach 45 Prozent Kursverlust bereits Ende 1973 nach oben, während die Konjunktur noch bis in den Sommer 1974 rückläufig war. Unser Wirtschaftsszenario geht davon aus, dass im Sommer 2009 das schlimmste hinter uns liegen wird. Anders als 2002 sind die Aktienmärkte heute sehr günstig bewertet. Dies gilt für das Kurs/Gewinn-Verhältnis wie für den Buchwert vieler Gesellschaften. Zwar werden die Gewinne der meisten Unternehmen auch 2009 rückläufig sein, die Märkte haben dies jedoch mehr als eingepreist. Staatsanleihen beziehungsweise Geldmarktanlagen sind angesichts der minimalen Verzinsung längerfristig keine Anlagealternative mehr. Deshalb glauben wir, dass man 2009 bei vielen Aktien eine nennenswerte Aufwärtsbewegung sehen könnte. Dabei unterstellen wir aber nicht, dass bereits eine Basis für einen längerfristigen Aufschwung an den Märkten gefunden ist.
Bei Merck Finck & Co Privatbankiers steht der ganzheitliche Betreuungsansatz im Vordergrund. Konkrete Anlagevorschläge resultieren in unserem Hause auf intensiven Vorgesprächen, um persönliche Ziele und Wünsche mit dem Kunden abzugleichen. In dem Beispielfall ist dies nur bedingt möglich. Wir würden folgende Gewichtung vorschlagen: Die Summe von circa 20 000 Euro als Liquiditätshaltung für noch zurückgestellte Investments, die Summe von circa 40 000 Euro in Industrieanleihen mit einem Investmentrating von mindestens A und einem Laufzeitenhorizont von bis zu fünf bis sechs Jahren Endfälligkeit.
Diese Anleihen rentieren aktuell über fünf Prozent pro Jahr und bieten neben dem Zins auch Kursgewinnpotenzial bei weiteren Zinssenkungen durch die Notenbanken. Den Betrag in Höhe von circa 40 000 Euro in substanzstarken Aktien aus dem Dax beziehungsweise aus dem Euro Stoxx unter Berücksichtigung einer weiterhin geltenden hohen Dividendenrendite. Hier kommen unter anderem Werte aus dem Versorger-, dem Energie- und dem Telekom-Bereich in Frage. Da man in der Regel nicht auf dem tiefsten Niveau kaufen wird, sollten die Käufe in Tranchen mit gestaffelten Kurslimiten nach unten erfolgen.“
Frank Geilfuß, Bankhaus Löbbecke, Leiter Kapitalmärkte/Anlagestrategie:
„Angesichts des familiären Umfeldes und fortgeschrittenen Alters des Kunden würden wir eine balancierte Anlagestrategie verfolgen. Einen Grundsockel von 50 Prozent legen wir im Euro-Rentenmarkt an, bei Beachtung hoher Bonität und eines schlüssigen Mix der Laufzeiten. Hier kommen trotz des aktuell sehr niedrigen Renditeniveaus sowohl erstklassige Staatsanleihen als auch ausgewählte Unternehmensanleihen und Pfandbriefe zum Einsatz.
Darüber hinaus sollten circa 30 Prozent der Mittel am Aktienmarkt platziert werden. Nach der Talfahrt der vergangenen Monate ergeben sich hier bei den großen Standardwerten gute Einstiegschancen. Insbesondere die internationalen Konjunkturprogramme dürften in Bereichen wie Bau, Infrastruktur, Bildung, Umwelt und Demographie für lukrative Zusatzaufträge sorgen. Wegen der Unklarheit über die Dauer und Tiefe der gegenwärtigen Krise verbleiben etwa 25 Prozent der Mittel zunächst im Geldmarkt beziehungsweise als Festgeld. Diese Summe sollte sukzessive ebenfalls im Aktiensegment investiert werden. Angesichts noch bevorstehender Gewinnrevisionen und Unwägbarkeiten sowohl aus konjunktureller Sicht als auch von Seiten der Finanzkrise dürfte hier jedoch noch einige Zeit vergehen.
Bei der Auswahl der einzelnen Assets bleiben wir unserem konservativen Selektionsmechanismus treu und verzichten auf
derivative Strukturen und intransparente Produkte. Die Aufteilung der Summe unter Einbeziehung der Kinder könnte darüber hinaus aus steuerlichen Erwägungen sinnvoll sein. Hier müsste jedoch zunächst der gesamte finanzielle Hintergrund untersucht werden. Dies gilt generell, da sich die Neuanlage natürlich nahtlos in das vorhandene Vermögensmanagement einpassen lassen muß.“
Christian G. Liste, Delbrück Bethman Maffei, Leiter der Niederlassung Berlin:
„Das derzeitige wirtschaftliche Umfeld mit einer Rezession in den Industriestaaten und der anhaltenden Banken- und Finanzkrise lässt es angeraten erscheinen, bei der Kapitalanlage einen eher defensiven Ansatz zu verfolgen. Dabei sollten allerdings die langfristigen Chancen, die sich vor allem angesichts der aktuell niedrigen Aktienkurse ergeben, nicht vernachlässigt werden.
Daher halten wir es für sinnvoll, auch in einem ausgewogenen Anlageprofil, wie wir es für den genannten Unternehmer unterstellen, eine substanzielle Aktienquote zu halten. Wir raten dazu, 36 Prozent des Portfolios in Eigenkapitaltiteln anzulegen. Hierzu sollten in erster Linie Aktien von solide finanzierten Unternehmen mit ausreichender Liquiditätsposition in der Bilanz, einer starken Eigenkapitaldecke sowie nachhaltigen Cash-Flows gekauft werden. Solche Titel finden sich zum Beispiel im Gesundheitswesen, bei nichtzyklischem Konsum, wie etwa Nahrungsmittel- und Haushaltswarenproduzenten. Zudem raten wir dazu, sich bei der Aktienauswahl auf hoch kapitalisierte Unternehmen zu konzentrieren, da kleine Werte in Zeiten starker Unsicherheit überproportional im Kurs verlieren.
Ein signifikanter Anteil, etwa 40 Prozent, sollte in Anleihen angelegt werden. Dabei gilt es, die Bonität des Emittenten zu beachten. Wir empfehlen nur Anleihen mit sehr gutem Rating, oberhalb von A+ zu kaufen. Hier bieten sich Staatsanleihen im Euroraum an, die angesichts der Rezession von sinkenden Renditen profitieren. Im Zeitablauf sollten dann auch hochwertige Unternehmensanleihen beigemischt werden, da diese attraktive Renditen bei relativer Sicherheit versprechen. Zudem können bei einer Rückbildung der Risikoprämien hier Kursgewinne vereinnahmt werden.
Wichtig ist auch, ausreichend Liquidität zu halten, um Marktchancen nutzen zu können, die sich bei der Schwankungsbreite der Märkte immer wieder ergeben. Konkrete Anlageinstrumente sollte nach einem persönlichen Gespräch abgestimmt auf die individuelle Situation und ganzheitliche Vermögensstruktur des Anlegers erfolgen.“
Wolfgang Harth, Weberbank, leitender Direktor Privatkunden Berlin:
„Angesichts der derzeit schlechten Konjunktur- und Unternehmensdaten raten wir dem Unternehmer zu einer defensiven Anlagepolitik. Für den Aktienmarkt empfehlen wir, aktuell weiterhin Kasse zu halten, da wir im Moment von weiter sinkenden Kursen ausgehen und hier erst eine Bodenbildung abwarten wollen – für die Schnäppchensuche ist es zu früh. Dies gilt insbesondere auch für die Randmärkte wie Schwellenländer und Rohstoffe. Bei Renten gehen wir von weiter sinkenden Zinsen und damit fallenden Renditen aus. Derzeit bieten allerdings Unternehmensanleihen noch interessante Renditeaufschläge gegenüber herkömmlichen Staatsanleihen. Diese Marktsituation sollte der Unternehmer ausnutzen und als Ergänzung für den Rentenanteil in seinem Depot Unternehmensanleihen kaufen. Hier sollte allerdings auf die Bonität des Schuldners geachtet und gegebenenfalls in Fonds investiert werden. Als Beimischung gehört auch derzeit in jede Vermögensaufstellung als Stabilisierungskomponente eine Beteiligung, da diese unabhängig von täglichen Marktschwankungen sind, zum Beispiel eine Flugzeug-Leasingbeteiligung.
Vor diesem Hintergrund und angesichts seines Alters empfehlen wir dem Unternehmer als konservative Strategie eine Vermögensaufteilung von 25 Prozent Liquidität; derzeit keine Aktien; 55 Prozent Renten und 20 Prozent Beteiligungen, wobei wir die Liquidität bis auf fünf Prozent zugunsten von Aktien absenken würden, um bei entsprechender Bodenbildung des Marktes selektiv in Aktien beziehungsweise Rohstoffe zu investieren. Insgesamt sollte die Aktienquote nicht zu hoch werden, da der Anleger bereits unternehmerisch tätig ist und deshalb seine Geldanlagen eher konservativ auszurichten sind. Die Versorgung der Kinder oder Gedanken zur Vermögensübertragung bleiben einem intensiveren Gespräch vorbehalten.“
Aufgezeichnet von Stefan Kaiser
Aus der Ausgabe 2 / 2009

