Wuseln im Walzerschritt

Im Herbst beginnt in Berlin traditionell die Ballsaison. Berlin maximal berichtet über die Tücken des Gesellschaftstanzes und sagt Ihnen, wie Sie auf dem großen Parkett eine gute Figur machen – und was es bei der Kleiderwahl in Zeiten der Wirtschaftskrise zu beachten gilt
Tanzen auf engem Raum: Bei Bällen haben die Paare auf dem Parkett wenig Bewegungsfreiheit. Foto: ddp

Der Herr setzte nach. Er sollte es bereuen. Der erste Schritt der zweiten Drehung, er wollte Fahrt aufnehmen mit seiner Frau, was hatte sie es sich gewünscht. Der Schritt war groß, die Dynamik war es auch, so schob er sie nahe an das andere Paar heran. So nahe, dass seine Frau mit ihrem Absatz eine fremde Wade ritzte. Es war nur eine leichte Berührung, aber sie war doch so, dass eine Entschuldigung fällig war. In einem solchen Augenblick heißt die Devise: Lächeln, immer lächeln. Auch ein „Opfer“ macht hier besser eine gute Miene. Der Wiener Walzer macht es einem leicht, zu lächeln, das Beschwingte zaubert es fast automatisch daher. Ein Ball ist immer auch ein Tanzball, vor allem sogar, aber gerade das erweist sich irgendwie als paradox.

Wer einen der großen Bälle in Berlin besucht, weiß: Gerade auf einem Ball ist am wenigsten Platz zum Tanzen, dicht drängen sich die Paare, so dicht, dass es unmöglich ist, einen raumgreifenden Wiener Walzer zu tanzen. Das liegt auch am Publikum, nicht alle können gleich souverän drehen, links zumal. Beim Walzer müsste sich die ganze Menge in Bewegung setzen, damit es vorwärts geht, genau das aber klappt bei Bällen selten. So tanzt jedes Paar auf seinem kleinen Flecken, ihn manchmal krampfhaft verteidigend. Andere bleiben ganz entspannt, freuen sich unbekümmert über die festliche Tanzgelegenheit und jeden kleinen Schritt, den sie zwischen den vielen anderen Beinen setzen dürfen.

Umsturz - Der Tanzball war die kulturelle Revolution des Bürgertums

Tanzen ist heute wahrlich nicht der einzige Grund, warum Menschen Bälle besuchen. Historisch gesehen aber war es das. Tanzen als Paar, das war früher einmal verboten, in vielen Fürstentümern gab es regelrecht Gesetze dagegen. Der Tanzball war die kulturelle  Revolution des Bürgertums, das sich auf seine Bedürfnisse besann und sich selbstbewusst solch unglaublicher Schamlosigkeiten wie einem Wiener Walzer hingab.

Die wichtigsten Bälle in Berlin
| Berliner Theaterball |
Termin: 14.11.2009
Einlass ab 20.00 Uhr
Ort: Palais am Funkturm,
Masurenallee 14, 14057 Berlin
Kontakt: 030 / 313 60 31
Web: www.berliner-theaterball.de

Bundespresseball
Termin: 27.11.2009
Einlass ab 19.00 Uhr
Ort: InterContinental Berlin,
Budapester Straße 2, 10787 Berlin
Kontakt: 030 / 22 60 96 21
Web: www.bundespresseball.de

GASAG-Ball
Termin: 12.12.2009
Ort: Maritim Hotel,
Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin
Kontakt: 030 / 787 20
Web: www.gasag.de

Berliner Presseball
Termin: 09.01.2010
Einlass ab 19.00 Uhr
Ort: Maritim Hotel,
Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin
Kontakt: 030 / 80 60 21 77
Web: www.presseball.de

ADAC-Ball
Termin: 23.01.2010
Einlass ab 19.00 Uhr
Ort: Maritim Hotel,
Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin
Kontakt: 030 / 86 86 12 12
Web: www.adac-ball.com

VBKI-Ball
Termin: 27.02.2010
Einlass ab 19.00 Uhr
Ort: InterContinental Berlin,
Budapester Straße 2, 10787 Berlin
Kontakt: 030 / 72 61 08-17
Web: www.vbki.de

Wenn beim Wiener Opernball die Debütanten auftreten, setzt sich gleichzeitig ein wogendes Meer in Bewegung. So wünscht sich jede Frau, einmal durch den Saal geführt zu werden. Warum bleibt dieser Wunsch bei einem Ball meist unerfüllt? Es ist das Unvermögen des Mannes, gewiss. Aber die Debütanten in Wien haben lange geübt vorher, und zwar alle gemeinsam, damit sie es schaffen, alle gleichzeitig ihren ersten Schritt zu setzen und nach klaren Regeln weiterzutanzen. Wenn die Debütanten abtreten und die übrigen Gäste beginnen, dann gibt es wieder ein großes Durcheinander, die Menge stockt, kommt nicht voran. Jedes Paar konzentriert sich auf seinen eigenen Spaß. So ist es eine Tatsache, dass ausgerechnet der Ball, der ein Tanzhöhepunkt des Jahres sein könnte, genau das am allerwenigsten ist. An jedem Tanzabend in einer Tanzschule klappt es besser. Aber da ist es nicht so festlich wie auf einem großen Ball.

Der Tanzschule kommen für die Ballvorbereitung viele wichtige Aufgaben zu. Eine davon ist es, die Tanzenden zu lehren, wie sie auf einem Ball auf engstem Raum tanzen können, ohne andere zu gefährden, und trotzdem einen Genuss erleben. Die-se Situation unterscheidet sich grundlegend von einer normalen Tanzstunde, wo die Paare in der Regel genügend Platz haben. Viele Tanzschulen engen deshalb zur Übung für Fortgeschrittene den Platz ein und lassen mehrere Paare auf engstem Raum tanzen. Damit simulieren sie die Situation auf einem Ball. Wichtig ist bei dieser Übung zunächst, sich so zu bewegen, dass man anderen Paaren nicht auf die Füße tritt. Am Ende aber geht es vor allem darum, den Spaß auch in der minimalen, einfachen Bewegung zu finden. Diese Idee sollten Tanzlehrer ausdrücklich formulieren, viele Lernende kommen von allein nicht darauf. Da muss mancher Herr, der gerne vom ganzen Platz Besitz ergreift, umdenken. 

Eine Idee, den Mann in die richtige Spur zu bringen, ist der Gedanke, dass die wichtigste Funktion des Mannes darin besteht, seine ganze Aufmerksamkeit der Frau zu widmen und alles zu tun, damit sie sich wohlfühlt. Und dass sie bei allem eine gute Figur macht. Der Mann kann davon nur profitieren. Alles geht dann auch für ihn besser. Und seine Frau wird es ihm danken.

Übung macht den Meister:
| So bereiten Sie sich auf Tanzbälle vor |
Nahezu jede Tanzschule bietet neben ihrem regulären Programm Privatstunden an. Paare, die bereits tanzen können, haben hier die Gelegenheit, sich speziell auf einen Ball vorzubereiten. Die Paare sollten dabei genau sagen, was sie im Einzelunterricht lernen wollen. Sicherheit und Souveränität etwa sind wichtige Aspekte des Tanzens, die sich erst durch Übung einstellen. Auf vollem Parkett werden viele Männer unsicher – jeder Tanzlehrer kann sie davon befreien. Vor allem kommt es darauf an, auf anspruchsvolle Schrittkombinationen zu verzichten, ohne Angst zu haben, andere würden deshalb denken, man sei Anfänger. Ob man gut aussieht beim Tanzen oder weniger gut, zeigt sich in der Haltung des Mannes, nicht in der Akrobatik. Eine solche Privatstunde hat noch einen weiteren Vorteil. Oftmals haben sich bei manchen Männern kleine Fehler eingeschlichen, die aber grundlegend sind. Mancher macht zu kleine Schritte, mancher führt nicht eindeutig, mancher reißt an der Frau herum. Wenn die Frau ihm solche Sachen sagt, vor allem, wenn es die eigene Frau ist, kann das eine Beziehung belasten. In einer Privatstunde dagegen tanzt das Paar dem Tanzlehrer vor und der merkt sofort, was der Mann ändern muss. Er sagt ihm das dann so, dass der Mann nicht das Gesicht verliert. Vielleicht ist es am besten, die Privatstunde wird von einer Tanzlehrerin gehalten. Die tanzt dann mit ihm und spürt sofort, was er ändern muss. Es könnte durchaus nützlich sein, dass die Frau mal für ein paar Minuten verschwindet, während die Tanzlehrerin ihm ein paar kräftige Takte beibringt. An dieser Stelle soll keine spezielle Tanzschule empfohlen werden. In der Regel sind alle Schulen gut, sie unterscheiden sich ein wenig durch ihr Ambiente, durch ihr Auftreten. Am besten schauen Interessierte in einer Tanzschule in der Nähe vorbei, ob sie ihnen gefällt. Eine Übersicht über Berliner Tanzschulen bietet das Portal www.Tanzeninberlin.de.

Andreas Oswald


Aus der Ausgabe 11 / 2009

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