Fit durch den Winter

Erschieß den Schweinehund

Personal Trainer, Hightech-Studio oder lieber doch Pilates? So kommen Sie fit durch den Winter
Eine bis zwei Stunden Bewegung die Woche, rät Patrick Schreiber seinen Kunden - Bogenschießen ist mal was anderes. Foto: doris spiekermann-klaas

Jeden Abend dasselbe: In bester Absicht lasse ich den Aufzug links liegen und nehme die Treppe hinauf in den vierten Stock. Die ersten Stufen sind ein Kinderspiel, doch dann beginnt der Kampf gegen den willenlosen Körper und die Schnappatmung. Vor meiner Wohnungstür angekommen, ist mein erster Gedanke: Du musst unbedingt zum Sport! Der zweite: Keine Chance, der Terminkalender hat kaum noch freie Stellen.

Dieses Problem hält gerade Freiberufler und Unternehmer gerne davon ab, die Laufschuhe aus dem Regal zu nehmen oder die Tasche fürs Fitnessstudio zu packen. Für viele aber die schlimmere Vorstellung: Schnöde durch Berlins Straßen zu traben – womöglich allein und im Dunkeln – oder auf dem Cardio-Fahrrad im Studio gelangweilt die Finanzkrise im Fernsehen zu verfolgen. Wer aber Leistung im Job bringen muss und die Akkus täglich entleert, sollte sie auch immer wieder auffüllen, sonst gehen sie kaputt. Deshalb mache ich mich auf die Suche nach den Fitness-Highlights dieser Stadt.

Schwitzen mit Persönlichkeit

Meine liebste Vorstellung ist, einen privaten Trainer an meiner Seite zu haben – ganz für mich allein. Meine erste Station ist deshalb Patrick Schreiber. Der 29-Jährige hat sich vor einigen Jahren als Personal Trainer selbstständig gemacht und hilft seinen Klienten seitdem variantenreich, den inneren Schweinehund zu überwinden.

150 Euro kostet die Stunde, ein stolzer Preis, den viele jedoch gerne zahlen. Denn Schreiber kann sich während des Termins vollkommen auf seinen Kunden konzentrieren und so „noch individueller auf seine Wünsche und Probleme eingehen“, erklärt er. Zu der Rundumbetreuung gehören aber auch ein umfangreicher Gesundheitscheck sowie die Erstellung von Trainings- und Ernährungsplänen. Und bei Bedarf renkt der gelernte Physiotherapeut auch ein, wenn es wieder einmal im Rücken zwackt.

Wer jetzt glaubt, der persönliche Coach bringe nur Schauspieler, Sänger oder Politiker ins Schwitzen, der irrt. Vermutlich findet man sie in Schreibers Kundenstamm, über den er sich vielsagend ausschweigt,  sein Spektrum ist aber breiter. „Ich hatte schon Arbeitslose, die gesagt haben, ich teile mir das mit meiner Freundin bis hin zu Unternehmern, die Millionenumsätze machen.“ Letztere haben möglicherweise den Vorteil, dass sie das Personaltraining steuerlich geltend machen „und als Gesundheitsmanagement verbuchen können.“

Wer mit Patrick Schreiber trainiert, muss obendrein keine Langeweile fürchten. Zwar hat er ein eigenes, gut ausgestattetes Studio, doch wem Gewichtstemmen zu stupide ist, den powert er eben beim Boxen, Klettern oder Rudern aus. Unterhaltsam ist die Schwitz-einheit mit dem smarten Trainer obendrein und so kommt nach einer Runde Trampolinspringen und Übungen fürs Bindegewebe der erste Lachanfall. Am Ende darf ich mich dann am Boxsack abreagieren. Gerade Männer hätten daran besonderen Spaß, erzählt Schreiber grinsend, den man durchaus als Allzweckwaffe bezeichnen darf: Der mehrfach lizenzierte Fitnesstrainer kann als ausgebildeter Heilpraktiker und angehender Osteopath seine Kunden ganzheitlich behandeln. 

Durch den Sport holt auch er sich immer wieder neue Motivation, die körperliche und mentale Kraft für seine Arbeit. Und auch ich fühle mich nach einer Stunde Training erstaunlich gut.

Neben Extras wie Bogenschießen oder einem Spaziergang mit Sieben-Meilen-Stiefeln – das sind Wippstelzen zum Anschnallen, mit denen man große Sprünge machen kann – bietet er seinen Kunden jetzt auch ein Power-Plate-Training an. Das Gerät mit einer vibrierenden Platte verspricht Sport auf die sanfte und vor allem schnelle Tour: „Da muss man sich nicht einmal umziehen, man kann sogar den Anzug anbehalten“, sagt der ehemalige Judo-leistungssportler. Bei dem Training übertragen mechanische Schwingungen Energiewellen in den Körper, die 25 bis 50 Mal pro Sekunde Muskelkontraktionen erzeugen. Das soll die Kraft, Koordination, Beweglichkeit und Ausdauer fördern. Ob Rückenübungen, Kniebeugen oder Liegestütz, „man kann jede Übung auf dem Gerät trainieren“. Das könnte also eine Alternative für gestresste Unternehmer sein.

Auch Sascha Kulling vom neu eröffneten Ono Spa im Mandala Hotel am Potsdamer Platz ist von der Power Plate überzeugt: „Schon zehn Minuten Training haben den Effekt wie eineinhalb Stunden normales Fitnesstraining.“ Als Personal Trainer sorgt er dafür, dass gestresste Geschäftsreisende, vor allem aber auch die Berliner Manager schnell und effektiv zu mehr Fitness und Wohlbefinden gelangen. Rund 1600 Euro kostet die Jahresmitgliedschaft im Ono Spa, im Angebot sind neben dem Fitnessparcours ein großer Sauna- und Anwendungsbereich, ein Fußreflexzonen-Rundgang auf der Dachterrasse sowie eine Alpha-Space-Liege, die mit einer Kombination aus Klängen, Licht und Wärme den Körper entspannt und den Kopf befreit.

Druck ablassen in Mitte

Seinen persönlichen Trainer zu haben, daran scheinen immer mehr Menschen Geschmack zu finden, denn auch viele Fitness-Studios bieten ihren Kunden das individuellste aller Trainingsmöglichkeiten. Mike Saft betreut als Privattrainer die Kunden des Holmes Place Health Club am Gendarmenmarkt. Die derzeit 4000 Mitglieder zahlen eine Monatsgebür zwischen 69 bis 99 Euro, dafür können sie neben dem Fitness- und Kursangebot auch Schwimmtraining im Sportpool in Anspruch nehmen und sich danach in Sauna und Whirlpool entspannen.

Die persönliche Rundumbetreuung bei Holmes Place kostet zwar zwischen 39 und 79 Euro extra, hat für Mike Saft aber einen entscheidenden Vorteil: „Wenn du in ein Fitnessstudio gehst, bekommst du eine funktionale Einweisung an den Geräten“, erklärt er. „Personaltraining bedeutet, ich hole dich als Mensch ab mit all deinen Wünschen und Besonderheiten und vor allem mit dem, was du als Zielvorgabe hast.“

Ganz klar, wer bei einem Marathon starten will, aber noch nie gelaufen ist, der braucht eine gewisse Vorbereitung. Der Personaltrainer ist dann Trainingspartner  und übernimmt die Koordination, das bringe mehr Erfolg und Spaß, sagt Mike Saft. „Außerdem will man sich weiterentwickeln, und das passiert beim Sport nicht, wenn du allein gelassen wirst“, davon ist er überzeugt. Gerade Unternehmer könnten davon profitieren, denn „wer wenig Zeit hat, muss sagen, heute habe ich von elf bis zwölf einen Termin bei meinem Trainer.“
Auch Raoul Hasert hilft der zusätzliche Termin in seinem ohnehin vollen Kalender, um den inneren Schweinehund zu überlisten. Zweimal in der Woche verlässt er seine dermatologische Praxis in der Friedrichstraße, um die Mittagspause aktiv bei Mike Saft zu nutzen. „Ich trainiere dann eine halbe Stunde oder Stunde mit ihm, was ich sonst nie machen würde“, gibt der 36-Jährige zu. Seit er Vater geworden ist, habe er zwar noch weniger Zeit, trotzdem will er „das knackige Training nicht mehr missen, denn es macht mich einfach frischer für die zweite Hälfte des Tages.“ Für ihn sei aber auch wichtig, dass er mit einem Trainer an der Seite schnellere Trainingserfolge spüre, da die Übungen abwechslungsreich und vor allem individuell auf ihn abgestimmt seien. Und darauf kommt es an, um dauerhaft dranzubleiben, denn „der größte Killer beim Sport ist die Eintönigkeit“, sagt Mike Saft.

Deshalb schneidert er jedem das passende Programm. „Ich habe  eine Kundin, mit der ich Lauftraining mache in das ich Kräftigungsübungen integriere“, sagt Saft. „Sie würde niemals auf die Idee kommen, alleine zu laufen, sagt sie, weil die Überwindung so groß für sie ist.“

Und dann muss auch ich ran. Nach dem Aufwärmen geht es ans Manual-Resistance-Training, ein Kräftigungsprogramm, bei dem der Trainer als korrigierender manueller Widerstand fungiert. Das sei nicht nur sinnvoll bei Problemen mit Gelenken oder Muskeln, erklärt Saft. Bei der ersten Übung zieht es auch gleich bedenklich in meinem Rücken. Mike Saft geht darauf direkt ein, zeigt mir, wo ich welche Muskeln mehr anspannen und die Übung variieren muss. Das gibt nebenbei auch ein sicheres Gefühl, dass die Gesundheit nicht aus den Augen verloren wird. „Außerdem braucht man zu den Übungen wenig Platz, der Trainer kann das also auch beim Kunden am Hotelbett machen.“

Eine weitere abwechslungsreiche Sportvariante bietet der Holmes Place Health Club leider ausschließlich im Rahmen des Personaltrainings an, da man ohne professionelle Begleitung dabei viel falsch machen könne: das Kinesis-Training.

Strippen ziehen in Schöneberg

Das Ars Vitalis in Schöneberg sieht das anders. Der Fitnessbereich bietet neben der Standardausstattung den, nach eigenen Aussagen, größten Kinesis-Parcours Deutschlands – und den möchte ich ausprobieren.

Das Training findet an vier verschiedenen Gerätetypen statt, die aus Seilzugsystemen mit Umlenkrollen bestehen. Durch sie ist im Gegensatz zu herkömmlichen Geräten eine dreidimensionale Bewegung im Raum möglich. „Damit kann ich den gesamten physiologischen Bewegungsradius ausnutzen und den Muskel und das Gelenk in seiner Funktion trainieren“, erklärt mir Friederike Gröticke-Wolff, die nicht nur Fitnesstrainerin sondern auch Medizinerin und Physiotherapeutin ist.

Dieses Ganzkörpertraining dient nicht nur der Kraftsteigerung, sondern auch der Verbesserung von Koordination, Körperstabilität und -wahrnehmung. Alle Übungen können individuell an die Bewegungsabläufe des eigenen Alltags angepasst werden. „Zudem werden sie mit der Zeit immer komplexer“, und wackeliger, wie ich gleich am eignen Leib erfahren kann. Ein wenig fühlt man sich beim Training ans Strippenziehen erinnert. Während meiner Übung, bei der ich andeute, einen Aktenordner aus dem Schrank zu holen, stehe ich auf einem Kreisel, einer Holzscheibe, die auf einem halben Gummiball klebt. Dabei fühle ich mich wie der erste Mensch. Zuerst funktioniert nichts so, wie der Kopf es vorschreiben will, ich kann meine Bewegungen nur mit viel Konzentration koordinieren, und genau darum geht es – das ist die perfekte Ablenkung von Zahlen, Kosten und Konferenzen.

Bisher war alles fein. Zum Abschluss der Kinesis-Einheit schlägt mir die Trainerin jedoch vor, noch zehn Minuten im Cardiobereich zu strampeln. Na, toll! Genau das hatte ich befürchtet – ich bin in einem schicken Studio und werde am Ende doch aufs Fahrrad gesetzt. Ich muss jedoch weder auf Rad noch Laufband, sondern kann mich auf dem Wave-Trainer einer meiner Lieblingsbeschäftigungen widmen, dem Inlineskating.

„Das tolle daran ist, dass ich auch die hüftstabilisierenden Muskeln auf der Innen- und Außenseite meiner Oberschenkel trainiere“, erklärt mir Friederike Gröticke-Wolff. „Da kann ich mich innerhalb von zehn Minuten richtig auspowern.“ Und ob –  schon nach knapp fünf Minuten streiche ich die Segel, denn das Gerät lässt keinen menschlichen Durchhänger gelten, hier ist mächtiges Treten angesagt, sonst sackt man mit den Pedalen sofort in den Keller.

Das Gerät hat zudem einen entscheidenden Vorteil: Der Fernseher zur Ablenkung von den Strapazen ist gleich integriert. Doch davon, dass Geschäftsleute sich beim Radfahren mit Börsennachrichten ablenken, hält die Trainerin nichts: „Sport hat ja auch die Zielsetzung, eine Körpererfahrung zu machen, seine Grenzen zu erfahren“, sagt sie. Deshalb solle man sich auf das Training und seine Effekte konzentrieren.

Sport gehört zu den Geschäftsterminen

Gerade Unternehmern und Menschen, die viel Verantwortung im Job tragen, rät Friederike Gröticke-Wolff dringend, dem Körper Ausgleich durch Bewegung zu geben. „Ein ganz typisches Unternehmerproblem ist Stress mit Bluthochdruck und Herzinfarktgefahr“, gibt die 51-Jährige zu bedenken. „Beim Sport können die Stresshormone, die Gefäßverengung und Bluthochdruck mitauslösen, abgearbeitet werden.“ Zum sportlichen Erfolg trägt für sie auch ein qualifizierter Trainer bei, „denn nur neue individuell abgestimmte Trainingsreize bringen den spürbaren Effekt“, sagt die Expertin. „Mein Ziel erreiche ich nur dann, wenn ich fortwährend Änderungen reinbringe.“ 

Firmeninfos
| Patrick Schreiber Personal Training & Gesundheitsmanagement |
Holmes Place sucht Sales Consultants und Servicekräfte, Ono Spa sucht Spa-Attendanten

Geschäftsführer: P. Schreiber
Adresse: Mindener Straße 15, 10589 Berlin
Telefon: 0179 / 731 61 88
Web: www.pt-ps.de

Holmes Place Health Club Berlin
Geschäftsführer: Björn E. Kusche
Adresse: Friedrichstraße 68, 10117 Berlin
Mitarbeiter: 105
Telefon: 030 / 20 62 49 49
Web: www.holmesplace.de

The Mandala Hotel – Ono Spa
Geschäftsführer: Lutz Hesse Adresse: Potsdamer Straße 3, 10785 Berlin
Mitarbeiter: 7
Telefon: 030 / 590 05 11 00
Web: www.themandala.de

Ars Vitalis Fitnessclub GmbH
Geschäftsführer: Claudius
Kohdadad und Uta Wasserberg
Adresse: Hauptstraße 19, 10827 Berlin
Mitarbeiter: 65
Telefon: 030 / 788 35 63
Web: www.ars-vitalis.de

Und wer im Ars Vitalis trainiert, dem soll gegen eine monatliche Gebühr zwischen 75 und 95 Euro nichts geringeres als die Kunst des Lebens vermittelt werden. Schon am Eingang des Clubs fühlt man sich für sein Vorhaben beflügelt, denn die elegante Empfangshalle lässt ahnen, dass hier Entspannung und Gesundheit auf die Besucher warten. Beim Anblick der Wellnesslandschaft mit Pool, Hammam und mehreren Saunen erscheinen die sportlichen Qualen gleich angenehmer.

Trotzdem kann sich nicht jeder mit den Fitness-Geräten der Atmosphäre der Studios anfreunden, so schön sie auch sein mögen. Annette Wendel-Haack wollte trotzdem mehr körperliche Bewegung in ihr Leben bringen. Vor drei Monaten hat sie Pilates für sich entdeckt. Viele Jahre habe sie nur gearbeitet, um ihr Unternehmen aufzubauen und war damit auch erfolgreich. Für mehr als 200 Berliner Firmen übernimmt sie mittlerweile die Lohnabrechnung. Doch die Bewegung kam dabei leider zu kurz und „irgendwann habe ich gemerkt, jetzt reichts“. Jeden Mittwoch blinkt nun der Termin „Sport“ in ihrem PC auf und den nehme sie so ernst wie jeden anderen Geschäftstermin. „Wenn ich dann um zwölf ins Büro komme, bin ich ausgepowert, habe aber neue Energie für den Tag.“

Und wer glaubt, den Chefsessel unter gar keinen Umständen verlassen zu können, der kann es ja mit einer Spielekonsole probieren: Unternehmer könnten beim virtuellen Büro-Tennis spielerisch die Rückhand trainieren und nebenbei telefonisch drei Mitarbeiter entlassen.

Tina-Marlu Kramhöller


aus Ausgabe 9/2008

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