Guter Rat Sicherheit

Stelle statt Stütze

Wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, kann jetzt in allen Berliner Bezirken Fördergelder für den Arbeitsplatz beantragen. Bedingung aber ist ein unbefristeter Vertrag und Weiterbildungsmaßnahmen
Kugelschreiber mit Anziehungskraft: Bei usus werden Schreibgeräte mit Magnettechnologie entwickelt und hergestellt. Foto: Thilo Rückeis
Die riesigen Drucker bei Motiv Offset füllen fast den ganzen Raum. Leiser als man erwarten würde, surren die technisch hochkomplizierten Maschinen und spucken stapelweise Prospekte und Visitenkarten für Kunden aus ganz Europa aus. Der Inhaber der Druckerei in Friedrichshain, Nazim Karatas, hat viel Geld in den Kauf der Drucker gesteckt. Zusätzlich brauchte er neue Leute, die in der Lage sind, die Maschinen zu bedienen.

Die dafür benötigten Fachkräfte holte er über das Berliner Förderprogramm „Stelle statt Stütze“ in seinen Betrieb. Dadurch bekam er Lohnzuschüsse für die neuen Arbeitnehmer. „Ich habe über eine Million Euro in die neuen Maschinen investiert“, erklärt Karatas. „Da hilft es mir sehr, wenn ich erstmal weniger Lohn zahlen muss.“

Egal ob etabliert, oder neu gegründet, für den Arbeitgeber sind die Lohnkosten immer ein existenzieller Faktor: Um das Unternehmerrisiko Lohn zu verringern, können staatliche Förderprogramme in Form von Lohnzuschüssen genutzt werden. Mit solchen Zuschüssen will der Staat einen Anreiz für Unternehmen schaffen, arbeitslosen Menschen wieder einen Job zu geben.
Ein Beispiel ist der Eingliederungszuschuss der Agentur für Arbeit: Wer jemanden einstellt, der zuvor mindestens 12 Monate arbeitslos war, bekommt einen Lohnzuschuss von bis zu 50 Prozent. Dieser Beitrag dient als Ausgleich für die Einarbeitungszeit, die jemand braucht, der schon länger nicht mehr in seinem Beruf gearbeitet hat oder vielleicht sogar aus einem ganz fachfremden Bereich kommt. 

80 Prozent der Mitarbeiter blieben auch nach der Förderdauer im Betrieb

„Es dauert einfach eine Weile jemanden einzuarbeiten, der schon lange arbeitslos war“, gibt Karatas zu bedenken. In der ersten Zeit seien die neuen Mitarbeiter deshalb relativ unproduktiv, da sie den Umgang mit den noch unbekannten Maschinen erst lernen müssen. Dazu müsse ein erfahrener Mitarbeiter für die Einweisung bereitgestellt werden, wodurch die ganze Produktivität und letztendlich auch der Umsatz des Betriebes gemindert werde.

Um diese Nachteile auszugleichen, hat die Druckerei ihre zwei neuen Mitarbeiter über das staatliche Förderprogramm „Stelle
statt Stütze“ der Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung (gsub) mbH eingestellt. In diesem Jahr kann das Programm zum ersten Mal in allen Berliner Bezirken beantragt werden. Die gsub ist Treuhänder des Landes Berlin und betreut mehrere arbeitspolitische Maßnahmen. Seit 1996 fanden durch das Programm mehr als 4500 Menschen einen neuen Arbeitsplatz. Es richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern.

Bis zu 1000 Arbeitsplätze werden in diesem Jahr in allen Berufsgruppen und Wirtschaftszweigen gefördert. „Die meisten der Arbeitnehmer verbleiben auch nach Ende des Förderungszeitraums im Betrieb“, sagt Gabriele Fellermayer, stellvertretende Geschäftsführerin der gsub. Damit sei „Stelle statt Stütze“ ein effektives Mittel um Unternehmen zu kostengünstigen Mitarbeitern zu verhelfen und Langzeitarbeitslosen wieder eine dauerhafte Beschäftigung zu geben.

Bedingung für die bis zu zwölf Monate lange Förderung ist ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Der Arbeitgeber muss den Mitarbeiter einarbeiten und weiterqualifizieren. Abhängig von den individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten des Arbeitnehmers werden maximal 70 Prozent des Arbeitgeber-Bruttolohns gezahlt. Je mehr der Arbeitnehmer lernen muss, desto höher ist der Zuschuss. Finanziert wird „Stelle statt Stütze“ durch die Berliner Jobcenter und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). Für den Fall, dass der Arbeitnehmer trotz Qualifikation überhaupt nicht ins Unternehmen passt, wird in der Regel eine Probezeit von drei bis sechs Monaten vereinbart. Die in dieser Zeit gezahlten Fördergelder werden auch nach einer Entlassung nicht zurückgefordert.

Das könnten Arbeitgeber theoretisch ausnutzen und nur noch geförderte Mitarbeiter einstellen, die nach Ende der Förderungsdauer wieder entlassen werden. „Das Problem an den Förderprogrammen für Arbeitslose ist, dass man nur sehr schwer einschätzen kann, ob ein neuer Arbeitsplatz nur mit Hilfe der Fördergelder entstehen konnte, oder ob es auch ohne möglich gewesen wäre und der Arbeitgeber die Lohnzuschüsse ungerechtfertigt bezieht“, sagt die Referentin für Arbeitsmarktpolitik der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Ein Jahr beträgt die maximale Förderungsdauer von „Stelle statt Stütze“

Gesine Stephan vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hält dagegen: „Erfahrungsgemäß ist der Missbrauch der Fördergelder sehr schwierig und daher eher selten.“

Auch die hohen Anforderungen des Programms „Stelle statt Stütze“ und die enge Zusammenarbeit mit der gsub machen einen Förderungsmissbrauch schwer. Der Arbeitgeber muss ständig nachweisen, dass er den Mitarbeiter auch wirklich qualifiziert. Zuerst wird ein allgemeiner Stundenplan erstellt, aus dem hervorgeht, was dem Mitarbeiter Woche für Woche beigebracht werden soll. Dazu müssen die einzelnen Unternehmensbereiche sehr detailliert beschrieben werden, mit genauen Informationen was der neue Arbeitnehmer wann, wo lernt.

Wege zu neuen Mitarbeitern
| Eingliederungszuschuss: |
Dem Arbeitgeber können bis zu 50 Prozent des regelmäßig gezahlten Arbeitsentgelts als monatlicher Lohnkostenzuschuss für die Dauer von maximal zwölf Monaten gezahlt werden. Anträge gibt es bei der örtlich zuständigen Agentur für Arbeit.
Information: www.arbeitsagentur.de

Stelle statt Stütze:
Gefördert werden kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern in Berlin, die einen zusätzlichen unbefristeten Arbeitsplatz schaffen und den Arbeitnehmer einarbeiten und qualifizieren.
Information: www.stelle-statt-stuetze.de

JobPoint:
Hier können Arbeitgeber kostenlos ihre Stellenangebote, entweder vor Ort in Neukölln, oder online aufgeben. Die Aktualität der Anzeige wird alle zwei Wochen über telefonische Kontaktaufnahme gewährleistet. Die Profile von Arbeitssuchenden sind ebenfalls online einsehbar.
Information: www.jobpoint-berlin.de

Betriebliche Trainingsmaßnahmen:
Als Mittel zur Erprobung des Arbeitslosen im Rahmen eines Praktikums bis zur Dauer von maximal 8 Wochen. Prüfungsgebühren und Kosten für Arbeitskleidung werden erstattet.
Information: www.arbeitsagentur.de

„Das ist alles sehr aufwendig und erfordert viel Zeit“, sagt Hilmar Nicolay, Geschäftsführer der usus.berlin GmbH. Der Produktdesigner hat seine Firma 2003 gegründet und mittlerweile drei Mitarbeiter über „Stelle statt Stütze“ eingestellt. Das kleine Unternehmen, dessen Büroräume im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen malerischen Blick auf die Spree bieten, stellt edle Kugelschreiber her, die statt der üblichen Feder mit Magneten funktionieren.
 
Die drei Mitarbeiter arbeiten auch nach Ende der Förderung noch für ihn. Er habe seine Wahl nie bereut, sagt Nicolay. Nicht alle Mitarbeiter, die über „Stelle statt Stütze“ gefördert wurden, sind speziell für die Aufgaben im Unternehmen ausgebildet. Die heutige Vertriebsleiterin Jeanette Neundorf beispielsweise, war Tänzerin im Staatsballett der DDR, bis sie den Beruf verletzungsbedingt aufgeben musste. Nicolay lernte sie in den 90er Jahren an der Komischen Oper Berlin kennen, wo er einige Marketingprojekte betreute. Als der Jungunternehmer später einen Arbeitsplatz kostengünstig besetzen wollte, war Neundorf schon längere Zeit arbeitslos. So wurde aus der Freundschaft ein Arbeitsverhältnis.

„In unserem kleinen Team muss es vor allem auf menschlicher Ebene stimmen“, betont Nicolay. „Mir nützt eine gut ausgebildete Fachkraft nichts, wenn es zwischenmenschlich einfach nicht funktioniert.“ Durch die geringeren Lohnkosten habe er ohne großes Risiko erstmal testen können, wie sich die neuen Mitarbeiter in das Unternehmen einfügen.

Doch geringere Ausgaben für die Löhne helfen nicht nur bei der Eingliederung des neuen Arbeitnehmers ins Unternehmen: Die lohnbedingte Liquidität wirkt sich auch auf die Kreditvergabe der Banken aus. Denn die achten genau auf die betrieblichen Ausgaben der Arbeitgeber.

Wer als Arbeitgeber einen geförderten Mitarbeiter einstellen will und niemanden kennt, der die Voraussetzungen erfüllt, kann sich an den Job Point in Berlin-Neukölln wenden. Dort werden die Jobangebote auf zwei Etagen ausgehängt und können täglich von etwa 600 Interessenten gelesen werden. Wer seinen Wunscharbeitnehmer gefunden hat, kann dann bei Bedarf Lohnzuschüsse beantragen.

Bert Szilagyi


aus Ausgabe 9/2008 
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