Alles dicht
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Sicherheitsexperte Wolfgang Werner will Einbrüche verhindern. Dieses Gitter wurde mit einem Wagenheber überwunden. Foto: Thilo Rückeis |
Wie haben die das gemacht? Der Einbruch in das KaDeWe wurde mit einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen aufgenommen. Nicht so bei Wolfgang Werner. Schon vor dem Bruch Ende Januar sind dem geschäftsführenden Gesellschafter von der Werner Alarmanlagen GmbH und der Werner Sicherheitstechnik GmbH die unzureichenden Sicherungen beim Juwelier Christ aufgefallen. „Das reicht nicht“, dachte er sich schon damals.
Was dem Luxuskaufhaus passiert, kann jedem anderen Unternehmen auch zustoßen. Möglichkeiten, den Betrieb zu sichern, gibt es zahlreiche. Aber welche bieten genügend Schutz? Werner steht in seinem Laden in der Kantstraße, umgeben von Alarmanlagen, Rollgittern, Türschlössern, Fensterverriegelungen, Sicherheitsglas und weiteren Materialien, die Dieben das Leben schwer machen sollen. „Sicherheitstechnik muss im Zusammenspiel funktionieren“, sagt der 64-Jährige.
Ein kleines Beispiel: Bei einem Einbruch in der Friedrichstraße hat jemand einen Gullideckel genommen und ist damit gegen die Tür gelaufen. Die Tür hat gehalten, das Glas auch. „Aber jemand hat wohl vergessen, vernünftige Glashalteleisten zu montieren“, sagt Werner. Deswegen empfiehlt er, einen Sicherheitscheck zu machen und nur von der vds Schadensverhütung zertifizierte Unternehmen damit zu beauftragen.
„Es wird absolut unterschätzt, was der Täter alles macht. Da kann ich Ihnen Bilder bis zum Abwinken zeigen“, sagt Werner. Dann klappt er den überquellenden Ordner auf, in dem er Aufnahmen von Einbrüchen sammelt. „Hintereingänge in der Industrie sind extrem gefährdet“, sagt Werner. Schlecht einsehbar, vom Personal nachlässig verschlossen, der perfekte Einstieg für Diebe. Die Lösung hat er natürlich parat: Ein selbstverriegelndes Schloss. Das kann man nicht vergessen abzuschließen. Das ist eine einfache, relativ kostengünstige Version der Diebesabwehr. Damit ist es aber nicht getan, wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen will. Es muss dazu noch fachmännisch angebracht werden – und zwar auf beiden Seiten, nicht nur da, wo der Fensterhebel angebracht ist. Die Tür kann mit Stahlstreben verstärkt werden. Eine vernünftige Sicherheitstür gibt es für etwa 2500 Euro.
Grundsätzlich gilt aber: „Alle Mechanik ist überwindbar, wenn ich das nötige Werkzeug und die Zeit habe.“ Die Täter im KaDeWe sind am Wochenende eingestiegen und kamen sogar in aller Seelenruhe ein zweites Mal in das Gebäude rein. Es gilt also, Diebe nervös zu machen.
Alle Mechanik ist überwindbar
Michael Goldschmidt, Geschäftsführer von GSE Protect, einem Unternehmen für personelle Sicherheitsdienste, hält Räuber und Einbrecher für wirtschaftlich denkende Menschen. „Wenn der Täter weiß, dass er ertappt wird, dann wird er nicht handeln.“ Zwei Dinge sind dafür entscheidend: Die Zeit, die der Täter braucht, um einzubrechen, sowie die Technik im Gebäudeinnern, die ihn daran hindern soll, schnell hinauszukommen. Gute Sicherheitstechnik, die schwierig zu überwinden ist, ist also schon einmal ein guter Anfang. Mögliche Einstiegspunkte sollten darüberhinaus mit einer Alarmanlage gesichert sein, die nicht nur laut aufheult, sondern gleichzeitig auch einen stillen Alarm an eine Notfallzentrale gibt. Im Ernstfall ist die Polizei dann innerhalb von fünf Minuten am Ort des Geschehens.
Sicherheit wird oft auf die leichte Schulter genommen, so die Erfahrung von Werner. „Das ist die Mentalität der Deutschen: Bei mir wird nicht eingebrochen. Dabei wird hierzulande alle drei Minuten eingebrochen.“ Die Überfälle auf Juweliere in Berlin nehmen sogar leicht zu. 2008 hat der Internationale Juwelier-Warndienst (WD) 1,8 Prozent mehr Übergriffe registriert als noch im Vorjahr.
Gerade Juweliere rüsten sich deswegen auf. Angesagt sind im Moment vor allem qualitativ hochwertige Kameras. Zumindest kann so nach erfolgter Tat für den nötigen Durchblick gesorgt werden. „Wir empfehlen eine Kamera, die gegenlichtfähig ist“, sagt Martin Winckel vom WD. Über Deckenkameras kann der Tatablauf rekonstruiert werden. Die Täter erkennt man in der Regel aber nicht, weil durch diese Draufsicht die Gesichter nicht zu sehen sind. Auch Werner beobachtet eine verstärkte Nachfrage nach Kameras. „Das ist im Moment der Markt überhaupt. Aber nur die Videoaufzeichnung nützt gar nichts.“ Die wenigsten Täter lassen sich von einer Kamera schrecken.
Winckel empfiehlt deswegen zusätzlich andere technische Gimmicks. „Es gibt Nebelkanonen, wenn die auslösen haben Sie eine Sichtweite von 15 Zentimetern. Das ist eine ganz unangenehme Sache.“
Aber durch die moderne Technik sehen sich die Verbrecher zu anderen Methoden gezwungen. „Je mehr ich mein Geschäft mit Technik sicher, desto mehr geht es gegen Personen“, sagt Winckel. Die Täter würden sich immer die weichste Stelle suchen, und das ist in der Regel der Mensch, der den Schlüssel vom Geschäft oder vom Tresor trägt. „Da gibt es eine logistische Möglichkeit: Ein Wachdienst kann den Schlüssel abends abholen und am nächsten Tag wiederbringen“, sagt Winckel.
Sicherheitsleute können abschreckend auf Täter wirken. Sie können auf verschiedene Weisen eingesetzt werden. GSE Protect bietet bundesweit personelle Sicherheitsdienste an, alleine am Standort Berlin mit 220 Angestellten. „Es kann gut sein, vor Ort zu sein“, sagt Geschäftsführer Goldschmidt.
Günstiger und in vielen Fällen ausreichend, ist es aber, wenn die Wachmänner nur zu bestimmten Zeiten kommen. „Das ist eine Variante, die recht häufig nachgefragt wird, weil sie relativ kostengünstig ist“, sagt Thomas Ostermann von der Sicherheitsfirma AGSUS GmbH. Das Problem dabei ist nur: „Im Falle eines Falles können sie bestenfalls zeitnahe den Schaden feststellen, verhindern kann nur der Mitarbeiter vor Ort“, so Ostermann.
Werners Leben ist die Sicherheit. Er sammelt Fotos von Einbrüchen, zerstörten Fenstern, aufgebrochenen Türen. Der Ordner lässt sich nicht mehr schließen, so viele Fälle sind darin dokumentiert. Im Besprechungsraum hat er sich in zwei Vitrinen ein Minimuseum für Schlösser eingerichtet. „Die ältesten kommen aus dem 16. Jahrhundert“, sagt Werner, der auch schon bei Stiftung Warentest im Expertenausschuss saß.
„Eine Alarmanlage, die nicht auslöst, gibt es nicht“, sagt der Experte. Seine Schlussfolgerung: Das KaDeWe, in dem es keinen Alarm gab, war offenbar nicht gut genug gesichert. Auch wenn inzwischen zwei der mutmaßlichen Täter festgenommen sind, bleibt die Tat nach wie vor ein Rätsel.
„Da müssen viele Dinge zusammengekommen sein“, sagt Oliver Hanna, Center Manager des Alexa mit Blick auf den KaDeWe-Einbruch. Im Alexa sei die Situation anders. 24 Stunden würden Wachschützer im Haus patroullieren. Die Außenhaut sei kontaktgesichert. Ein System mit über 80 Kameras soll das Shoppingcenter sichern. Allerdings endet die Kontrolle am Eingang eines Geschäftes. „Für uns als Center-Management ist vor allem die Sicherheit des Kunden wichtig, der uns besucht.“ Die Geschäfte im Alexa müssen sich deswegen noch zusätzlich sichern.
Diebstahl von Juwelen, Parfüms oder anderen Artikeln ist die eine Sache. Dort, wo es um hochempfindliche Technologien geht, droht aber nicht nur Diebstahl, sondern auch Industriespionage. Deswegen wird die Sicherheit in diesem Bereich noch einmal verschärft. Ein Berliner Medizintechnikunternehmen, das aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht veröffentlichen will, hat eine ganze Reihe an Vorkehrungen getroffen. Das Gelände wird von Wachmännern kontrolliert. Büro und Produktion sind mit Zahlencodes gesichert. Besonders empfindliche Bereiche sind durch eine Einbruchmeldeanlage direkt mit dem Wachunternehmen verbunden.
Schloss, Kamera oder Wachmann nützen aber fast nichts, wenn der Täter aus dem eigenen Haus kommt. „Der Innentäter ist ein immerwährendes Risiko, das können Sie gar nicht ausschließen“, sagt Goldschmidt. Er kennt auch die Schattenseiten der Überwachung. „Wer bewacht die Wächter?“, fragt er. Und jeder Unternehmer müsse bewerten, wie sich die Sicherheitsmaßnahmen auf das Lebensgefühl der Kunden auswirken. „Würden Sie Ihrer Frau noch Ringe kaufen, wenn Sie vorher erst eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen müssen?“
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 3 / 2009
