Der Retter von Hoppegarten
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Foto: Caro Fotoagentur/Jürgen Blume |
Er trägt es von einem Tisch zum nächsten, legt es neben die Kaffeetasse, hängt es sich an den Arm, hält es in der Hand. Nur dazu, durch das große Fernglas hindurchzuschauen, kommt Gerhard Schöningh an diesem Samstag Mitte September fast nie. Er könnte das gegenüberliegende Ende der grünen Rennbahn deutlich sehen, könnte beobachten, wie ein halbes Dutzend edler Rennpferde unruhig in den Startboxen steht oder in schnellem Galopp auf die Zielgerade einbiegt. Aber dafür hat er keine Zeit.
Vor eineinhalb Jahren erstand Schöningh, 48, die Rennbahn in Hoppegarten, und nun verbringt er die Renntage vor allem damit, Hände zu schütteln, Gespräche mit Sponsoren und Unternehmern zu führen. Zwischendurch überreicht er Preise an die Gewinner, immer lächelnd, freundlich, verbindlich, entspannt. „Es war nie mein Ziel, eine Rennbahn zu besitzen“, sagt er. Doch als er hörte, dass Hoppegarten einen neuen Besitzer suchte, reizte ihn, den Finanzexperten und ehemaligen Fondsmanager, das Experiment.
Pferdefan, ja, das ist er. Acht Rennpferde besitze er, auch reiten könne er, sagt Schöningh, wenn auch, so gibt er zu, „sehr schlecht“. Doch mehr noch als die Liebe zu den schnellen Pferden forderte ihn die wirtschaftliche Situation der Bahn heraus. Der Union-Klub, vorheriger Betreiber und Pächter der Bahn, hatte im Sommer 2005 Insolvenz angemeldet. Der traditionsreichen Anlage in Hoppegarten, der „mythischen Bahn im Osten“, „Ikone des deutschen Rennsports“, wie Schöningh sie nennt, drohte das Aus.
„Eine Riesengelegenheit“, dachte der Investor. Für Rennsportfans im Westen hatte die Bahn lange keine Rolle gespielt. Besucher kamen aus Ost-Berlin und Brandenburg. „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Einzugsgebiet von etwa 5 Millionen potenziellen Kunden, von denen etwa die Hälfte das Produkt nicht kennt“, sagt Schöningh. Er zahlte rund drei Millionen Euro für das Areal.
Andreas Neue
Adresse: Goetheallee 1,
15366 Hoppegarten
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 10
Telefon: 03341 / 389 30
Web: www.hoppegarten.de
Gemeinsam mit einem Vetter ging er dorthin, das Wetter war schön, die Pferde waren edel und Schöningh von dem schnellen Sport begeistert. Die Geschichte Hoppegartens war ihm vertraut, schon zu DDR-Zeiten besuchte er die Bahn einmal. Vorsichtig will er nun versuchen, das Areal zu sanieren, dabei den Charakter zu erhalten, um die Stammbesucher nicht zu verschrecken. „141 Jahre alt ist die Anlage“, sagt er, „und wir machen hier jetzt quasi ein Startup“.
Er hat sich ein neues Team von Mitarbeitern zusammengestellt, 2008 und 2009 jeweils eine knappe Million in Sanierungsarbeiten gesteckt, die Tribüne und die Toilettenanlagen renoviert, einen modernen „Hospitality-Bereich“ eingerichtet und Sponsoren akquiriert. Mit Finanzen kennt sich Gerhard Schöningh aus. Über zehn Jahre führte er in London seine eigene Investmentfirma, die Ennismore European Smaller Companies. Dann verkaufte er seine Anteile, wollte eine Pause einlegen – da kam die Ausschreibung für Hoppegarten.
Seine diplomatischen und taktischen Erfahrungen aus der Finanzbranche kommen ihm nun auch als Rennbahnbesitzer zugute. Nicht alle Veränderungen auf dem Hoppegartener Areal wurden begrüßt. Die Trainer mokierten sich letztes Jahr über Sanierungsarbeiten auf einer Trainierbahn, die ihre Arbeit mit den Pferden beeinträchtigte; Naturschützer beschwerten sich über gefällte Bäume entlang der Rennstrecke.
Abhalten konnten Schöningh die Beschwerden ebenso wenig wie die generell eher schlechte Situation des Rennsports in Deutschland. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind die Wetteinnahmen, aus denen sich auch die meisten Rennbahnen finanzieren, sehr gering. In den vergangenen Monaten mussten einige Trab- und auch Galopprennvereine Insolvenz anmelden, darunter der International Club (IC) in Baden-Baden, der die Rennbahn in Iffezheim mit betreibt. Doch Schöningh ist zuversichtlich. Der Wettumsatz steigerte sich um 23 Prozent, seitdem die Bahn in seinem Besitz ist, durchschnittlich kamen zu jedem Rennen 6900 Besucher.
Hoppegarten ist die einzige Rennbahn in Deutschland, die komplett in privatem Besitz ist. In Großbritannien, wo es dem Rennsport sehr viel besser geht, sei dies keinesfalls ungewöhnlich, sagt Schöningh. Seit mehr als zwanzig Jahren schon lebt er in London, wo er Finanzwissenschaften und Politik studiert hat und nun im Stadtteil Knightsbridge wohnt. Eine Wohnung in Berlin hat er noch nicht. Bei seinen Abstechern nach Hoppegarten lebt er im Hotel. Zuerst, sagt Schöningh, will er die Rennbahn ordentlich „einrichten“. Eine Wohnung besorge er sich anschließend, gewissermaßen „als Belohnung“.
Katja Reimann
Aus der Ausgabe 10 / 2009

