Das Fördergeschäft ausbauen
|
Ulrich Kissing begann seine Banklaufbahn 1986 als Trainee der Deutschen Bank. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Foto: Thilo Rückeis |
Vielleicht hat das Büro den Ausschlag für die Jobentscheidung gegeben. Im zehnten Stock des Gebäudes der Investitionsbank Berlin an der Bundesallee kann Ulrich Kissing die ganze Stadt überblicken. Der frühere Manager der Deutschen Bank in Frankfurt am Main mag Berlin, er sagt, das sei einer der Gründe, warum er das Angebot angenommen habe, Chef der Berliner Förderbank zu werden.
Am 1. September hat er seine neue Stelle angetreten, ein Jahr nach dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise. Zwar ist Berlin bislang relativ glimpflich durch die Rezession gekommen. Kissing sagt trotzdem: „Eine meiner Aufgaben ist die Zunahme des Fördergeschäfts.“ Die Investitionsbank Berlin habe bislang vor allem Gründer und Investitionen gefördert. Für Liquiditätsengpässe oder Umschuldungen seien weniger Kredite vergeben worden. In der Krise aber investierten die Unternehmen geringere Beträge oder stellten Investitionen ganz zurück. Kissing will sich künftig verstärkt um Unternehmen mit Liquiditätsproblemen kümmern: „Gemeinsam mit dem Land sind wir dabei, den Rahmen für unsere Geschäfte zu erweitern“, sagt er. „Gesunde Unternehmen sollen auch dann gefördert werden, wenn sich andere Geldgeber verabschieden. Wir müssen den Firmen aus der Liquiditätslücke heraushelfen, damit sie die Krise überstehen.“
Er ist überzeugt davon, dass der Standort Berlin Potenzial hat, auch wenn die Stadt noch viel nachzuholen habe, zum Beispiel endlich den internationalen Großflughafen fertigzustellen. Kissing sagt: „Ich denke immer optimistisch. Ohne Optimismus gibt es kein Unternehmertum.“
Gelernt hat er diese Haltung in seiner Familie. Kissing stammt aus dem Sauerland. Der Vater hatte einen Betrieb für Metallverarbeitung. Als Jugendlicher hat er in den Ferien dort gejobbt, für drei Mark und 51 Pfennig in der Stunde. Er stand an der Prägemaschine und drückte immer wieder den Hebel herunter, im Akkord. Es waren Herrgottsbilder, die er prägte, so etwas vergisst man nicht. Von dem Geld, das er verdiente, kaufte er sich ein Radio, seine Lieblingsband war Pink Floyd.
Ulrich Kissing (Vorsitzender),
Frank Schneider
Adresse: Bundesallee 210,
10719 Berlin
Umsatz: 20,47 Mrd. Euro
Mitarbeiter: 671
Telefon: 030 / 212 50
Web: www.ibb.de
Nach dem Abitur studierte Kissing Betriebswirtschaft in Regensburg. 1986 begann er als Trainee bei der Deutschen Bank in Augsburg. Es folgten Stationen in Frankfurt am Main, London und wieder Frankfurt. Kissing lernte das Privatkundengeschäft kennen, arbeitete im Derivate-Handel und zuletzt in der Abteilung „Treasury“, die Refinanzierungsquellen für die Deutsche Bank erschließt.
2003 wurde er in den Vorstand der Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG berufen. Früher hieß die Sparte mal Deutsche Bank 24; mit ihr sollten Privatkunden und kleinere Geschäftskunden aus dem Kerngeschäft ausgelagert werden. Der Versuch floppte, im Jahr 2002 ruderte die Bank wieder zurück. 2008 verließ Kissing das Institut. „Wir hatten unterschiedliche Ansichten über bestimmte strategische Fragen“, sagt er. „Manchmal muss man konsequent sein, um sich treu zu bleiben.“
Er ging zunächst nach London und arbeitete dort für eine kleinere Investmentfirma. „Investmentboutique“ nennt Kissing sie. Er ist ein Banker, durch und durch. 2009 kam der Ruf der IBB.
Ein Privatbanker wird Chef in einer Förderbank. Passt das zusammen? Hier regiert nicht der Aktionär, hier regiert das Land Berlin. Und Politik ist ein langwieriger Prozess. Kissing sagt: „Was ein Geschäftsbanker mitbringt, wird auch in einer Förderbank verlangt: die Fokussierung auf Kunden, auf Risiken und Prozesse.“ Wichtig sei ihm, dass er hier noch etwas Neues lernen könne.
Und schließlich sei Berlin „eine tolle und interessante Stadt“. Im Moment schläft Kissing noch im Hotel, unweit der Investitionsbank. Wenn seine Frau und die drei Kinder aus Frankfurt nachgekommen sind, will sich die Familie eine Wohnung in Charlottenburg suchen.
Miriam Schröder
Aus der Ausgabe 11 / 2009
