Im Namen des Vaters
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Foto: Thilo Rückeis |
Jedes Jahr am Heiligabend zieht Kay Friedrich Thomsen sein Jackett aus, legt einen Talar an und hält in der Apostel-Paulus-Kirche eine Weihnachtspredigt. Im Hauptberuf ist er Präsident von Ecovis International, einem weltweiten Verbund von Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Anwälten. Thomsens Berufung aber ist die Seelsorge.
Er wurde in Florenz geboren, der Vater war Auslandspfarrer. Der Junge war ergriffen von der Pracht der italienischen Kathedralen, dem Geruch von Weihrauch. In Ehrfurcht erstarrt ist er nicht. „In einer Kirche zu sein, war das Normalste von der Welt“, sagt Thomsen. Die Familie ging zurück nach Norddeutschland. Thomsens Mutter war Religionslehrerin, der Vater bildete Pfarrer aus. Wenn die jungen Prediger ihre Reden probten, hörten die Kinder zu. Beim Mittagessen diskutierten sie die Predigten. Mit 17 wusste Thomsen, dass er Pfarrer werden wollte.
Sicher hat er auch mal an seinem Gott gezweifelt. „Wir wissen ja, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist“, sagt er. Im Theologiestudium ging es auch darum, den Glauben zu hinterfragen. Heute sagt er: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich weiß, die Toten sind in guten Händen.“ Vielleicht gibt ihm das die Sicherheit, die er ausstrahlt, die Menschen in seiner Nähe immer wieder dazu bringt, sich ihm anzuvertrauen. Auch wenn er doch kein hauptamtlicher Pfarrer geworden ist wie geplant.
Noch als Student gründete er einen Catering-Service. Er kochte gern, echte toskanische Küche, erst für die Familie, dann für Kunden in ganz Schleswig-Holstein.
Irgendwann kochte er für Wolfgang Grieger, Gründer der Steuerberatung Grieger Mallison, der gerade dabei war, in den Osten aufzubrechen. Es war 1991, Grieger kaufte DDR-Buchhaltungsbetriebe. Er bot Thomsen an, sein Assistent zu werden. „Ich?“, fragte der Theologe. „Genau“, sagte Grieger. „Ich brauche Menschen, die so positiv denken wie Sie.“ Warum nicht? Bis zum Vikariat, so heißt die Ausbildung bei Pfarrern, hatte Thomsen ohnehin zwei Jahre Wartezeit. Als sie um waren, blieb er in der Firma. Ihn faszinierte „das Machen“. Die vielen Kontakte und Projekte, zu sehen, wie im Osten ein Mittelstand heranwuchs.
Rechtsanwälte, Lohn- und Finanzbuchhalter in Berlin gesucht
Präsident: Kay Friedrich Thomsen
Adresse: Ernst-Reuter-Platz 10,
10587 Berlin
Mitarbeiter: 2700
Umsatz: 160 Millionen Euro
Telefon: 030 / 31 00 08 55
Web: www.ecovis.com
Die früheren Kommilitonen ärgerten sich stattdessen mit der Kirchenbürokratie herum. Thomsen bekam plötzlich Angst, dass die Kirche ihn ausbremsen würde. Grieger Mallison schloss sich mit anderen Kanzleien unter dem Namen Ecovis zusammen. Es war Thomsen, der die ersten Gespräche anbahnte. Die Psychologie, Teil des Theologiestudiums, braucht er auch in der Firma jeden Tag. Jahrelang beriet er eine Führungskraft bei einem Streit mit einer Kollegin. Irgendwann sagte sie zu ihm: „Wissen Sie, Herr Thomsen, wenn man Sie so reden hört, könnte man meinen, Sie sind Pfarrer.“
Er hat lange mit der Kirche gekämpft, bis er das Vikariat neben dem Job absolvieren durfte. Er wurde Prokurist, später Vorstand der Ecovis Europe AG. Als Präsident von Ecovis International ist er heute zuständig für den Aufbau der internationalen Ecovis-Gemeinde. In seiner Freizeit tauft er Kinder, traut Paare oder spendet bei Beerdigungen Trost. Ehrenamtlich. Die Freunde und Kollegen, die sich mit existenziellen Fragen an ihn wenden, „das ist meine Gemeinde“, sagt Thomsen.
Manchmal fällt er auf in der Welt der Wirtschaft. Vier Jahre hat er nicht nach einer Gehaltserhöhung gefragt. Als er es doch tat, lachte sein Chef ihn aus. „Ich habe eben alles, was ich brauche“, sagt Thomsen und zitiert: „Jesus sagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ „Unser tägliches Brot“, meint er, geht aber über die Grundsicherung hinaus. Gegen ein schönes Armani-Jacket und einen BMW-Minicooper könne Gott nichts haben.
Er findet auch nichts dabei, wenn Steuerberater Firmeneigentümern dabei helfen, so wenig Geld wie möglich an den Staat zu zahlen. „Unsere Kunden sind Mittelständler. Die investieren das Geld in Arbeitsplätze.“ Nur beim Thema Kirchensteuer wird der Pfarrer unbequem. Wenn einer behauptet, er trete nicht wegen des Geldes aus der Kirche aus, sagt er: „Dann spende das Geld.“ Dann sind die meisten still.
Miriam Schröder
Aus der Ausgabe 12 / 2009

