Mit Herz für die Marke

Das Wintergarten Varieté eröffnet knapp ein Jahr nach seiner Schließung mit einem neuen Betreiber. Georg Strecker kehrt als Geschäftsführer zu seiner großen Liebe zurück
Foto: Uwe Steinert

Eigentlich, sagt Georg Strecker, hätte das Wintergarten Varieté gar nicht erst schließen müssen. Wie er da so sitzt, die Arme verschränkt, und in das Rauschen des Verkehrs hineinschweigt, der sich unter seinem Geschäftsführerzimmer an der Potsdamer Straße vorbeischiebt, geht der Satz unausgesprochen weiter: Eigentlich hätte Georg Strecker gar nicht erst gehen wollen.

Strecker hatte sein Geschäftsführermandat im Sommer 2008 niedergelegt, kurz bevor das Varieté Insolvenz anmeldete. Im Januar 2009 senkten sich die Metallrollos vor den Schwingtüren zum Eingangsbereich des Varieté-Theaters, und sie blieben rund ein Jahr lang unten.

Jetzt ist Georg Strecker wieder da, als Geschäftsführer des neuen Betreibers, der Arnold Kuthe Entertainment GmbH. Und das Wintergarten Varieté macht sich vor der Wiedereröffnung am 29. Januar hübsch. Georg Strecker läuft durchs Haus, grüßt links, gibt rechts noch kurz Anweisung, steigt zwischen ausgebauten Sitzen, abgelegten Metallschienen und Kabeln herum.

Wieso kehrt man zurück zu einem Betrieb, den man verlassen hat? „Weil der Wintergarten einfach zu Berlin und mit Leben erfüllt gehört“, sagt der 52-Jährige mit den weißen, kurz geschnittenen Haaren, „das ist nicht einfach irgendwas. Und weil ich noch eine Menge Ideen habe.“ Und weil das Wintergarten Varieté neben seiner Frau so etwas wie die zweite große Liebe im Leben von Georg Strecker ist, sagt er. Ab 1998 hat er über das Haus gewacht, zuerst als Geschäftsführer, später als Mitgesellschafter der Wintergarten Varieté Theater Betriebs GmbH. „Das waren knapp zehn Jahre meines Lebens, und wie ich meine, nicht die unwichtigsten“, sagt er.

Während der Auszeit, die er sich nach dem Ausstieg aus dem Wintergarten genommen hat, riss der Kontakt zum Haus nie ganz ab. Eine Zeit lang dachte er darüber nach, mit einem Partner selbst das Haus zu betreiben. Das ergab sich nicht. Also übernahm der ausgebildete Gymnasiallehrer für Englisch und Sport einige Projekte für den Eventveranstalter Trend Event, für den er vor seiner Wintergarten-Zeit gearbeitet hatte.

Irgendwann kam ein Anruf des Eigentümers der Immobilie Wintergarten. Die Kuthe GmbH wollte einen Teil des zum Verkaufs stehenden Inventars selbst kaufen, um dem Haus bessere Startchancen bei der Rückkehr ins Show-Geschäft zu
sichern. Nicht selbstverständlich sei sowas, betont Strecker.

Firmeninfo
| Arnold Kuthe
Entertainment GmbH |
Geschäftsführer: Georg Strecker
Adresse: Potsdamer Straße 96,
10785 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 14
Telefon: 030 / 58 84 33
Web: www.wintergarten-variete.de

Dann passierte das nächste Unerwartete: Die Kuthe GmbH dachte darüber nach, selbst das Theater zu betreiben, und bat Georg Strecker um Rat. „Ich hatte früher als Mieter viel mit ihnen zu tun“, sagt er. „Da waren wir selten einer Meinung und haben uns manchmal richtig gefetzt.“ Dem gegenseitigen Vertrauensverhältnis hat das offenbar keinen Abbruch getan. Am Ende der Gespräche über Rentabilität, Investitionen und Programmgestaltung für das Haus, die sich über Wochen hinzogen, machte die Kuthe GmbH Nägel mit Köpfen, schuf eine Betreiber-GmbH und stellte Strecker als Geschäftsführer ein.

Das Projekt Wintergarten muss sich binnen einen Jahres tragen, sonst ist Schluss, haben die neuen Betreiber klargemacht. Der alte neue Wintergarten tritt dafür mit deutlich kleinerer Belegschaft an und hat viele Bereiche, wie etwa die Besucherbetreuung, ausgelagert. „Mit 55 Prozent Auslastung würden wir klarkommen“, sagt Strecker.

Die Aufstellung und die Erfolgsaussichten des Wintergartens unterlegt er mit Zahlen und Marktanalysen. Dann sitzt da der Geschäftsmann, zurückgelehnt auf seinem mit schwarzem Leder überzogenen Stuhl, und untermauert mit ruhigen Handbewegungen seine Argumente. Mal streichen die Hände vertikal, mal horizontal durch die Luft, in kurzen, klaren Linien. „Das Träumen ist schon gut und wichtig“, sagt er, „weil da die ganze Energie herkommt. Aber dann muss man sich hinsetzen und sich mit betriebswirtschaftlichen Eckdaten auseinandersetzen.“

Wenn es um die Inhalte der neuen Show geht, um das Herz des Varieté-Theaters, verändert sich Streckers Körpersprache. Die Stimmlage steigt, der Tonfall wird schwärmerisch, die Bewegungen geraten ausladend. „Wir werden dauernd gefragt, was macht ihr denn jetzt Neues im Wintergarten, was hat sich denn verändert?“, sagt er. Die Antwort: Eigentlich nicht so viel. Strecker setzt konsequent auf die Marke Wintergarten und ein mutiges Programm. Es sei einfach leichter, als eines von zwei Varietéhäusern auf dem schwierigen Berliner Kulturmarkt zu bestehen als mit einem neuen Konzept, das sich unweigerlich mit einer Vielzahl anderer Häuser reiben würde.

Folgerichtig heißt die neue Show, die am 29. Januar startet und am 5. Februar Premiere hat, „Die fabelhafte Varieté Show“. Drei eigene Shows jährlich sind geplant. Der Vorverkauf laufe gut, sagt Strecker. Darüber, was er machen könnte, wenn es nach einem Jahr nicht mit dem Berieb weitergeht, denkt er nicht nach. „Ich mache immer das, was ich gerade mache, und das zu 200 Prozent.“

Constance Frey


Aus der Ausgabe 2 / 2010

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