Botschafterin der Unternehmer

Marie-Christine Ostermann ist Juniorchefin eines westfälischen Lebensmittellieferanten. Als Vorsitzende des Verbandes „Die jungen Unternehmer“ wird sie jetzt öfter in Berlin sein
Marie-Christine Ostermann stammt aus Hamm. Nach Lehre und Studium war sie Management-Trainee bei Aldi Süd. Seit 2006 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin der Rullko Großeinkauf GmbH & Co. KG in Hamm. Foto: promo

Ein Dienstagnachmittag im Februar. Das Café Einstein unter den Linden ist wie immer voller Politiker und Journalisten, die bei Kaffee oder Wein die Lage im Regierungsviertel besprechen. Marie-Christine Ostermann bestellt noch eine Cola und erzählt mit Begeisterung von ihrem Weihnachtsbus, einem mit Sternen beklebten Gefährt, in dem die Firma Rullko jeden Winter die neuesten Süßwaren aus ihrem Sortiment präsentiert. Die 32-Jährige ist geschäftsführende Gesellschafterin des Familienbetriebs im westfälischen Hamm, der Großküchen und Gastronomie mit Lebensmitteln beliefert.

Noch teilt sie sich den Chefposten mit ihrem Vater. Das ist wichtig, denn demnächst wird sie viel Zeit im Berliner Regierungsviertel verbringen. Marie-Christine Ostermann ist die neue Vorsitzende bei dem Verband „Die jungen Unternehmer“ (BJU). In dieser Funktion organisiert sie die Veranstaltungen für die Mitglieder, besucht parlamentarische Abende und ist auch schon in Fernsehtalkshows aufgetreten. Sie sagt, sie wolle die Themen der jungen Generation auf die politische Agenda bringen: „Wir müssen die Sozialversicherungssysteme nachhaltiger machen“, sagt sie. „Jedes Kind in Deutschland hat schon 20 000 Euro Schulden, das kann doch nicht sein.“

Bei solchen Sätzen klingt sie schon ganz wie eine Politikerin, die routiniert die Positionen abspult, die von ihr erwartet werden. Sie kann aber auch leidenschaftlich wirken, nämlich dann, wenn es um ihr Unternehmen geht. Dass Opel für seine Sanierung um Staatshilfen bettelt, findet sie zum Beispiel absurd. „Als Unternehmerin ist mir doch auch jeden Tag bewusst: Ich kann theoretisch pleite gehen. Ich muss überzeugende Produkte herstellen, sonst schnappt mir mein Konkurrent die Kunden weg.“ Wenn Opel das versäumt habe, müssten ihre Mitarbeiter den Fehler doch nicht mit ihren Steuergeldern bezahlen.

Firmeninfo
| Die jungen Unternehmer |

Die jungen Unternehmer sind 1500 Inhaber oder Gesellschafter von Eigentümerbetrieben bis 40 Jahre

Vorsitzende:
Marie-Christine Ostermann
Adresse: Charlottenstraße 24,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 30 06 50
Web: www.bju.de

Sie habe schon mit 16 gewusst, dass sie Unternehmerin werden wolle, sagt Marie-Christine Ostermann. Ihren Vater habe sie schlicht bewundert. Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst eine Banklehre, dann studierte sie Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen in der Schweiz, wo sich die internationale Topelite ausbilden lässt. Die meisten ihrer Kommilitonen sind nach dem Abschluss Unternehmensberater geworden oder Investmentbanker.

Sie selbst ging zu Aldi, nach Bayern, um weit weg von der väterlichen Firma das Lebensmittelgeschäft und das Führen zu lernen. Als Filialleiterin hat sie selbst Regale abgestaubt und Kisten gepackt. Es war eine harte Zeit, aber sie hat viel gelernt, zum Beispiel, wie man einen Gabelstapler fährt. Mit diesem Wissen kehrte sie zurück nach Hamm, als Geschäftsführerin der Firma Rullko. Da war sie 27 Jahre alt.

Dass sie mit anpacken kann, hat ihr Respekt eingebracht bei den Mitarbeitern, von denen sie viele noch als kleines Mädchen kennen. Beeindruckt hat sie auch, dass die neue Chefin ganze Tage bei minus 30 Grad in der Kühlkammer gearbeitet hat, weil sie alle Bereiche des Unternehmens kennenlernen wollte.

Eine Frau an der Spitze ist bei Rullko sowieso nichts Neues. Gegründet wurde das Unternehmen vor 80 Jahren von Urgroßvater Ostermann. Nach seinem Tod übernahm seine Frau die Führung, bevor sie den Betrieb an ihren Enkel Carl-Dieter, Marie-Christines Vater weitergab. Heute hat Rullko 150 Mitarbeiter und ist auf die Belieferung von Altenheimen und Krankenhäusern spezialisiert. „Bei dieser Kundengruppe können wir zum Beispiel der Rewe-Gruppe ganz schön auf den Keks gehen, das ist spannend“, sagt die junge Chefin. An ihrer Arbeit schätzt sie auch „das familiäre Verhältnis. Der Betrieb ist nicht so anonym wie ein Großkonzern.“ Diese Begeisterung will Marie-Christine Ostermann als BJU-Vorsitzende weitergeben, zum Beispiel, indem sie die Projekte für die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen ausbaut. Und natürlich will sie die Politik davon überzeugen, dass es die kleinen und mittelständischen Betriebe sind, die Unterstützung brauchen und keine bürokratischen Hürden. Als Botschafterin für das Unternehmertum ist sie schon ziemlich überzeugend.

Miriam Schröder


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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