Der Altenpfleger
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Lutz Karnauchow, 57, stammt aus Schöneberg und ist gelernter Familientherapeut. Um gesund zu bleiben, geht er jeden Morgen um halb sieben mit seiner Frau Joggen und macht Qi Gong. Foto: Paul Zinken |
Auf einmal ist die offene Wasserflasche vergessen. Lutz Karnauchow umklammert sie mit einer Hand auf seinem Schoß und gestikuliert mit der anderen, während er sich in Rage redet: „In dieser Republik interessiert sich niemand dafür, die Pflege besser zu machen.“ Niemand außer ihm, meint der 57-Jährige. Der deutsche Pflegeservice hinke um Jahre hinter dem Angebot anderer europäischer Länder hinterher.
Lutz Karnauchow hat ein Patent dafür, alte Menschen zu pflegen. Domino World heißt sein Unternehmen, das zugleich ein gemeinnütziger Verein ist, zu dem elf Heime und Pflegedienste in Berlin und Brandenburg gehören. „Domino Coaching“ nennt er seine patentierte Methode der Altenpflege: „Bei uns geht es nicht nur darum, dass die Menschen satt und sauber sind wie bei anderen Heimen und Pflegediensten. Wir ermöglichen unseren Kunden durch Rehabilitation, Physio- und Ergotherapie ein Stück neue Selbstständigkeit.“ Ziel sei es, bei jedem Einzelnen die Pflegestufe zu senken.
„Das ist eine Marktchance. Wir bekommen dann zwar weniger Geld, aber dafür stehen die Kunden Schlange. Wir haben lange Wartelisten.“ Und dabei sei Domino World nicht teurer als die Konkurrenz. „Die anderen Heimbetreiber sagen immer, das Geld reiche nicht aus, um eine würdige Pflege zu gewährleisten. Aber wir kriegen das hin.“
Das Wort „Wir“ benutzt Karnauchow immer, wenn er über sein Unternehmen spricht. Er identifiziert sich mit seinem Betrieb und seinen Mitarbeitern. Vielleicht liegt es auch daran, dass Domino World gerade zu „Deutschlands bestem Arbeitgeber“ im Gesundheitswesen gewählt wurde, in der Kategorie der Firmen mit 500 bis 2000 Mitarbeitern. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) war bei der Preisverleihung dabei. „Die dümmste Geldverschwendung ist es, Mitarbeiter schlecht zu behandeln“, sagt Karnauchow. „Fluktuation und ein hoher Krankenstand verursachen die höchsten Kosten in einem Betrieb.“ Vor allem, wenn die Mitarbeiter wie bei Domino World aufwändig geschult seien. Die könne man nicht einfach ersetzen. „Und nur hochgradig zufriedene Mitarbeiter garantieren zufriedene Kunden.“
Die Firmenzentrale von Domino World liegt in einem verschlafenen Einfamilienhausviertel in Birkenwerder, in der Nähe der S-Bahn-Strecke zwischen Berlin und Oranienburg. Im Garten eines Nachbarhauses wacht ein Dalmatiner über das Viertel und bellt jeden an, der sich dem Domino World-Hauptquartier zu Fuß nähert. Das Gartentor zur Firmenzentrale ist angerostet. Aber in der herrschaftlichen Villa dahinter glänzt das Parkett, und die Orchideen blühen weiß und rosa auf den Fensterbänken.
Das Unternehmen sucht zurzeit unter anderem 15 Auszubildende
Vorstand: Lutz Karnauchow
Adresse: Karl-Marx-Straße 84–86,
16547 Birkenwerder
Umsatz: rund 20 Millionen Euro
Mitarbeiter: 550
Telefon: 03303 / 29 37 60
Web: www.domino-world.de
Lutz Karnauchow blickt aus dem hellen Salon im Erdgeschoss in den parkartigen Garten: „Walter Ulbricht ist immer zu Dieckmanns Geburtstag gekommen, und dann haben sie hier gefeiert“, sagt er. Vorbesitzer des Anwesens war Johannes Dieckmann, Präsident der Volkskammer der DDR und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Die Geschichte hat Karnauchow von Nachbarn gehört. „Das war für mich als alter Wessi alles sehr fremd.“ Und dann erzählt er, wie Domino World damals nach der Wende aus Spandau in den Osten zog: „Wir waren die ersten, die das Potenzial hier erkannt haben.“
1982 gründete der Diplom-Psychologe sein Unternehmen zusammen mit drei Mitstreitern – weil er unmittelbar nach dem Studium in Berlin keinen Job finden konnte. Zunächst kümmerten sich die Unternehmensgründer im Brennpunktviertel Siemensstadt um Kinder aus schwierigen Familien –„als Supernanny“, wie Karnauchow es nennt. „Aber mit Kindern kann man kein Geld verdienen.“ Also wurden alte Leute seine Kundschaft. Und die ist offenbar mit dem Service des Berliner Unternehmens sehr zufrieden: Domino World wurde schon drei Mal zum „kundenfreundlichsten Unternehmen Deutschlands“ gewählt.
Er könne sich vorstellen, irgendwann sein eigener Kunde zu werden und in eines seiner Pflegeheime zu ziehen, sagt Karnauchow: „Aber wenn es mich erwischt, dann hoffentlich erst im hohen Alter.“
Daniela Martens
Aus der Ausgabe 3 / 2011
