Die Rute ist seit 1968 abgeschafft
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Stephan Antczack liebt seine Arbeits- kleidung. Und tritt manchmal auch mit seiner Schwester auf. Foto: Thilo Rückeis |
Sein Opa hat es ihm vorgemacht – bis der siebenjährige Enkel ihn enttarnte: „Der Weihnachtsmann, der jedes Jahr zu uns kam, hatte wie Opa einen offenen Schuh und roch genauso stark nach Zigarren“, erinnert sich Stephan Antczack. Außerdem musste der Großvater immer das Zimmer verlassen, bevor der Weihnachtsmann kam.
Obwohl der desillusionierte Stephan selbst nicht mehr an den rot-weißen Geschenkebringer glaubte, spielte er später für seine jüngste Schwester den Weihnachtsmann, und seine Schwester Heike assistierte als Engel. Heute kann man die beiden in dieser Besetzung buchen: Sie kommen mit Geschenken, aber ohne Rute. „Die Rute ist bei der Heinzelmännchen-Arbeitsvermittlung seit 1968 abgeschafft“, sagt der 45-Jährige, und seine warme, klangvolle Stimme wird lauter, weil viel los ist im Weihnachtsmann-Büro der Heinzelmännchen-Arbeitsvermittlung des Studentenwerks. Fast jede Minute klingelt hier in der Hardenbergstraße eines der Telefone, und am Empfangstisch verspricht ein angehender Engel, seine Lohnsteuerkarte nachzureichen.
Ich freue mich im März schon wieder auf die kommende Saison
Wenn es nach Stephan Antczack geht, sollen in diesem Jahr viele Weihnachtsmänner gemeinsam mit einer weiblichen Begleitung auf Bescherungstour gehen. Einerseits, weil die Frauen den Kindern oft die Angst nehmen. Aber auch, weil viel mehr Frauen als Männer in sein Büro kommen und nach einem Weihnachtsjob fragen. Die Vermittler hoffen, dass die Engel auch neue Weihnachtsmänner mitbringen. 2010 haben rund 500 Weihnachtsmänner und 50 Engel knapp 5000 Hausbesuche bei Berliner und Brandenburger Familien gemacht. Wer sich für diesen Job interessiert, muss übrigens kein Student sein. Auch viele Freiberufler nutzen die Möglichkeit, am 24. Dezember zu arbeiten. Stephan Antczack selbst ist 2002 zum ersten Mal für das Studentenwerk in den rot-weißen Mantel geschlüpft, seit 2008 arbeitet er auch in der Projektleitung mit. Das restliche Jahr verdient er sein Geld als Krankenpfleger – und macht vor allem Nachtdienste. „Ich freue mich aber schon im März auf die nächste Saison“, sagt Antczack, der zu jenen Menschen gehört, die auch ohne Kostüm wie ein Weihnachtsmann aussehen. Und das nicht nur, weil er einen Bart trägt, sondern auch, weil er einen kleinen Bauch hat, und vor allem einen gütigen Blick.
Seit einigen Jahren kooperiert die Weihnachtsmannvermittlung mit dem Kindernotdienst. „Manchmal kommt unseren Weihnachtsmännern bei ihren Besuchen einiges komisch vor.“ Etwa, wenn die Kinder besonders verängstigt sind und die Eltern sehr aggressiv. Dann sei es wichtig, dass die Kollegen ihre Eindrücke weitergeben können und nicht aus Angst schweigen. „Statistisch gesehen gibt es in jeder siebten Familie Suchtprobleme, davor können wir nicht die Augen verschließen.“
Die so genannten Erstweihnachtsmänner und selbstverständlich auch die Erstengel müssen vor ihrem Einsatz eine fünfstündige Schulung besuchen. Darin geht es unter anderem um die Kulturgeschichte des Weihnachtsmannes, außerdem bekommen die Neulinge ein Schauspieltraining. Verdienen kann man als Weihnachtsmann am 24. Dezember zwischen 350 und 500 Euro. Dafür machen sie zehn bis 15 Hausbesuche. Überraschenderweise werden die Engel für diese Touren besser bezahlt als die Weihnachtsmänner: Zwischen 15 und 20 Uhr kostet ein Weihnachtsmann 36 Euro, ein gemeinsamer Auftritt mit Engel 76 Euro.
Buchen kann man sie unter der Berliner Telefonnummer 939 39-77 11.Viele Weihnachtsmänner sind türkischer und arabischer Herkunft. „Einer von ihnen stammt aus Bethlehem, und sein Vater hat schon vor vielen Jahren für die Heinzelmännchen gearbeitet“, sagt Stephan Antczack, und auch, dass er das sehr bewegend findet. Nach der Bescherung treffen sich die Weihnachts-
männer und Engel jedes Jahr in der Stadtklause am Anhalter Bahnhof: „Der Besitzer hält die Kneipe für uns geöffnet.“ Wunschlos glücklich ist aber auch ein Weihnachtsmann nicht. Stephan Antczack hat ein Lehramtsstudium absolviert und hofft nun auf einen Referendariatsplatz in Brandenburg.
Rita Nikolow
redaktion@berlin-maximal.de
Aus der Ausgabe 12 / 1 / 2012
