Menschen, die die Stadt bewegen

Winfried Karl: Alles außer Kamelhöcker

Der gebürtige Berliner lebt seit über 20 Jahren in Peking. Er organisiert dort Chinareisen und den German Club bei den Paralympics. Seine alte Heimat erschreckt ihn manchmal.
Winfried Karl (57) führt in Peking das Reiseunternehmen China nach Maß.
Es ist leer heute Abend im Tian Fu, nur Winfried Karl sitzt am Fenster und isst scharfe Bohnen mit Stäbchen. Die Berliner verfolgen das EM-Spiel der Deutschen gegen Österreich, das chinesische Restaurant in der Uhlandstraße aber hat keinen Fernseher aufgestellt. Karl ist das nicht wichtig. Da, wo er herkommt, reden die Leute nicht über die Europameisterschaft.

Winfried Karl, gebürtiger Berliner, lebt seit über 20 Jahren in Peking. Er betreibt dort eine Firma. China nach Maß stellt individuelle Reisen durch das Land zusammen und knüpft Kontakte für Unternehmer und Politiker. Ein paar Mal im Jahr kommt er nach Berlin. Dann trifft er seine Kunden im Tian Fu und bespricht ihre Wünsche. Drei- oder Fünf-Sterne- Hotels? Wandern im tibetischen Hochland oder die Tour über die Seidenstraße? Diesmal gibt es viel zu besprechen. Der Deutsche Behindertensportverband hat Karl beauftragt, das Jugendlager für die Paralympics in Peking zu organisieren. Er hat auch den Raum für den German Paralympic Club besorgt, Treffpunkt für die deutsche Mannschaft, die Familien der Sportler und prominente Gäste. Auch der Bundespräsident werde erwartet, erzählt Karl. Das Haus liege super, 70 Meter vom Stadion entfernt, „Google Earth misst sogar nur 50 Meter“. Das kriegt nicht jeder, soll das heißen. Da muss man sich schon auskennen in China.

Winfried Karl wird 1950 in Charlottenburg geboren. Nach der Schule geht er bei dem Modedesigner Werner Machnik in die Lehre. Danach geht er zu einer Bekleidungsfirma. Sie schicken ihn 1984 nach China. Karl soll hier eine Produktion aufbauen, eine der ersten europäischen Firmen in der Volksrepublik. „Wenn ich aufs Land fuhr, kamen die Leute angerannt und wollten mich anfassen“, erzählt Karl. „Entweder man mag China sofort, oder man mag es gar nicht.“ Er mochte es sofort, trotz aller Fremdheit. Hunde, Gürteltiere, alles hat er gegessen. Übel geworden ist ihm nur einmal, als sie Kamelhöcker servierten, bei einem der vielen Essen mit Funktionären aus der Region, bei denen man nicht unhöflich sein darf. „Es gibt viele Fettnäpfchen“, sagt Karl. Einmal habe er in einer Fabrik lautstark Kritik geübt, da sind die Funktionäre wortlos aufgestanden und gegangen. Viel mag er nicht kritisieren, nicht die Arbeitsbedingungen, nicht den Umgang des Regimes mit seinen Minderheiten. „Ich kann doch nicht missionieren. Ich bin doch Unternehmer.“

Winfried Karl nennt sein Verhältnis zu China „pragmatisch“. Was die Deutschen über das Land sagen, ärgert ihn oft. „Da versuchen 80 Millionen 1,5 Milliarden zu erziehen.“ Man müsse noch Geduld haben mit China, findet er. Wenn er in Berlin sei, erschrecke er immer, weil es hier so leer sei. Karl guckt aus dem Fenster auf die Uhlandstraße. „Früher tobte hier das Leben, heute ist alles tot.“ Er höre jeden Tag deutsches Radio, verfolge aus der Ferne die endlosen Debatten um den Ladenschluss, um Mindestlöhne und einen Flughafentunnel. Er sagt: „Vieles kann ich nicht mehr nachvollziehen.“

In Peking haben sie in vier Jahren den größten Flughafen der Welt gebaut, das fasziniert ihn. Die Läden haben rund um die Uhr geöffnet, es gibt deutsche, italienische, französische Lokale, „ich vermisse hier nichts.“ Und seine Heimat? „Ich bin Weltbürger“, sagt Karl. Er ist mit einer Chinesin verheiratet, sie haben eine kleine Tochter. Die Mutter würde sie gern auf eine deutsche Schule schicken, Karl will, dass sie erst lernt, chinesisch zu schreiben. Er könne das bis heute nicht. Dafür könne er Zugfahrpläne lesen, besser sogar als seine Frau. Er sei durch das ganze Land gereist, bevor er 1994 das Reiseunternehmen aufmachte, er wisse, in welchem Hotelzimmer man beim Aufwachen aus dem Fenster den weißen Gipfel des Jade-Drachen-Schneebergs sieht und welche Köche die besten Dim Sums machten.

Im Tian Fu kommt ein chinesischer Kellner aus der Küche und verkündet: „Eins zu null für Ballack!“ „Na bitte“, sagt Karl. Es klingt wie: Wenigstens etwas. Miriam Schröder


Aus der Ausgabe 6 / 2008
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