Im Reich der Häkelköniginnen

Ann-Kathrin Carstensen mag es filigran
Ann-Kathrin Carstensen lebt ein fein verästeltes Geschäftsmodell: Sie entwirft Kragen, die dann von türkischen Frauen gehäkelt werden. Foto: Thilo Rückeis

Den Namen gab es schon lange vor dem Gespräch beim Jobcenter, der Idee mit den Handarbeiten und dem charmanten Auftritt ihres kleinen Sohnes im Kreuzberger Kulturzentrum: Rita in Palma. Ann-Kathrin Carstensen findet, dass er nach Sehnsucht klingt, nach Urlaub im Süden – und nach den 50er Jahren.

Während ihres Modedesign-Studiums an der Hochschule für Technik und Wirtschaft hatte sie ein Projekt auf diesen Namen getauft, später fand sie dann, dass er auch gut zu ihrem Label passen würde. Kurz nach ihrem Abschluss traf sie aber erst einmal die volle Wucht der Arbeitswelt der Nuller-Jahre: „Ich wollte mir eigentlich ein Standbein als Stylistin aufbauen“, sagt die 34-Jährige. Doch sie muss das Projekt abbrechen, denn die Arbeitstage – 14 bis 16 Stunden – sind ohnehin kaum zu verkraften, für eine alleinerziehende Mutter sind sie unmöglich.

„Machen Sie sich doch selbstständig“, rät ihr kurz darauf die nette Beraterin im Jobcenter. Carstensen absolviert einen Existenzgründerkurs und startet mit ihrer Kollegin Ana Nuria Schmidt 2010 Rita in Palma. Vor ein paar Tagen ist Schmidt allerdings aus dem Unternehmen ausgestiegen.

In ihrer schönen, blau gestrichenen Ladenwohnung in der Kienitzer Straße in Neukölln hängen die Kollektionen, die vor allem aus fein verästelten Accessoires bestehen: Retro-Häkelkragen in rosa, gelb oder taubenblau oder ein schwarzes, avantgardistisches Modell (Foto) mit Swarovski Steinen, das sich die schmale Designerin gerade um den Hals legt.

Ich wollte gerne etwas Soziales machen und
mit Menschen arbeiten

Die Praktikantin, die ebenfalls Rita heißt, hilft ihr dabei. Auf die Idee zu den Luxus-Handarbeiten kam Carstensen durch eine griechische Freundin. Neuerdings verkauft sie auch Schals. Anfangs wurden die verschiedenen Modelle, die zum Beispiel Birgül, Arzu oder Zaide heißen, nach den Häklerinnen benannt, dann nach deren Kindern und Männern aber so langsam sind alle Namen „verbraucht“. Die Kragen und Seidenschals von Rita in Palma kosten zwischen 189 und 380 Euro, aber es gibt auch Günstigeres, zum Beispiel den Wollschmuck. „Manchmal kommen junge Mädchen in den Laden, die sich eine Kette als Kommunionsgeschenk aussuchen.“ So fein verästelt wie die Häkelarbeiten ist auch das Geschäftsmodell. „Ich wollte gerne etwas Soziales machen“, sagt Carstensen, und die Ladenglocke bimmelt. Herein kommt eine Frau um die 40, die sie umarmt,  in ihre Tasche greift und ein Schälchen mit türkischem Gebäck herausholt. Sie ist eine jener Häklerinnen, auf deren Fähigkeiten Rita in Palma zurückgreift. Für die Frauen, die alle aus der Türkei stammen, gehört das Handarbeiten zum Alltag, viele entspannen sich dabei. „Dass sie damit nun auch Geld verdienen, ist für sie eine sehr schöne Erfahrung.“

Dabei war es anfangs gar nicht so einfach, die Frauen für Rita in Palma zu begeistern. Die ersten beiden Besuche der Designerinnen beim Handarbeitstreffen im Kulturzentrum funktionierten nicht – bis Carstensen ihren kleinen Sohn mitbrachte. Das Eis brach. Heute melden sich viele Frauen bei ihr, die gerne mitarbeiten wollen. Schnell gewachsen sind auch die Sympathien der Modebranche und der Medien für das Label: Auch die Bundeskanzlerin hat das Projekt unterstützt – indem sie Rita in Palma vor einigen Wochen beim Startsocial-Wettbewerb mit einem Ehrenpreis auszeichnete. Der überdimensionale Scheck, auf dem die Summe 5000 Euro eingetragen ist, steht im Hinterzimmer. Und die Auftragslage ist sehr gut.

Inzwischen hat Carstensen auch Ritas Häkelclub gegründet, einen Verein, in dem Deutschkurse angeboten werden sollen, aber auch Handarbeitskurse. Meist beherrschen schon die Töchter der Häkelköniginnen, wie Carstensen die Frauen nennt, das Handwerk nicht mehr. Langfristig will sie ihren Häklerinnen 400-Euro-Jobs anbieten. Außerdem hofft die 34-Jährige, dass sie Ende 2012 nicht mehr von Hartz IV leben muss. Und sie hofft auf neue Sponsoren, die sie in den kommenden Monaten bei der Miete unterstützen. Bei einem Ladeneinbruch Anfang Mai wurden dem Label drei Computer gestohlen.

Ann-Kathrin Carstensen träumt auch von einer Art Manufaktur, der die Frauen für andere Designer arbeiten:  „Vielleicht kommt ja irgendwann auch Karl Lagerfeld.“

Rita Nikolow


Aus der Ausgabe 6 / 2012


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