Mein Arbeitsplatz
Ich hatte einen Traum
Die Italienerin Rosanna di Guiseppe betreibt seit zehn Jahren den gleichnamigen Friseursalon an der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg
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Rosanna di Guiseppe in ihrem Salon: Hier kommt jeder her. Nur die ganz Spießigen, die kommen nicht. Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Sie verließ ihre Wohnung, kaufte sich die Zeitung und fand eine Anzeige für einen Laden in Prenzlauer Berg, Nähe Kollwitzplatz. Zwei Stunden später stand sie vor den Schaufenstern eines alten Eckhauses zwischen Sredzki- und Knaackstraße. „Das war kein Zufall. Das war die Ecke aus meinem Traum“, sagt die kleine Frau mit den langen Locken und blickt verschwörerisch aus ihren großen, dunklen Augen. „Ich glaube an Fügung“, flüstert sie.
Inzwischen hat der Salon eine sehr reale Gestalt angenommen. Über der Ecke steht in klaren, silbernen Buchstaben „Rosanna di Guiseppe“. Sie mag es schlicht. Kein Marmor, kein Gold, stattdessen hohe, schnörkellose Spiegel, davor einfache Stühle mit hellen Bezügen und ein paar wenige Schränke und Regale aus Glas und Metall. Die Fenster lassen viel Licht hinein. Der einzige Schmuck sind frische Blumen und zwei knallbunte Sessel. Wärme bekommt der Raum durch den Holzfußboden und den badischen Dialekt in der Stimme von Rosanna di Guiseppe, die beinahe ununterbrochen redet.
„Ich wusste immer: Ich will auch Friseurin werden.“
Der Name ist echt. Sie ist in Italien geboren, als Tochter eines Friseurs, dessen Vater auch schon Friseur gewesen war. „Varvierotte“, „die kleine Barbierstochter“, so nannten sie die Leute in dem kleinen Dorf in der Basilicata. „Ich habe meinem Vater dabei zugeschaut, wie er meiner Mutter die Haare auf die Lockenwickler gedreht hat“, erzählt sie. „Ich wusste immer: Ich will auch Friseurin werden.“
Als sie fünf war, zog die Familie nach Süddeutschland, der Barbier wurde Gastarbeiter in einer Fabrik. Rosanna ging in die Lehre im besten Friseursalon von Baden-Baden. Später folgte sie einem Kollegen nach Berlin. Das war auch so eine Fügung, „ich stand in seinem Laden und wusste plötzlich: Ich muss hierher.“ Das Verhältnis ging in die Brüche und sie beschloss, selbst Meisterin zu werden. Mit Bafög und Unterstützung der ganzen Familie ging sie tagsüber zur Schule und abends putzen. Dann kam der Laden.
Dem Vermieterehepaar sagte sie „wie es ist: Ich hab kein Geld.“ Sie haben ihr vertraut. Und viel Geduld bewiesen, wenn der Laden nicht genug abwarf für die Miete. Drei Wochen nach Eröffnung wurde das Haus eingerüstet, sechs Monate später hatte Rosanna einen Unfall. „Ohne die beiden hätte ich das nie geschafft“, sagt sie. „Das ist unser geliebter Laden.“
Im August hat sie zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Aus der Barbierstochter ist eine Promifriseurin geworden, die schon viele Models und Schauspieler geschminkt und ganze Partygesellschaften frisiert hat für die Reichen und Schönen vom Prenzlauer Berg. Nebenbei hat sie eine Stammkundenkartei mit über 1000 Namen aufgebaut. „Hier kommt jeder her, nur die ganz Spießigen, die kommen nicht“, sagt Rosanna. Jetzt will sie, die schon über 40 Leute ausgebildet hat, aus ihrem Laden eine Akademie für junge Talente machen: „Das ist mein Traum.“
Aus der Ausgabe 7 / 2008

