Portrait

Auf hartem Pflaster gelandet

Die Schweizer Architektin Regula Lüscher kam vor gut eineinhalb Jahren nach Berlin. Jetzt steht die Senatsbaudirektorin im Mittelpunkt der neuen Diskussion über das Stadtbild
Foto: Mike Wolff

Fühlt sie sich heimisch? Sie überlegt kurz. Da ist der Kiez, in dem sie wohnt, den sie liebt. Sie spricht vom Glücksfall, im Bayerischen Viertel gelandet zu sein. Da sind im dienstlichen Kontakt viele Gesichter, die ihr vertrauter, bekannter geworden sind. Seit gut eineinhalb Jahren ist Regula Lüscher im Amt, als Nachfolgerin des Senatsbaudirektors Hans Stimmann, der für das strenge Stadtbild des neuen Berlin oft gescholten wurde. Sie selbst hat seither auch nicht nur Schmeichelhaftes hören dürfen. Aber darauf hat sie sich eingestellt: Rauer Umgangston, hartes Pflaster eben.
Auf dem sie sich inzwischen, wie sie versichert, heimisch fühlt und spürt „wirklich gelandet“ zu sein. Sie spricht gern vom Landen, als käme sie aus der Luft. Regula Lüscher hat noch immer den Eindruck, ganz von außen zu kommen.

Die Architektin stammt aus Basel und kommt aus Zürich, wo sie die Stadtplanung leitete. Gerade war sie dort zu Besuch und merkte, dass sich ihr Blick für Maßstäbe verschoben hat. Alles wirkte so klein und fein. Sie sieht das als Indiz, dass ihr Berlin vertraut geworden ist, dass sie Sehnsucht nach Ruppigkeit hat, nach weniger geordneten Strukturen, weniger Wohlfühl-Faktor. Berlin sei von allem weniger und doch mehr. Vermittle das Gefühl, in Europa zu sein, verbunden mit der Weltgeschichte.
„Die Neue“, wie sie viele in der Verwaltung für Stadtentwicklung noch nennen, wirkt zurückhaltend, auch in der Öffentlichkeit. Kurz vor Eröffnung der amerikanischen Botschaft am Pariser Platz aber platzte ihr der Kragen: Sie fand, das Aussehen des Hauses, das ihr Vorgänger abgesegnet hatte, sei unpassend. Das hängt ihr heute noch nach, und sie lächelt, wenn sie darüber spricht. Sie sagte nur, was viele dachten. Aber sie hat bei dem öffentlichen Aufschrei gemerkt, dass Architektur und Städtebau in Berlin Themen sind, bei denen alle mitreden wollen. Themen, die in der Schweiz die Öffentlichkeit nicht so aufregen.
Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich am Alexanderplatz neue Architektur mit einem Wutausbruch würdigte und eine kritische Stadtbild-Diskussion in Gang setzte, fühlte sie sich „positiv angesprochen“. Für fertige Architektur kann sie nichts. Ein rotes, fast fensterloses Einkaufszentrum in Zürich? Da hätte es mehr Widerstand gegeben, meint sie, die Stadt wäre vermutlich selbstbewusster aufgetreten.

Sie selbst bekommt oft zu hören, sie sage zu wenig zum Stadtbild. Sie habe aber die Stadt erst kennenlernen müssen, erklärt sie. Und sie werde sich schon noch zu Wort melden. Was ihr an Berlin missfällt, sind große Straßenschneisen wie die Kreuzung an der Urania. Den Spree-Raum liebt sie, er biete die unterschiedlichsten Adressen vom Regierungsviertel bis zum Brachland, das noch entwickelt werden müsse. „Ich sehe mich als neue Energie“. Sie lobt das neue „kompakte“ Berlin ihres Vorgängers an der Friedrichstraße. Zum neuen Potsdamer Platz, gerade zehn Jahre alt, hat sie nur schwer Zugang gefunden. Jetzt fährt sie mit dem Auto öfter durch. Der Platz gefällt ihr immer besser, weil er, wie sie meint, für Großstadt und Geschwindigkeit steht und ein „Paukenschlag“ ist, wenngleich nicht in allen Teilen durchgestylt. Zum Aussteigen hat es bislang noch immer nicht gereicht.
Sie geht lieber aufs Kulturforum, denkt viel über dessen architektonische Zukunft nach. Fehlende Visionen? Der Schrei danach vermittelt nur die Sehnsucht nach fixen Bildern, meint sie. Bei den vielen großen Flächenpotenzialen sei es wichtiger, Entwicklungsprozesse zu organisieren und gemeinsam Visionen zu suchen. Auch für die Wirtschaft: Berlin müsse die unterschiedlichsten guten Adressen bieten. Eine attraktive Stadt sei auch ein wirtschaftlicher Standortvorteil. Das sollte deutlicher werden.

Festsetzen und bestimmen ist nicht ihre Strategie. Das unterscheidet sie von ihrem Vorgänger. Sie will je nach Ortslage in einem Diskussionsprozess einzeln entscheiden, was richtig und wichtig ist. Dafür hat sie ein beratendes Baukollegium einberufen. „Aber am Schluss muss ich entscheiden“, sagt sie lächelnd in ihrem großen Büro am Köllnischen Park. Es will zu der zierlichen Frau gar nicht passen.
„Ich habe mir das Recht und die Zeit genommen, hier in Berlin zu landen.“ Heimisch fühlt sie sich –und doch: „Ich erlebe auch, fremd zu sein. Aber das ist ohnehin ein Thema dieser Stadt.“

Christian van Lessen


Zur Person

Geboren am 9. Oktober 1961 in Basel. Studierte von 1980 bis 1986 Architektur
und Stadtplanung in Basel und Zürich. Nach einigen Jahren Tätigkeit in Architekturbüros
übernahm sie im Jahr 2000 die Leitung der Stadtplanung im Amt für Städtebau in Zürich.
2007 holte sie die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nach Berlin.


Aus der Ausgabe 8 / 2008

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