Am Scheideweg
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Foto: Mike Wolff |
Stefan Sihler zieht den Kragen seines schwarzen Mantels noch ein wenig fester zusammen. Beim Sprechen bilden sich weiße Wölkchen vor seinem Mund. „Der Osthafen war eine der unwirtlichsten Gegenden Berlins“, sagt er. „Da haben sie sich gefürchtet, so grau war das.“ Links neben ihm funkelt die Sonne auf den Eisschollen in der Spree. Rechts spiegelt sich das Licht in den Glasanbauten von Labels 1, ein Gebäude das Showrooms für Modefirmen beheimatet. Zum Fürchten ist der Anblick nicht mehr. Maßgeblichen Anteil an der Aufwertung des Osthafens hatte Sihler selbst.
Er ist Geschäftsführer von Labels, ein Vorzeigeprojekt für das Berlin der Hippen und Kreativen. Die Veränderung geht weiter – nicht nur im Osthafen. Links und rechts der Spree zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke entstehen neue Gebäude wie zuletzt die O2-Arena. Bis zu 30 000 Arbeitsplätze sollen in dem sogenannten Mediaspree-Gebiet in den kommenden Jahren entstehen. Seit Dezember ist Sihler einer der wichtigsten Köpfe in dem Prozess. Da wurde er Vorsitzender des neuen Vereins Mediaspree – und somit erster Ansprechpartner unter den Investoren.
Es mag ein wenig pathetisch klingen – aber am Friedrichshain-Kreuzberger Ufer entscheidet sich für Sihler das Schicksal der Stadt. Im Sommer 2008 war ein Bürgerbegehren erfolgreich, in dem etwa 30 000 Bewohner des Bezirks gegen die Pläne der Investoren stimmten. Nun sind viele Projekte in Frage gestellt. Die Entwicklung habe Auswirkungen auf ganz Berlin. „Mediaspree ist ein Indikator: wo geht die Reise hin? Kann man hier noch investieren? Kann man sich auf Baugenehmigungen und Bebauungspläne verlassen?“ Wenn nicht, dann würden die Investoren eben woanders hingehen.
Sihler, 46, war früher zuerst Anwalt und dann Unternehmer. Das war mal. Heute ist er in erster Linie Unternehmer. „Ich vertrete nur noch drei bis vier Mandanten“, sagt er. 1991 kam der Münchener nach Berlin. Für die Treuhand verhandelte er Grundstückskaufverträge. Dabei ist er mit vielen Projektentwicklern in Kontakt gekommen. „Da habe ich ein unglaubliches Interesse verspürt, selbst unternehmerisch tätig zu werden.“ 1992 gründete er dann die erste Projektentwicklungsgesellschaft mit Freunden, 1994 hat er sich als Anwalt selbstständig gemacht. Schwerpunkt: den ganzen Lebenszyklus einer Projektentwicklung begleiten. Vor fünf Jahren kam der Auftrag für Hugo Boss und einen österreichischen Projektentwickler: Sie wollten Showrooms in Berlin bauen, gaben die Idee aber auf. Sihler hielt daran fest und entwickelte sie weiter.
Heute steht Labels 1 am Osthafen, ein altes, saniertes Lagerhaus, aufgepeppt mit drei Glasanbauten. Acht Showrooms im Innern, Hugo Boss, Escada, Orwell und andere große Namen der Szene stellen hier ihre neuen Kollektionen vor. Der Platz reicht nicht mehr. Vor der Winterlandschaft an der Spree heben sich Kräne, Container und Betonträger ab. Direkt angrenzend wird derzeit Labels 2 gebaut. Noch in diesem Sommer soll es eröffnet werden. Zu 80 Prozent sind die Räume schon vermietet.
Geschäftsführer: Stefan Sihler,
Volker Groß
Adresse: Geisbergstraße 39,
10777 Berlin
Mitarbeiter: 4
Telefon: 030 / 23 60 82 33-0
Web: www.labels-berlin.de
Eine Erfolgsstory in der Modebranche für jemanden, der bis dato mit Mode nicht so viel zu tun hatte. „Aber ich bin schnell in die Kreise reingekommen.“ Profitiert hat Sihler aber auch von der Entwicklung im Osthafen. „Die Ansiedlung von Universal hat der Senat hervorragend gemacht. Mit MTV kam dann der Durchbruch.“ Die Entwicklung hat Sihler vorhergesehen. „Das war die Logik der Stadtentwicklung, dass sie sich sternförmig auswirken würde.“ Nach Mitte und Prenzlauer Berg war demnach Friedrichshain-Kreuzberg an der Reihe. Das Lebensgefühl im Bezirk komme den Kreativen entgegen. „Hugo Boss und andere wollen dahin, wo das Leben pulsiert“, meint Sihler.
Der vierfache Vater lebt dagegen sehr ruhig im Südwesten Berlins. Nicht viel los, aber das lässt ihm Zeit für seine Kinder. Wenn er privat etwas mehr Action braucht, setzt er sich auf sein Motorrad, eine BMW Montauk. Ein anderes Hobby musste der Münchener im Berlin-Brandenburger Flachland dagegen schweren Herzens einschränken – das Skifahren. Mit der Heimat verbindet ihn dennoch viel, er hat nach wie vor eine Wohnung in München.
Die wird er in Zukunft wohl seltener sehen. Als Mediaspree-Vorsitzender wartet viel Arbeit auf ihn. „Bisher gab es eine Phase der totalen Konfrontation.“ Mediaspreegegner und -befürworter rasselten mit den Säbeln. „Jetzt wird der Dialog aufgenommen.“ Sihler sieht durchaus Anknüpfungspunkte. „Wir versuchen Kompromissbereitschaft zu zeigen.“ Die zahlreichen Zwischennutzungen, wie etwa die Strandbars am Ufer, hält er beispielsweise für wichtig. „Berlin lebt ja von solchen Einrichtungen.“ Man kann sich den Mann mit dem jungenhaften Lächeln gut in einer der Bars vorstellen. Aber eines stellt er klar: „In erster Linie bin ich der Interessenvertreter der Investoren.“
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 2 / 2009

