Mann fürs Tragewerk
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Erik Spiekermann gründete die Agentur Metadesign, leitete sie bis 2000. Seine neue Firma heißt Edenspiekermann. Er ist verheiratet, hat einen Sohn aus erster Ehe Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Beim Wort Kreativität schüttelt es ihn. Das könne er gar nicht mehr hören, geschweige denn aussprechen. Das „K-Wort“, nennt es Erik Spiekermann. In seiner Agentur ist es verboten. Der Begriff Innovation sei noch schlimmer. „Dieses Wort ist doch total verbrannt“, sagt er. Nicht unbedingt das, was man erwarten würde von einem Berliner Designer, der gerade zum deutschen Botschafter des European Year of Creativity and Innovation 2009 berufen wurde. Gemeinsam mit 25 Wissenschaftlern und Kulturschaffenden aus ganz Europa soll der Chef der Agentur Edenspiekermann ein Manifest entwerfen zur kreativen Identität des internationalen Staatenbundes.
Erik Spiekermann verdreht die Augen, wenn er über sein Engagement bei der EU spricht. „Die sind da wahrlich nicht innovativ und kreativ“, sagt der 61-Jährige.Warum tut er sich das dann an? Er können nicht anders, sagt Spiekermann. Nein sagen sei noch nie seine Stärke gewesen. Und weggucken, wenn in seinen Augen etwas brachial schief läuft, schon gar nicht. Dann sagt er etwas.
Wie damals, vor der Wende, als er die Zustände bei den Berliner Verkehrsbetrieben anprangerte. „Alte, Auszubildende, Ausländer und Arme, die vier Ahs fuhren mit der BVG.“ Spiekermann fotografierte das Elend und legte die Bilder dem Vorsitzenden Joachim Piefke vor. Der schmiss ihn hinaus. Die Geschichte erzählt er gern.
Die Chance, das Erscheinungsbild der BVG doch noch zu verbessern, kam Jahre später. Gemeinsam mit Piefkes Nachfolger Konrad Lorenzen entwickelte Spiekermann in den Neunzigern ein neues Informationssystem für den öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt. Das Ergebnis sieht man noch heute an jeder Ecke: Das Gelb der Busse, der Streckenplan, die Schrifttypen auf Hinweisschildern. Beide erinnern sich gern an die Zusammenarbeit, auch wenn es schon mal ordentlich krachte.
Ein „unruhiger und kreativer Geist“, so beschreibt Lorenzen den Designer. Geboren ist er in der Nähe von Hannover, mit 17 schickten ihn die Eltern nach Berlin, damit er nicht eingezogen wurde. Das Studium der Kunstgeschichte finanzierte er mit Straßenmusik und einer Kellerdruckerei in Kreuzberg.
Drucker wollte er werden, schon mit zwölf bekam er seine erste Druckmaschine geschenkt. Doch als die Kreuzberger Druckerei abbrannte, änderte er seine Pläne. Heute zählt er zu den bekanntesten deutschen Schriftentwicklern, die FF Meta und die ITC Officina sind moderne Klassiker.
Mit 26 ging Spiekermann nach London, mit Frau und 5-jährigem Sohn. Zehn Jahre lang pendelte er zwischen den Städten, arbeitete für Designagenturen, betreute große deutsche Kunden wie Audi und Volkswagen. 1979 gegründete er die Agentur Meta Design in Berlin. Sie gewannen mehrere Designpreise. 2000 verließ Spiekermann die Firma wegen inhaltlicher Differenzen. Heute leitet er das Berliner Büro der Designagentur Edenspiekermann.
Erik Spiekermann ist immer in Bewegung. Neben der Agentur lehrt er an der Bremer Universität der Künste, dazu bloggt er und schreibt Kolumnen für englische Publikationen. In seinem Bücherregal stehen zahlreiche Preise und Andenken, Zeugen einer ausgefüllten Karriere.
„Ich habe gut 600 Leute ausgebildet“, sagt er nicht ohne Stolz. Inzwischen fühlt er sich mehr als Unternehmer denn als Designer. „Die wirtschaftliche Verantwortung spielt da eine große Rolle, die aktuelle Wirtschaftskrise macht es noch schlimmer.“ Die Arbeitsteilung sieht so aus: Spiekermann besitzt die Erfahrung und holt die Projekte ins Haus, das Team führt sie zu Ende. „Ich bin der Mann für das Tragewerk, die Graphiker bespielen die Fläche“, so formuliert es Spiekermann.
Sein oberstes Gebot lautet: „Zusammenarbeit meint nicht, dass man immer einer Meinung sein muss.“ Wer ihn erlebt, zweifelt nicht daran, dass er mit allen Mitteln versuchen wird, die EU-Kulturpolitik als Botschafter umzukrempeln. Design, das ist für ihn auch gestalten und moderieren, Nachhaltigkeit schaffen. Dafür fährt er nun regelmäßig nach Brüssel, rennt Mauern ein, macht sich unbeliebt, stellt Forderungen. „Gefallen muss ich da niemandem“, so Spiekermann. Was ihm noch unter den Nägeln brennt: Das touristische Leitsystem Berlins, da müsse man unbedingt etwas machen. Für London ist er schon dabei. Er kann eben nicht weggucken.
Saskia Weneit
Aus der Ausgabe 5 / 2009

