„Wir brauchen Hochtechnologie“
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Seit 2007 Chef von Berlin Partner: René Gurka Foto: Thilo Rückeis |
Herr Gurka, als Chef der Berliner Wirtschaftsförderung, versuchen Sie seit zweieinhalb Jahren, Unternehmen in Berlin anzusiedeln. Macht die Krise jetzt alles zunichte?
Durch unsere Struktur sind wir in Berlin bisher recht glimpflich davongekommen. Was bei uns immer kritisiert wird, kommt uns jetzt zugute: Dass wir eine kleinteilige Wirtschaft haben und nicht so sehr vom Export abhängig sind. Auch was die Neuansiedlungen angeht, ist es nicht so, dass das Interesse eingebrochen ist. Es ist zwar schwieriger geworden, Entscheidungen herbeizuführen. Es gibt aber immer noch genug Unternehmen, die nach Berlin kommen wollen, nur dauern die Prozesse jetzt etwas länger.
Sie haben immer gesagt: 2009 wird das Schönefeld-Jahr. Wie sieht es rund um den Flughafen aus?
Das Thema Schönefeld verschiebt sich jetzt während der Wirtschaftskrise. Von Stillstand kann man aber nicht sprechen. Im Moment konzentriert sich das Geschehen innerhalb des Airportkorridors vom Flughafen über Adlershof und Mediaspree bis zum Hauptbahnhof. Die Projektentwickler haben Großteile des Gebietes am BBI ja schon aufgekauft, die bemühen sich jetzt um Mieter. Es läuft sicherlich verhaltener, als wir uns das gedacht haben, aber es läuft.
Sie haben immer die Clusterbildung propagiert. Konzentrieren Sie sich bei der Ansiedlung nach wie vor auf Schwerpunkte?
Die Clusterbildung war eine sehr schlaue Idee. Diese Cluster – Gesundheitswirtschaft, Medien/IT/Kreativwirtschaft und Verkehrstechnik/Clean Technologies locken in Berlin immer mehr neue Investoren an. Unternehmen wie Universal oder MTV sitzen ja nicht in einem Kokon. Die brauchen Zulieferungen, Grafiker, Texter, die brauchen vielleicht mal zusätzliche Studios, all das finden sie hier. Die Clusterbildung war genau richtig. Jetzt sollten wir den nächsten Schritt machen.
Und was ist der nächste Schritt?
Wir müssen ein Leitbild für Berlin finden, eine Klammer, oder ein neues Thema, das man mit allen politisch Handelnden gemeinsam nach vorne treibt. Ich denke, wir sollten auf die sogenannten „clean technologies“, die sauberen oder grünen Technologien setzen. Das ist die Solarwirtschaft, das kann die Energiewirtschaft sein, das Thema effizientes Bauen, aber auch effiziente Automobile, Fortbewegung im Allgemeinen, E-Mobility. Darüber müssen wir reden. Denn wenn wir bekannt machen können, dass Berlin ein Zentrum für die Erprobung von Elektrofahrzeugen und die Entwicklung neuer Antriebe ist, dann werden wir zum Beispiel auch für Batteriehersteller interessant und für andere Unternehmen, die eine Querschnittsfunktion in dem Bereich haben.
Ein Thema könnte der Industrieplan sein, den Wirtschaftssenator Harald Wolf angekündigt hat. Wie wollen Sie wieder mehr Industrie in Berlin ansiedeln?
Richtig. Zuerst müssen wir überlegen: Welche Industrien kommen überhaupt in Frage? Welche Industrien in Deutschland und Europa haben in den kommenden 50 Jahren konkurrenzfähige Produkte anzubieten? Das kann nur in der Hochtechnologie sein. Dafür müssen wir die Forschung noch stärker fördern. Wir müssen Geld in kleine Unternehmen stecken und Ausgründungen an den Universitäten fördern. Wir brauchen Forschungsprogramme an den Unis selbst, damit Produktideen entstehen können. Die müssen wir dann marktfähig machen. Nirgendwo auf der Welt funktioniert Forschung ohne Geld von außen. Und dann brauchen wir die Rahmenbedingungen, damit in diesen Bereichen auch Unternehmen entstehen. Dafür brauchen wir gut ausgebildete Leute und ein Umfeld, das für diese Leute attraktiv ist. Es reicht nicht, zu sagen: Wir haben günstige Flächen.
Berlin ist für Mitarbeiter ja ein anerkannt attraktiver Standort, was fehlt denn in der Stadt?
Wir haben in den letzten fünf bis acht Jahren viele gute Unternehmen an den Standort geholt. In dieser Zeit konnten wir aber nicht alle Defizite wettmachen, die wir in den letzten fünfzig, sechzig Jahren angehäuft haben. Die Unternehmen, die nach Blockade und in den 90er Jahren aus Berlin verschwunden sind, haben Lücken am Arbeitsmarkt hinterlassen. Eine aktuelle DIW-Studie kommt zu dem Schluss, dass in der Berliner Industrie aktuell 90 000 Arbeitsplätze fehlen. Darum ist es für Arbeitnehmer schwieriger, hier Jobs zu finden. Umgekehrt zieht es Unternehmen natürlich an Standorte, an denen viele gut ausgebildete Leute leben.
Wo setzt man an, diese Defizite zu beseitigen?
Alle Beteiligten könnten noch besser zusammen arbeiten und diese Zusammenarbeit einem gemeinsam formulierten Ziel, einem Leitbild, unterordnen. Als ich die deutsche Außenhandelskammer in San Francisco geleitet habe, habe ich gesehen, wie Arnold Schwarzenegger Kalifornien vom Internetstaat innerhalb von fünf Jahren zum Zentrum für grüne Technologien gemacht hat. Das hat funktioniert, weil sich einer wie er nach vorne gestellt und immer wieder gesagt hat, „wir machen jetzt clean technologies“. Das würde ich mir hier auch wünschen, dass sich alle in einem Punkt einig sind: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es allen anderen Bereichen auch gut.
San Francisco ist nicht Berlin. Inwiefern ist die Bezirksstruktur hinderlich bei der Erreichung dieses Ziels?
Auch San Francisco hat Verwaltungsbezirke. Die sind organisatorisch wichtig, auch für eine Stadt wie Berlin mit über drei Millionen Einwohnern. Schädlich wird es dann, wenn Senatsverwaltungen und Bezirke nicht gut zusammen arbeiten, oder wenn Partikularinteressen in den Vordergrund gestellt werden. Wir alle müssen Berlin als Ganzes im Auge haben. Ich bin sehr optimistisch, dass wir mit unserem neuen Unternehmensservice, der die Bezirke stärker mit der gesamten Stadt verzahnen soll, einen großen Schritt in diese Richtung gehen werden.
Jetzt bekommt Berlin Partner 24 neue Mitarbeiter, die sich bezirksübergreifend um Bestandsunternehmen kümmern sollen. Bisher waren Sie nur für die Neuansiedlungen zuständig. Fühlen sich die Bezirke da nicht auf den Schlips getreten, wenn Sie jetzt die Wirtschaftsförderung übernehmen?
Wir übernehmen nicht die Aufgaben der Bezirke, wir ergänzen sie mit unseren Serviceangeboten. Bisher haben wir nur Unternehmen unterstützt, die sich hier ansiedeln wollen. Jetzt erweitern wir diese Unterstützungsangebote – von der Immobiliensuche über Finanzierungsberatung bis hin zur Personalgewinnung auf die Unternehmen, die bereits in Berlin ansässig sind. Dazu verstärken wir einerseits unsere bestehenden Branchenteams im Ludwig Erhard Haus. Außerdem stellen wir gemeinsam mit den Bezirken je einen Mitarbeiter pro Bezirk ein, der sich um Fragen kümmert, die direkt vor Ort zu lösen sind.
Was für Fragen?
Wir helfen bei Standortfragen, bei Finanzierungsfragen, bei der Personalsuche, beim Networking, bei der Technologieförderung, wir können auch helfen, wenn es eine Krise gibt. Wir helfen auch, wenn ein Unternehmen Ärger hat mit dem Straßenbauamt, oder wenn er wissen will, wie viel von einer Chemikalie er auf seinem Grundstück verwenden darf. Oft weiß es dann gar nicht, an wen man sich wenden muss, oder es sind verschiedene Behörden zuständig. Um solche Fragen kümmert sich bei uns ein Projektmanager, der die zuständigen Servicepartner, also die IHK, IBB, die TSB und natürlich die Verwaltungen anspricht und gegebenfalls Kontakte herstellt. Der Manager, soll sich um sein Unternehmen kümmern. Verwaltungsdinge, die ihn Zeit und Geld kosten, wollen wir ihm weitgehend abnehmen.
Unter welcher Nummer kann man anrufen, wenn man den Service in Anspruch nehmen will?
Die Berater in den Bezirken werden erst im Januar starten. Wer ein Problem hat, kann uns heute schon anrufen unter unserer Telefonnummer 030 / 39 98 00 oder sich auf unserer Homepage www.berlin-partner.de über unser Serviceangebot informieren.
Das Gespräch führten Miriam Schröder und Gerd Appenzeller
Aus der Ausgabe 9 / 2009

