Party in der Platte
|
Groß, teuer und ziemlich leer: Die Marzahner Pyramide zeugt von zu hohen Erwartungen. Foto: promo |
Vor 30 Jahren wurde die klotzig an den ländlichen Stadtrand gebaute größte Plattenbausiedlung der DDR zum neuen Bezirk Marzahn. Wer dies für einen Anlass zum Köpfesenken hält, kann sich im Internet vom Gegenteil überzeugen. Die Sause für den runden Geburtstag wird dort emsig vorbereitet. Auf www.plattengeburtstag.de laufen mehrere Wettbewerbe, die das kreative Potenzial in der Platte zeigen sollen. Für die Party am 12. und 13. September sucht der Bezirk nach Models, Designern, Künstlern und Autoren. Die Nutzer können darüber abstimmen, ob vielleicht „JuJu“ mit den vollen Lippen und dem Herzchenanhänger oder die kraushaarige „Nancy“ im Lederlook zum Gesicht des Bezirks taugt. In der Kunstsparte kommt die Idee eines hölzernen Plattenbaus für Meerschweinchen mit zwei von fünf möglichen Sternen bisher schlecht weg.
Das unterstreicht vielleicht, dass diese Bauweise nicht jeden wunschlos glücklich macht – etwa jeder siebte Bewohner ist seit der Wende aus dem inzwischen fusionierten Großbezirk Marzahn-Hellersdorf weggezogen. Aber die Feierlaune und das selbstironische Spiel mit den Klischees zeigen auch, dass die Stimmungslage vor Ort keineswegs trist ist. Und das gilt auch für die Wirtschaft. „Ein bisschen Boom haben wir schon jetzt“, sagt Uwe Heß, Vorstandsvorsitzender des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises (MHWK). Noch mehr Aufschwung sei drin, wenn mit der vom Wirtschaftskreis vehement geforderten Tangentialverbindung Ost eine direkte Verkehrsanbindung an den Flughafen Schönefeld geschaffen würde.
Mit der Tangentialverbindung Ost ist noch mehr Aufschwung drin
In Marzahn-Hellersdorf gewinnt man den Eindruck, dass sie mittlerweile den richtigen Kompass zum Vorwärtskommen gefunden haben. Sie gehen pragmatisch und gelassen vor und entwickeln ihre Ressourcen Schritt für Schritt. Das ist angesichts des Auf und Ab der vergangenen Jahrzehnte beileibe nicht selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten war der Bezirk ein Vorzeigeprojekt, es folgte ein rasanter Niedergang mit dem Wegbrechen von Industriearbeitsplätzen und einem fest klebenden Negativimage. Für die an diesem Standort gescheiterten überspannten Erwartungen steht symbolisch wie der Turm zu Babel die „Pyramide“ an der Ecke Landsberger Allee/Rhinstraße. In einem Sandwich aus zwei Bürotürmen kratzt eine schmale Glaspyramide mit ihrer Spitze die Wolken, an der Westfassade zeigen grüne Lichtleisten die Uhrzeit an. Etwa 145 Millionen Euro ließ sich die Fundus-Gruppe Mitte der 1990er-Jahre den Komplex kosten, zu dem noch einige Flachbauten rund um das Hochhaus gehören. Fundus-Chef Anno August Jagdfeld, auch Bauherr des Hotels Adlon, sprach 1994 von einem Signal für seinen Glauben an die Entwicklung im Osten Berlins.
Zur Boomtown mit Millioneneinwohnerzuwachs entwickelte sich Berlin jedoch nicht, und so geriet die Pyramide zum Millionengrab mit hohem Leerstand. Nach dem Auszug des Hauptmieters Howoge übernahm 2007 das zur Comer Group International zählende Unternehmen Prunash Limited den Gebäudekomplex. Europäischer Hauptsitz von Comer International mit 350 Mitarbeitern sollte statt London Berlin-Marzahn werde, behauptete die inzwischen ausgetauschte Geschäftsleitung der Comer Immobilienmanagement GmbH & Co KG. Tatsächlich belege Comer derzeit lediglich eine Etage mit 25 Mitarbeitern, so Geschäftsleiterin Elke Kübler. Die Hälfte der knapp 44 000 Quadratmeter Nutzfläche steht auch jetzt noch leer, zu den etwa 40 Mietern zählen unter anderem der Leipziger Softwareentwickler PC-Ware, die Gebäudetechnikfirma Elin GmbH und der österreichische Energieanlagenbauer MCE.
Als Bürostandort von Rang ist der Bezirk ungeeignet – da ist man gut beraten, sich auf gewachsene Strukturen und Traditionen zu besinnen. Zu bieten hat der Standort Flächen im Überfluss. Im Grenzgebiet zwischen Marzahn und Lichtenberg liegt das mit 1200 Hektar größte Industrie- und Gewerbeareal der Stadt, das unter dem Namen „Berlin Eastside“ von beiden Bezirken gemeinsam vermarktet wird. 2500 Unternehmen sind dort derzeit angesiedelt, der weitaus größere Teil davon in Marzahn. Vor Ort loben sie ausdrücklich die gute Zusammenarbeit zwischen den Wirtschaftsstadträten Christian Gräff (CDU) aus Marzahn-Hellersdorf und Andreas Prüfer (Die Linke) aus Lichtenberg – anderswo in Berlin keine Selbstverständlichkeit unter Nachbarbezirken.
Im Grunde ist die Eastside eine Kette von Gewerbehöfen zu beiden Seiten der S-Bahnstrecke zwischen den Bahnhöfen Poelchau- straße und Gehrenseestraße und zwischen Märkischer Allee und Hohenschönhauser Straße. Dort hat auch MHWK-Geschäftsführer Oleg Peters sein Büro. Als Historiker und passionierter Denkmalpfleger weiß er, dass die Geschichte der Industrie in Marzahn sehr viel älter ist als die der Plattensiedlung von 1979.
„Drumherum lagen überall Rieselfelder, und mitten im Krieg hat man hier das Werk gebaut“, sagt Peters, als er unter der Goldmosaikkuppel im Entrée des Gewerbeparks Georg Knorr steht. Die langgestreckte Klinkerfassadenfront mit streng geometrischen Säulen ist ein imposantes Stück sachlicher Industriearchitektur. Im anschließenden Geviert bezog der schon damals mit dem Bremsenkonzern Knorr Bremse AG verflochtene Werkzeughersteller Hasse & Wrede GmbH in den frühen 1940er-Jahren seine neue Fabrik. Die Rote Armee demontierte die Werkhalle nach dem Krieg komplett. „Sie wurde in der Nähe von Moskau wieder aufgebaut“, berichtet Peters.
80 Prozent der Plattenbauten sind saniert. Es gibt kaum noch graue Platte
Zu DDR-Zeiten betrieb man am Standort wieder eine Werkzeugfabrik mit Tausenden Mitarbeitern. Parallel wurde aus der in Berlin gegründeten Knorr Bremse ein international führender Hersteller von Bremsen für Züge und Lastwägen mit Sitz in München. Nach der Wende war es mit der Produktion in Marzahn erst einmal vorbei. Aber Knorr Bremse kaufte das Areal zurück, sanierte das Industriedenkmal und investierte auch in eine neue Werkhalle. Inzwischen arbeiten dort wieder 550 Menschen. Auf dem 30 Hektar gro-ßen Gelände des Gewerbeparks haben sich außerdem 70 Firmen mit noch einmal so vielen Arbeitsplätzen angesiedelt. Logistikunternehmen wie die GLX Global Logistics Services GmbH lassen ihre Trucks dort rollen, in einer ehemaligen Garagenzeile haben sich Handwerker niedergelassen, nur die einstige Tankstelle steht derzeit leer.
Rund ums gigantische Eastside-Areal, auch an der Allee der Kosmonauten, ballen sich Autohäuser, gewerblich genutzte Plattenbauten und Handelsflächen wie etwa der knallblaue Nachwendebau des Großhändlers Metro. Es gibt Leerstände, aber auch genügend Beispiele für neues Leben nach zeitweiligem Niedergang. Auf dem Gelände einer einst maroden Fabrik stehen säuberlich aufgereiht die Lastwagen der Firma Harry-Brot, die ihre Backwaren von Marzahn ins Umland schickt. Die Orco-GSG GmbH betreibt sowohl an der Wolfener Straße als auch an der Döbelner Straße Gewerbehöfe. Laut Orco zählen sie zu den zuwachsstärksten der 45 Standorte in Berlin. Zu den Mietern gehören Handyhersteller Ericsson und die Pharmafirma Haema.Auch Tischler, Schlosser, Physiotherapeuten, Computerfirmen und Autowerkstätten sind dort untergekommen.
Diese Kleinteiligkeit ist typisch für die Gewerbestruktur im Bezirk. „Wir haben 16 700 Unternehmen, 80 Prozent davon sind Einzelkämpfer“, sagt der MHWK-Vorsitzende Heß, der selbst Geschäftsführer der Hausverwaltungs- und Service-Gesellschaft „Marzahner Tor“ ist. Das Immobilienunternehmen ist bis Weißrussland tätig, verwaltet aber auch im Heimatbezirk Plattenbauten und Stadtvillen. „80 Prozent der Plattenbauten sind inzwischen saniert, es gibt kaum noch graue Platte“, sagt Heß.
Von öffentlichen Aufträgen sollen die Handwerker und die über 300 Baufirmen vor Ort profitieren, worauf man beim MHWK penibel achtet. „2007 haben wir schon 39,4 Prozent über alle Vergabearten erreicht, unser Ziel ist die 40-Prozent-Marke“, sagt Heß. Alles in allem ist man beim Wirtschaftskreis höchst zufrieden mit der Arbeit des Bezirksamtes. „Unsere Anliegen werden rasch beantwortet, auf E-Mails kommt oft nach wenigen Minuten eine Antwort“, lobt Geschäftsführer Peters die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsstadtrat Gräff und Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke).
Neben der Kräftigung vorhandener Betriebe begibt sich Marzahn-Hellersdorf auch auf neue Pfade. 90 Hektar an der Eastside sollen zum Produktionsstandort für erneuerbare Energien werden. Schon angesiedelt hat sich die Inventux Technologies AG, die in Marzahn nach eigenen Angaben mit 150 Mitarbeitern jährlich 220 000 Solarmodule herstellt. Die Firma will weiter expandieren.
Mit den Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn verfügt der Bezirk sogar über einen touristischen Magneten. Mehr als 500 000 Besucher kommen jährlich an die Eisenacher Straße, um zwischen Chrysanthemen und Seerosen, Pagodenbauten und Arkaden in chinesischen, japanischen, balinesischen, orientalischen und italienischen Gärten den Alltag zu vergessen.
„Nach der Wende war die Anlage unattraktiv“, sagt Christoph Schmidt, Geschäftsführer der Grün Berlin Park und Garten GmbH über das ehemalige Gelände der einzigen DDR-Gartenschau. Nur 90 000 Menschen im Jahr kamen vor 20 Jahren in den eher gewöhnlichen Park. Als die Partnerstadt Peking Berlin einen landestypischen Garten schenkte, hatte man die zündende Idee, Gartenbaukunst aus aller Welt zu vereinen. Das funktioniert bislang prächtig, an einem achten, abendländischen Garten wird derzeit gewerkelt. Schmidt sieht auch das wirtschaftliche Potenzial der Attraktion noch nicht ausgereizt. Die Besucherzahl könne in den nächsten Jahren noch um 200 000 pro Jahr gesteigert werden, in und um die Gärten sollen sich exquisite Läden, Restaurants und womöglich ein Hotel ansiedeln. Allerdings macht Schmidt keinen Hehl daraus, dass er neben den Gärten kaum andere touristisch verwertbare Attraktionen im Bezirk sieht.
Der Bezirk kann nicht anders, als mit seiner Struktur zu leben. Ausgefallene Geschäfte in quirligen Altbaustraßenzügen wie in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg sind in der großräumigen Platte kaum vorstellbar. Der Handelsverband Berlin-Brandenburg hält die Lage für den mittelständischen Einzelhandel für besonders kompliziert. Unter diesen Umständen erscheint etwa das 2005 eröffnete Einkaufszentrum „Eastgate“ mit seinen 35 000 Quadratmetern Verkaufsfläche, 145 Geschäften, 900 Mitarbeitern und 1400 Parkplätzen als belebender Segen, der Kunden auch aus dem Umland anzieht. „Wir sind dabei, uns im mittleren Markensegment zu etablieren, und haben eine positive Umsatzentwicklung“, sagt Harald Boll, Regionalleiter beim Projektentwickler ECE, der in Berlin insgesamt sieben Zentren betreibt.
Auch für die kleine, kreative Szene im Bezirk ist das Eastgate ein willkommener Absatzort. Frank Pischke und Alexander Stahn vom Modelabel „Marzahn-Wear“ verkaufen ihre Shirts und Kapuzenpullis mit Marzahn-Motiven unter anderem dort. 700 Kleidungsstücke mit dem Logo eines doppelten Hochhauses haben die beiden bisher unter die Leute gebracht. „Wir wollten zeigen, dass wir die immer gleichen Klischees satt haben und dass hier schon immer kreativ gearbeitet worden ist“, sagt Pischke.
Im neuesten Entwurf der beiden HipHop-Fans spielt ein Riesenbaby mit Plattenbauklötzen. Marzahn-Wear beteiligt sich damit am Wettbewerb zum Plattengeburtstag. Für ein bisschen mehr Boom im Bezirk ist ein selbstbewusstes Image gewiss kein Schaden.
Werner Kurzlechner
Aus der Ausgabe 9 / 2009

