Magnet und Moloch

Mitte ist beides: bildschön und verkommen, arm und reich, Touristenattraktion und noch ganz unbekannt. Aber immer dynamisch
Moderne Architektur: Die Sonnensegel-Kuppel des Sony-Centers am Potsdamer Platz Foto: Thilo Rückeis

Im Café Sankt Oberholz ist es ruhiger als in vielen Büros: Kein Telefon klingelt, und niemand, der hier sitzt, plaudert mit seinen Nachbarn. Als hätte ein unsichtbarer Chef in der kugeligen Deckenlampe eine Überwachungskamera installiert. Die Besucher, die im Durchschnitt um die 30 sind, tippen auf ihren Rechnern in die Tasten, auch Webdesigner Thomas, der an diesem Vormittag in die Rosenthaler Straße 72 gekommen ist, weil er hier manchmal besser arbeiten kann als zu Hause. „Ich bin selbstständig und in meinen eigenen vier Wänden fehlt mir oft die Disziplin.“

Ins Café Sankt Oberholz kommen die jungen Freiberufler, die meist in der Medienbranche arbeiten – und lieber neben Gleichgesinnten werkeln als daheim. Und sich beim Kreativ-Sein eben auch gern zuschauen lassen. „Digitale Bohème“ ist diese Gruppe vor einigen Jahren getauft worden. Auch, wenn das nicht alle gerne hören. „Aber natürlich ist da etwas dran“, sagt Thomas, der gerade 30 geworden ist. Es sei schön, zumindest eine räumliche Konstante zu haben, einen Ort, an dem man sich trifft. Selbst wenn man nur tippend nebeneinander sitzt.

Schick, schön und erfolgreich, diese Assoziationen verbinden viele Menschen mit dem Bezirk Mitte. Aber der hat nicht nur ein Gesicht, sondern viele. Denn im Jahr 2001 haben sich die ehemaligen Bezirke Tiergarten, Wedding und Mitte zu einem neuen zusammengeschlossen. Mehr als 600 000 Quadratmeter Handelsfläche gibt es in Mitte und nicht weniger als 40 000 Gewerbebetriebe. Knapp 320 000 Menschen aus 116 Nationen leben heute hier, in den Ortsteilen Hansaviertel, Tiergarten, Moabit, Gesundbrunnen, Wedding und (der alten) Mitte. Und nicht überall blüht die Wirtschaft. In einigen Ortsteilen leben überdurchschnittlich viele Transferleistungsempfänger – ein Umfeld, das viele Unternehmen eher Abstand halten lässt.

Tourismus - Die Hotels um die Friedrichstraße zählen zu den modernsten Europas

Davon, dass Berlin die gesamtdeutsche Hauptstadt geworden ist, hat vor allem der Ortsteil Mitte profitiert. Weil sich hier viele Bundeseinrichtungen, Verbände und Medienunternehmen angesiedelt haben. Und auch, weil die Touristen hier gern übernachten, nur ein paar Meter vom Brandenburger Tor, dem Potsdamer Platz oder dem Gendarmenmarkt entfernt. „Der Bezirk hat nach dem Mauerfall den größten Entwicklungs­impuls bekommen, und er steht nicht still“, sagt Christian Tänzler, Pressesprecher der Berlin Tourismus Marketing GmbH. Auch vom Tourismus, der sich in Berlin zu einer der bedeutendsten Branchen entwickelt hat, profitiert vor allem die alte Mitte: Allein rund um die Friedrichstraße liegen etwa 50 Hotels – der Bereich gilt als die modernste Hotellandschaft Europas. Außerdem gibt es im Bezirk 113 Diskotheken und etwa 2000 Gaststätten, berichtet Lutz Kaden von der IHK Berlin. Auch kulturell ist Mitte gut versorgt, mit dreizehn Theatern, zwei Opernhäusern und rund 65 Museen.

Weil Touristen immer potenzielle Kunden sind, hat Agata Dietrich hier im März einen Laden eröffnet, in der kleinen Krausnickstraße, die von der Oranienburger Straße abgeht. Sie vertreibt dort die Kleidung ihrer Schwester Eva, die mit ihrem Label Evija „Frauenträume erfüllen“ will. „Die Mode meiner Schwester ist sehr feminin und verspielt“, sagt Agata Dietrich. Deshalb sei es schwierig, Berlinerinnen als Kundinnen zu gewinnen. Denn die typische Frau aus Berlin ziehe sich eher maskulin an. Die Touristinnen, die oft aus Spanien, Dänemark, Griechenland, den USA oder Osteuropa zu ihr kämen, könnten dagegen mehr mit der weiblichen Mode ihrer Schwester anfangen.

Schon etwas länger betreiben die ungarische Designerin Eszter Kerdo und ihr Mann Wolfgang Heise einen Laden in Mitte, das Plané-Tick an der Auguststraße. „Wichtig ist für uns die Nähe zur Kunst und zu den Galerien“, sagt Wolfgang Heise. Denn das bringe ihnen kunstaffine Kundschaft in den Laden. „Und die Straßen hier sind auch durch die Architektur inspirierend für uns.“ Mit ihrem haus­eigenen Label „frenetic“ hat sich die ungarische Designerin auf Röcke spezialisiert. Aber die beiden haben auch andere Kleidungsstücke im Sortiment: zum Beispiel von Berliner Jungdesignern.

Auch jenseits von Designerläden und Künstlerszene tut sich etwas in Mitte. In Wedding zum Beispiel, genauer gesagt, am Westhafen. „Wir rangieren unter den ersten zehn Binnenhäfen in Deutschland“, sagt Klaus-Günter Lichtfuß, Abteilungsleiter Logistik bei der Berliner Hafen- und Lager- und Lagerhausgesellschaft mbH (BEHALA). 120 Beschäftigte kümmern sich um ein Umschlag- und Transportvolumen von rund vier Millionen Tonnen im Jahr. Einen Teil der Fracht liefert das Gasturbinenwerk von Siemens, gleich um die Ecke, in Moabit. Der Konzern hat gerade erst eine neue Produktionshalle gebaut. 42 Millionen Euro investiert Siemens insgesamt in den Ausbau. 200 neue Arbeitsplätze sollen entstehen, 170 sind schon besetzt. Derzeit arbeiten hier 2800 Leute.

Mehr als 5000 Mitarbeiter beschäftigt die Bayer Schering Pharma AG in Wedding. Das traditionsreiche Unternehmen gehört seit drei Jahren zum Leverkusener Bayer-Konzern. Mittes neuer Stadtrat Carsten Spallek (CDU) will noch mehr globale Unternehmen in seinen Bezirk holen – und nicht nur in die alte Mitte (siehe Interview unter http://www.berlin-maximal.de/magazin/reportagen/art83,1087).

Aber auch die anderen Ortsteile im Bezirk tun einiges dafür, um wirtschaftlich nicht auf dem Abstellgleis zu landen – zum Beispiel Moabit: Das dort entstandene „Unternehmernetzwerk Moabit“ wirbt auf seiner Internetseite (www. netzwerk-moabit.de) für den Industrie- und Gewerbestandort an der Spree, mit 92 Hektar Berlins größtes innerstädtisches Industriegebiet, mit günstigen Gewerbeflächen und guter Anbindung.

Intensiv genetzwerkt wird ebenso in Tiergarten: Die rund um die Potsdamer Straße angesiedelten 400 Medienunternehmen haben sich dort vor einigen Jahren zur Mstreet zusammengeschlossen (Infos unter: www.medienportal-berlin.de). Das Netzwerk bringt Unternehmen und Einzelkämpfer miteinander in Kontakt, von der Produktionsfirma über den Grafiker bis zum Stummfilmkomponisten. Das Geschäftsfeld „Film, Fernsehen und Theater“ ist am stärksten vertreten, dann folgen die Bereiche „Grafik, Design und Layout“ sowie „Werbung, Marketing und PR“.

Netzwerk - An der Potsdamer Straße haben sich Unternehmen zusammengeschlossen

Die Mstreet veranstaltet regelmäßig Stammtische und betreibt an der Potsdamer Straße 91 einen Infopoint. Dort können sich  Interessenten über die Unternehmen informieren und Tipps zur eigenen Ansiedlung im Kiez bekommen. „Wir arbeiten eng mit dem Quartiersmanagement zusammen“, erklärt Michael Müller, der sich im Vorstand des Mediennetzwerks engagiert. Er schätzt an der Potsdamer Straße die richtige Mischung: Gut gelegen, urban, nicht spießig, sondern quirlig. Mittlerweile sei auch die Mstreet selbst ein positiver Standortfaktor: „Wir haben schon Anfragen von Unternehmen bekommen, die sich wegen des Netzwerks hier niederlassen wollten.“

Was der Potsdamer Straße fehlt, sind die Touristen, meint die Projektmanagerin Nina Korolewski.  Denn das Gebiet profitiere kaum von den Berlin-Reisenden – die kämen normalerweise höchstens bis zur neuen Nationalgalerie, um dann wieder umzukehren in Richtung Potsdamer Platz. Korolewski will das ändern. Bis Dezember will sie Präsentationsmaterialien im Printformat, eine Website und einen Audioguide erstellen, der zwölf interessante Standorte im Kiez vorstellen soll. Die Materialien sollen die Touristen über das Gebiet rund um die Potsdamer Straße informieren, über Kunst, Kultur und Geschichte des Ortes, aber auch über Gastronomie, Übernachtungs- und Einkaufsmöglichkeiten, die es vor Ort gibt. In Schulungen und Workshops sollen zudem die hier arbeitenden Einzelhändler und Gastwirte mit diesen Informationen vertraut gemacht werden.

„In den letzten Jahren sind rund um die Potsdamer Straße viele neue Hotels entstanden“, sagt Korolewski. Trotzdem werde das Gebiet innerhalb des berlinweiten Marketings noch nicht als attraktiver Tourismusstandort wahrgenommen. Außerdem mangele es an einer gemeinsamen Präsentationsplattform. Ihr Material solle das „Image eines lebendigen Stadtbezirks mit Geheimtipp-Faktor“ vermitteln. „Es gibt aber auch andere Vermarktungswege“, sagt die Projektmanagerin. Zum Beispiel die Präsentation verschiedener Einzelakteure unter einer Dachmarke: Nimmt man etwa die vielen neuen international bekannten Galerien, die Hotels und die multikulturelle Gastronomie zusammen, so ist die Potsdamer Straße für Berlinbesucher aus aller Welt ein attraktives Reiseziel. Um das Potenzial zu nutzen, setzt Korolewski in dem Prozess auf so genannte „Multiplikatoren“: Menschen, die schon lange in diesem Kiez leben oder arbeiten. Im Idealfall soll dann der Bäcker an der Ecke ein Hotel vor Ort empfehlen oder etwas zu Geschichte der Gebäude an der Potsdamer Straße erzählen können.

International machen den Bezirk Mitte nicht nur die vielen Touristen, sondern vor allem die Bewohner: Rund 29 Prozent von ihnen
haben keinen deutschen Pass. Rechnet man die eingebürgerten Migranten dazu, dann haben knapp 45 Prozent der Bevölkerung in Mitte einen Migrationshintergrund. Viele davon sind unternehmerisch tätig – und unterhalten ein dichtes Netz aus deutschen und internationalen Kunden und Zulieferern. Wie man diese so genannte „ethnische Ökonomie“ im Bezirk Mitte noch besser nutzen kann, damit hat sich eine Studie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) beschäftigt. Für die Autoren der Studie sind die Unternehmen der ethnischen Ökonomie im Bezirk ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – und sie haben außerdem eine starke soziale Funktion.

Befragt wurden für die Studie insgesamt 272 Unternehmer mit Migrationshintergrund. Ein Fünftel von ihnen arbeitet im Einzelhandel oder Dienstleistungsbereich, jeder Vierte erbringt sonstige Dienstleistungen, vom Friseurbetrieb bis zur Änderungsschneiderei. Im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten sechs Prozent der Befragten, im Ernährungsgewerbe fünf Prozent.

Die Unternehmen, die in Mitte der ethnischen Ökonomie zuzurechnen sind, sind relativ jung: 42 Prozent der befragten Unternehmer haben ihre Firma erst in den vergangenen drei Jahren gegründet. Die Gründungsphase hat gut die Hälfte der Unternehmen schon überstanden. 37 Prozent der Betriebe sind „echte Bestandsunternehmen“, sie existieren schon mehr als sieben Jahre.
Unternehmer Nevzat Yilmaz arbeitet seit fünf Jahren in Mitte, an der Gottschedtstraße. „Ich habe in Brandenburg angefangen und bin dann hierher gezogen“, sagt der 51-Jährige. Seine Firma, die Yilmaz Edelstahlbau und Handel GmbH, ist das erste türkische mittelständische Edelstahlbauunternehmen in der Branche, das sich unter anderem auf Sonderanfertigungen im Edelstahlbereich und neue Großküchenprodukte spezialisiert hat. 70 Prozent der Kunden von Nevzat Yilmaz sind türkischer Herkunft. Mit dem Zustand seiner Firma ist der Unternehmer zufrieden. Vom Bezirk wünscht er sich aber manchmal mehr Informationen, zum Beispiel über Fördermittel. 

Um die ethnische Ökonomie in Mitte weiter zu stärken, schlagen die Autoren der FHTW-Studie vor, die Verwaltung stärker mit den Akteuren vor Ort zu vernetzen und für deren Belange zu sensibilisieren. Außerdem empfehlen sie, eine Imagekampagne für und mit ethnischen Unternehmen zu organisieren, um deren Potenzial nach außen besser darzustellen. Damit Mitte von seiner Vielfalt in Zukunft noch stärker profitieren kann.

Rita Nikolow


Aus der Ausgabe 10 / 2009

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