Allen zum Wohle

In Deutschland gibt es rund 16 000 Stiftungen. Die meisten haben ihren Standort in Westdeutschland. Wer sich bei einer solchen Organisation engagieren will, muss Geld mitbringen – und Zeit
Stefan Loening, Gründer der Stiftung "Urologische Forschung", mit einer Kollegin in seinem Labor: "Es macht einfach Spaß, Leute zu fördern."
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Irgend eine Gegenbewegung bräuchte man, dachte sich Stefan Loening Anfang der neunziger Jahre. Etwas, das für ein wenig Ausgleich sorgt. „Das Problem“, sagt der ehemalige Direktor der Klinik für Urologie an der Charité, „war und ist, dass es in Deutschland einfach nicht genug Laborforschungsmöglichkeiten für Urologen gibt.“ Viele gingen deshalb zum Studieren ins Ausland, kämen dann jedoch nicht zurück nach Deutschland.

Aus Loenings Gedanken ist inzwischen die Stiftung Urologische Forschung geworden. Ende Oktober hat sie ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Rund 200 000 Euro bringt die Stiftung jedes Jahr auf. Zwei Professorenstellen an der Charité werden damit bezahlt, drei Promotionsstipendien gefördert. Außerdem wird das Geld dazu benutzt, Kollegen eine Spezialisierung auf dem Bereich der Kinderurologie zu ermöglichen.

Der heute 70-jährige Loening hat selbst lange Jahre in den USA gearbeitet. Er jedoch ist zurückgekehrt. Kurz nach der Wende kam er nach Berlin und an die Charité. Damals sei ihm zum ersten Mal die Idee gekommen, sich für den Nachwuchs seines Fachs zu engagieren.

Loenings Stiftung ist eine von rund 16 000, die es derzeit in Deutschland gibt. Dass die Mehrzahl davon in den alten Bundesländern zu finden ist, wundert Hans Fleisch, den Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, wenig. „In der DDR wurden die Einrichtungen systematisch kaputtgemacht“, sagt er. „Schon 1953 waren die meisten weg vom Fenster.“

In Berlin kommen laut Statistik des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen nur 18,6 Stiftungen auf 100 000 Einwohner – daran gemessen landet die Hauptstadt im deutschlandweiten Vergleich nur im Mittelfeld. Es mag mit daran liegen, dass in Berlin weniger wohlhabende Menschen leben als anderswo. Eine ungünstige Voraussetzung: Wer Gutes tun will, braucht erst einmal Geld. Am besten viel. Das absolute Minimum für die Gründung einer Stiftung sind 50 000 Euro, heißt es beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Andernorts werden weit höhere Beträge empfohlen.

„Der Grundstock einer gemeinnützigen Stiftung sollte am besten siebenstellig sein“, sagt beispielsweise Ludger Strecker, Stiftungsexperte der Commerzbank in Frankfurt. Außerdem dürfe das Geld bei einer Gründung zu Lebzeiten langfristig nicht mehr für den Lebensunterhalt gebraucht werden. Aus einer Stiftung könne man nämlich kein Geld mehr abziehen. Allerdings gebe es für Leute, die sich gernegemeinnützig engagieren wollten, diverse Möglichkeiten, diesen Wunsch auch anderweitig zu realisieren. So könne man sich zum Beispiel mit kleineren Beträgen an bestehenden Stiftungen beteiligen oder alternativ einen Verein gründen. Auch der kann gemeinnützig tätig werden. Der Vereinsgründer sollte aber beachten, dass das Vereinsvermögen auch vollständig ausgegeben werden kann und nicht  – wie das Grundstockvermögen bei der Stiftung – auf ewig erhalten bleiben muss.

Steuerfrei - Gemeinnützige Stiftungen müssen in Deutschland keine Abgaben leisten

Eine Stiftung legt ihr Grundkapital an und investiert dann ausschließlich die erwirtschafteten Erträge in die gemeinnützigen Zwecke. Möglich ist aber, zunächst mit einer kleineren Summe einen Verein zu gründen und später, wenn genug Kapital gesammelt wurde, den Verein in eine Stiftung zu überführen.

Auch wenn die Arbeit der gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland von der Steuer befreit ist, sollte allen potenziellen Stiftern bewusst sein: „Ein Steuersparmodell, das zur Mehrung des eigenen Vermögens führt, ist die Gründung einer Stiftung in Deutschland nicht. Sie sparen nie so viele Steuern, wie sie investieren“, erklärt Stiftungsexperte Ludger Strecker.

Hinzu kommt, dass potenzielle Stiftungsgründer sich über die auf sie zukommende zeitliche Belastung im Klaren sein sollten. „Der bürokratische Aufwand ist nicht gerade gering“, sagt Stiftungsgründer Loening. Wer in Vollzeit arbeitet, bei dem dürfte es folglich schwierig werden, sich mit aller Kraft auch noch dem Tagesgeschäft bei einer Stiftung zu widmen.

Adressen
| Bundesverband
Deutscher Stiftungen e. V. |
Adresse: Mauerstraße 93,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 897 94 70
Web: www.stiftungen.org

Stiftung Urologische Forschung
Adresse: Robert-Koch-Platz 7,
10115 Berlin
Telefon: 030 / 30 87 46 10
Web: www.stiftung-urologie.de

Warum also sollte jemand all die Mühe auf sich nehmen, wenn das nicht einmal finanzielle Vorteile bringt? „Oft wird Altruismus genannt, wenn jemand gefragt wird, warum er sich engagiert“, sagt Hans Fleisch. Das sei jedoch auch nur ein Teil der Wahrheit. „Es geht immer auch um Eigennutz“, sagt er. Dafür müsse sich aber niemand schämen. „Was soll denn falsch daran sein, wenn mir eine wohltätige Beschäftigung Freude oder Befriedigung verschafft?“, fragt er.

Auch für Stefan Loening ist die Freude an der gemeinnützigen Arbeit ein Motiv für sein Engagement. Zu sehen, wie sich für einen jüngeren Kollegen plötzlich ganz neue Möglichkeiten auftun, das sei für ihn eine bereichernde Erfahrung: „Es macht einfach Spaß, Leute zu fördern.“

Moritz Honert


Aus der Ausgabe 11 / 2009

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