In Berlin ganz oben

In Reinickendorf sagen sich Fuchs und Hase Guten Tag, statt Gute Nacht. Die Verwaltung des Bezirks hat schlanke Strukturen und gilt als sehr wirtschaftsfreundlich
Für die Zukunft gebaut: Das Märkische Viertel, eine der Berliner Großsiedlungen, wird zur Zeit energetisch saniert. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Reinickendorf, der nordwestliche Berliner Bezirk mit seinen rund 240 000 Einwohnern, liegt sowohl am Rand als auch mittendrin. Die grünen Orte Frohnau, Hermsdorf und Waidmannslust zählen zu den bevorzugten Wohnlagen Berlins, wobei Grundstücke hier nur die Hälfte von dem kosten, was im Südwesten verlangt wird. Aber mit der S-Bahn, wenn sie denn wieder einmal im Zehn-Minuten-Takt fährt, ist man hervorragend an das Zentrum angebunden. Von Hermsdorf zum Potsdamer Platz ist man gerade eine halbe Stunde unterwegs. Und da die Schulen des Bezirks einen guten Ruf haben, ist der Norden nach der Wende für junge zugezogene Familien zum attraktiven Standort geworden. Durch die Grenzöffnung hat Reinickendorf, bis 1989 doch ziemlich isoliert gelegen, wieder Anschluss an das Hinterland bekommen. Golfspieler und Surfer sind schnell da, wo sie ideale Sportbedingungen finden.

Freilich hat die Wende Reinickendorf auch Probleme gebracht. Das größte waren die Folgen der Fehlbelegungsabgaben für gut verdienende Mieter von Sozialwohnungen in Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel. Die Zwangsabgabe sollte die Wohnungen für geringer Verdienende frei machen und von denen, die nach Rechtslage zu viel für eine Sozialwohnung verdienten, etwas von ihrem privatem Profit abschöpfen. Das ging gründlich schief. Die alten etablierten Mieter, die durch ihren relativen kleinen Wohlstand einen wichtigen Beitrag zur sozialen Stabilität des Viertels leisteten, stellten fest, dass sie sich für die Summe aus Miete und Fehlbelegungsabgabe im benachbarten Brandenburg auch ein eigenes Reihenhäuschen leisten konnten und verließen den Bezirk zu Hunderten.

Siedlungen, wie das Märkische Viertel stellen die alten Strukturen auf die Probe

Die Gesobau, die größte Wohnungsverwaltungsgesellschaft im Märkischen Viertel, suchte Leerstand zu vermeiden und füllte die entstandenen Lücken schnell auf – aus der Sicht des heutigen Bezirksbürgermeisters Frank Balzer aber mit wenig Einfühlungsvermögen. Balzer klagt, dass überwiegend Empfänger von Transferleistungen mit Migrationshintergrund gekommen seien, dass die verbliebenen deutschen Mieter sich zunehmend unwohl fühlten, weil in den Mietblöcken alle möglichen Sprachen der Verständigung dienten, nur nicht Deutsch. Die Gesobau bestreitet das. Da aber Balzer seinerseits betont, das Klima habe sich geändert, müssen beide Seiten, Vermieter und Bezirk, etwas unternommen haben. Die Verwaltung verweist darauf, dass Schulstationen eine segensreiche Wirkung hätten, bei denen es auf dem Schulgelände selbst eine Hausaufgabenbetreuung gebe und Sprachunterricht angeboten werde.

Vielleicht macht aber gerade die Mischung aus Tradition und Moderne den Reiz des Bezirks aus. Das Märkische Viertel ist das Städtische an Reinickendorf, der alte Anger Reinickendorf selbst, aber ebenso Heiligensee, Wittenau, Lübars und Hermsdorf stehen für die Geschichte. Die meisten dieser Dörfer entstanden im frühen 14. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammen auch einige der alten Dorfkirchen, die bis heute genutzt werden. Erhalten haben sich auch dörfliche Strukturen. Hier leben Familien schon über Generationen hinweg, Sport- und Kulturvereine haben lange Traditionen.

Tradition hat auch das Bemü‑hen des Bezirks, die Großstadt-typische Vermüllung des öffentlichen Raumes unter Kontrolle zu bringen. In Reinickendorf wird weder wildes Plakatieren noch wildes Grillen toleriert, Gartenbauamt und Ordnungsamt setzen beide Verbote konsequent durch. Bau- und Wohnungsbauaufsicht arbeiten dabei zusammen. „Das Gesetz ist eindeutig“, sagt Frank Balzer, „man muss es nur anwenden“. Und, so nebensächlich es klingt: In Reinickendorf werden auch Papierkörbe regelmäßig geleert …
Von Tradition wird freilich niemand satt. Die Reinickendorfer Verwaltung ist stolz auf ihre Wirtschaftsfreundlichkeit. Nur hier, betont der neue Bezirksbürgermeister Frank Balzer, gibt es ein Bauberatungszentrum, in dem Stadtplanung, Vermessungsamt, Umweltamt und die Bodengutachter auf einem Flur zusammen arbeiten. Auch die Wirtschaftsförderung wird integriert. Wenn hier ein Unternehmer anklopft, der sich niederlassen will, bekommt er schnell Auskunft, ob das da geht, wo er das plant, lobt der Bürgermeister seine Verwaltung.

Seine größte Sorge, die Nachnutzung des Flughafens Tegel, kann ihm im Moment aber niemand nehmen. Immerhin machen sich die Planer heute schon Gedanken, klopft er auf den Tisch. Es muss etwas geschehen in Tegel, denn am Flughafen hängen zwischen 10 000 und 30 000 Arbeitsplätze. Balzer will jedenfalls alles tun, damit auch in Zukunft gilt: In Reinickendorf sagen sich Fuchs und Hase Guten Tag und nicht Gute Nacht, und das nicht nur im großen Wildgehege am Forstamt in der Schulzendorfer Straße.

Gerd Appenzeller

mehr zu diesem Thema unter: http://www.berlin-maximal.de/magazin/reportagen/art83,1129


Aus der Ausgabe 11 / 2009

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