Der Kiez der Kreativen
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Links und rechts der Spree: Die Oberbaumbrücke verbindet die Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg. Foto: Mike Wolff |
Die brennenden Autos sind ein Problem. Seit einiger Zeit gehen in Friedrichshain-Kreuzberg immer wieder Luxuskarossen in Flammen auf, auch mancher Klein- oder Firmenwagen wird angesteckt. Militante Gentrifizierungsgegner wollen auf diese Weise Zeichen setzen. „Manche ausländische Firmen schreckt das natürlich ab, sich hier niederzulassen“, sagt Carola Schneider, Vorsitzende des Unternehmervereins im Bezirk.
Doch die Zündeleien können die Entwicklung nicht stoppen. Teure Autos in den Straßen sind auch ein Zeichen für wachsenden Wohlstand in vielen Teilen des Bezirks. Wirtschaftsstadtrat Peter Beckers erklärt: „Friedrichshain-Kreuzberg ist eben mittendrin, zwischen dem Beharren in alten Strukturen auf der einen Seite und Veränderung auf der anderen. Diese Reibung erzeugt Wärme – und steigt manchmal in den Kopf.“
Vielfalt - Berlins kleinster Bezirk beherbergt Konzerne und Mittelständler
Die Reibung, von der Beckers spricht, kann aber auch produktiv sein. Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Bezirk, der Unterschiede aushält: alt und neu, arm und reich, Ost und West. Ebenso vielfältig ist die Wirtschaft in Berlins flächenmäßig kleinstem, aber mit 267 000 Einwohnern am dichtesten besiedelten Bezirk. Unter den Mitgliedern des Unternehmervereins sind Großfirmen wie Metro und die O2-World ebenso wie Freiberufler, Handwerker oder Architekten. Neben Konzernen wie Vivantes und BASF haben auch Medienunternehmen wie der Tagesspiegel, die „taz“ und Axel Springer ihren Firmensitz in Friedrichshain-Kreuzberg.
Von den insgesamt rund 40 000 Gewerbetreibenden im Bezirk sind laut Bezirksamt 58 Prozent Dienstleister, Einzel- und Großhandel sind mit 30 Prozent vertreten. Der Anteil des traditionellen Handwerks beträgt 11 Prozent. Lediglich ein Prozent entfällt auf Industrieunternehmen. Vor einem Jahr untersuchte Berlin maximal, wie attraktiv die Bezirke für die Wirtschaft sind. Platz drei im Bezirksvergleich belegte Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk hatte zuletzt besonders viele Firmengründungen und neue Arbeitsplätze gezählt.
Die wirtschaftliche Situation im Bezirk ist stabil, trotz Krise. Die Stimmung bei den Unternehmern sei „sehr unterschiedlich“, sagt Carola Schneider. Vielleicht habe ein Logistikunternehmen durch die Wirtschaftskrise Umsatzeinbrüche gehabt, dafür verzeichne aber ein Autohaus Kundenzuwächse, weil ein Konkurrent schließen musste. „Auch in Zukunft wird sich alles sehr schnell verändern und weiter individualisieren.“ Und das findet Carola Schneider auch gut so. „Es ist toll hier“, sagt sie. „Es gibt noch viel Potenzial für Entwicklung.“ Große Hoffnungen setzt Schneider auf das Mediaspree-Projekt: „Da werden noch einige große Projekte auf uns zukommen.“
Wenn Friedrichshain-Kreuzberg ein wirtschaftliches Zentrum hat, dann liegt dies an der Nahtstelle des Doppelbezirks, an beiden Ufern der Spree. Zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke entstehen neue Gebäude wie zuletzt die O2-World, die 1000 Berlinern Jobs gebracht hat. Bis zu 30 000 weitere Arbeitsplätze sollen in dem Gebiet in den kommenden Jahren entstehen. Schon jetzt betreiben die Musiksender MTV und VIVA hier ihre Studios, die Plattenfirma Universal hat ein eigenes Gebäude, die Modeshowrooms Labels 1 und 2 expandieren gerade weiter. Und das im April 2009 zum „besten Club der Welt“ gekürte „Berghain“ liegt ebenfalls in der Nähe.
Die Musikmanager und Medienleute, die Architekten und Werber, die Modehändler und die Veranstaltungsmacher sind lebenswichtig für die Wirtschaft im Bezirk „Nahezu jeder fünfte Berliner Kreative arbeitet in Friedrichshain-Kreuzberg“, sagte Wirtschaftsstadtrat Beckers bei der Vorstellung einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Januar 2008. Damals wurden 2500 Unternehmen und fast 11 600 Erwerbstätige in diesem Bereich gezählt. Jedes fünfte Unternehmen und jeder achte Erwerbstätige im Bezirk arbeiten kreativ – und erwirtschaften mehr als ein Drittel des Umsatzes im Bezirk. 3,3 Milliarden Euro waren es im Jahr 2004. Mehr als 42 Prozent des Umsatzes in der Berliner Kreativbranche werden in Friedrichshain-Kreuzberg gemacht.
Natürlich besteht die Branche nicht nur aus großen Firmen wie MTV und Universal. Die DIW-Studie zeigte eine räumliche Verdichtung der Kreativen vor allem im früheren Kreuzberger Stadtteil „SO 36“, im Bergmannkiez und in dem Gebiet östlich der Warschauer Straße, insbesondere am Boxhagener Platz und im Samariter-Viertel.
Ein erfolgreiches Kreativprojekt ist „Berlinomat“, eine von Jörg Wichmann und seiner Frau Theresa Meirer gegründete „Plattform für Berliner Design“. In ihrem Laden an der Frankfurter Allee präsentiert das Duo auf 450 Quadratmetern etwa 150 Berliner Designer, von Mode bis Lifestyle. Und mit internationaler Strahlkraft. „Berlinomat“ hat schon mit Design-Institutionen wie der Londoner Tate Gallery oder dem Museum for Modern Art in New York kooperiert, auch große Einzelhändler aus Tokio und New York fragen bei Wichmann und Meirer nach Neuheiten.
Zwar spürt auch Wichmann die Krise. „Man merkt, dass die Kunden selektiver sind und genauer hinschauen, wofür sie ihr Geld ausgeben.“ Obwohl der Umsatz nicht mehr ganz so hoch sei wie im vergangenen Jahr, habe man aber doch mehr Kunden – nur etwa 40 Prozent von ihnen kommen aus Berlin, schätzt Wichmann. 20 Prozent kämen aus anderen Teilen Deutschlands, der Rest aus dem Ausland, vor allem aus Italien, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden.
Mit dem Geschäftsjahr 2009 ist Wichmann gar nicht unzufrieden. Dass sein Laden – wie 2008 – einen Umsatzzuwachs von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr erzielt, sei nicht zu erwarten gewesen. „Wenn ein gutes Weihnachtsgeschäft kommt, werden wir mit einem leichten Plus abschließen.“ Und für 2010 sind schon zwei neue Projekte geplant.
An „Berlinomat“ zeigt sich, dass die Kieze des Bezirks im Aufwind sind. Als Einkaufsstraße rangiert die Frankfurter Allee auf Platz vier (nach Filialisierungsgrad) und auf Platz sechs (nach Kaufkraft). Die Warschauer Straße in Friedrichshain sowie die Bergmannstraße im alten Postzustellbezirk Kreuzberg 61 stehen in dem Index sogar auf Platz eins und zwei nach Kaufkraft.
Friedrichshain-Kreuzberg, der Bezirk mit dem jüngsten Durchschnittsalter, ist aber nicht nur ein Einkaufs-, sondern auch ein international beliebter Ausgehbezirk. Mehr als 2500 größere Gaststätten gibt es nach Auskunft von Wirtschaftsstadtrat Beckers, vom Speiserestaurant bis zur Diskothek. „Die Gastronomie, etwa im Bergmannkiez oder in der Simon-Dach-Straße, hat neben der Kreativwirtschaft für die Ausstrahlung des Bezirks eine ganz besondere Bedeutung“, sagt Beckers.
Unterdessen bestätigen die Wirte nicht nur gute Umsätze, sie eröffnen auch immer mehr Lokale. Laut dem Gründerindex der Bürgschaftsbank Berlin-Brandenburg gab es 2008 in Friedrichshain-Kreuzberg mit elf Prozent einen außergewöhnlich hohen Gründungsanteil des Gastgewerbes. In keinem anderen Berliner Bezirk gab es im vergangenen Jahr in der Branche mehr Gründungen als Stilllegungen.
Tourismus - Die Hotels und Hostels im Bezirk sind sehr gut besucht
Die lebendige Ausgehszene zieht Touristen an. Im Bereich der Übernachtungen ist Friedrichshain-Kreuzberg berlinweit auf Platz drei – nach Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte. „Da haben wir uns schon gut herangearbeitet“, freut sich Stadtrat Beckers. Die Hotels und Hostels im Bezirk verzeichnen eine sehr gute Bettenauslastung. Allein zwischen 2004 und 2005 war die Zahl der angebotenen Betten um 40 Prozent gestiegen, im Jahr 2007 gab es laut Statistischem Landesamt 48 geöffnete Beherbergungsbetriebe mit mehr als 9300 Betten, 832 000 Gäste kamen.
Trotz aller Erfolgsmeldungen – es gibt noch einiges anzupacken. „Wir haben einen wirtschaftlich schwachen Kiez rund um den Petersburger Platz, dort haben wir einen hohen Leerstand an Gewerberaum“, erklärt Beckers. „Außerdem die südliche Friedrichstadt um den Mehringplatz, der total abgekoppelt ist. Das sind die beiden Bereiche, wo wir im Rahmen der Stadtentwicklung tätig werden wollen und müssen.“
Es gibt aber auch Bewegung, ohne dass der Bezirk eingreift. Dies zeigt sich etwa im Wrangelkiez oder in der Gegend rund um die Reichenberger Straße. Nur wenige Meter neben luxuriösen „Carlofts“, neuen Luxusapartments mit integriertem Pkw-Stellplatz, entsteht hier ein Drogenkonsumraum. „Hier verändert sich die gerade die Bewohnerstruktur, eine zahlungskräftigere Klientel zieht her“, sagt Beckers. „Früher oder später wird die entsprechende wirtschaftliche Infrastruktur nachziehen.“
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Nur einen Steinwurf entfernt, an der Wiener Straße, hat die Firma Dosch ihr Domizil. Auf etwa 2500 Quadratmetern werden hier Messgeräte gefertigt. Produzierendes Gewerbe im Hof – „und wir sind nicht die einzigen in der Gegend. Es weiß nur keiner.“ Dazu sind Firmen wie Dosch zu unauffällig. Vor fünf Jahren seien einmal Kollegen einer japanischen Firma zu Besuch bei Dosch gewesen, erzählt eine Mitarbeiterin. „Die haben Siemens erwartet – und dann standen sie am Görlitzer Bahnhof!“ Sie lacht. Die Geschäfte laufen bestens in dem Familienbetrieb: Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hat der Mittelständler seine Belegschaft auf rund 50 Mitarbeiter verdoppelt. Im Geschäftsjahr 2009 erwirtschaftete man wie schon in den Vorjahren ein Umsatzplus – in diesem Jahr waren es zehn Prozent.
Der Erfolg liegt in der Nische. Im Moment seien Durchflussmesser sehr gefragt, Metallscheiben mit einem Loch in der Mitte, die Gas oder Flüssigkeit in einem Rohr stauen, damit man den Druck in der Leitung messen kann. In diesem Bereich hat Dosch weltweit nur wenige Mitbewerber. Das mechanische System ist extrem robust und darum beliebt. Es wird häufig in der Erdöl- und Erdgasproduktion eingesetzt. „Öl gibt es noch 50 Jahre, so lange werden wir uns noch halten.“ Außerdem habe man ja noch einige andere Produkte.
Jan Oberländer
Aus der Ausgabe 12 / 2009

