„Wir haben ein wahnsinnig gutes Zukunftspotenzial – die Kreativwirtschaft“
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Foto: promo |
Herr Beckers, Sie sind seit November 2006 Bezirksstadtrat. Wie hat sich Friedrichshain-Kreuzberg seitdem verändert?
In den vergangenen Jahren wurden 15 000 neue Arbeitsplätze geschaffen, das ist ein Ergebnis von Mediaspree, aber auch von anderen Entwicklungen. Leider sind einige dieser Arbeitsplätze nicht stabil und werden durch die Wirtschaftskrise gefährdet. Die anstehende Schließung des Quelle Communication Centers ist ein großer Rückschlag für den Bezirk. Derzeit sind Berlin Partner, Arbeitsagentur und Jobcenter bemüht, so viele von den derzeit noch 770 Call-Center-Beschäftigen wie möglich auf andere Dienstleister zu verteilen und sie nicht arbeitslos werden zu lassen.
Wie bewerten Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation des Bezirks?
Es geht bergauf, die Anzahl der Arbeitsplätze ist ja nur ein Beispiel. Wir haben mittlerweile jedes fünfte bis sechste Berliner Kreativunternehmen im Bezirk. Eine 2008 vorgestellte DIW-Studie bestätigt, dass wir ein wahnsinnig gutes Zukunftspotenzial
haben, und das ist die Kreativwirtschaft.
Welches sind im Moment die drängendsten Themen?
Hauptthema ist natürlich die Wirtschafts- und Finanzkrise, die noch nicht ausgestanden ist. Im Augenblick sind wir sehr froh darüber, dass wir die Konjunkturpakete haben. Derzeit sind die Zahlen nicht so negativ wie befürchtet. Das liegt vielleicht auch daran, dass nicht so viele Großunternehmen im Bezirk sind, sondern wir hier vor allem viele kleinere und mittlere Unternehmen haben, die robuster sind und die Krise bisher weitaus besser überstanden haben als manches große Unternehmen.
Welche Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung ergreifen Sie?
Wir haben jetzt einen Vertrag mit der Berlin Partner GmbH abgeschlossen, in dem es um einen verstärkten Unternehmensservice im Land Berlin geht. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner können wir ab Januar 2010 Unternehmen systematischer als vorher unterstützen. Wir können besser mit ihnen in Kontakt bleiben und hören, wo ihnen der Schuh drückt – und was man tun kann, um sie zu halten.
Konzentrieren Sie sich auf bestimmte Branchen?
Ein Schwerpunkt werden die kleineren Unternehmen sein, besonders Handwerksbetriebe, um die wir uns in der letzten Zeit zu wenig kümmern konnten.
Was wollen Sie hier konkret tun?
Wir arbeiten eng mit der Orco GSG zusammen, die besonders in Kreuzberg viele Gewerbehöfe hat. Handwerksbetriebe haben ja oft wegen Emissionen, etwa Lärm, Probleme mit ihrem Umfeld. Wir wollen Orte finden, an denen die Betriebe weiter existieren können. Darüber hinaus gibt es Fördermöglichkeiten vom Land Berlin, die die Firmen oft nicht kennen. Das können Ausbildungsbeihilfen sein oder Programme zur Krisenüberbrückung – diese Angebote wollen wir bekannter machen.
Wie wollen Sie Unternehmen der Kreativwirtschaft stärken?
Die überwiegende Anzahl der im Kreativsektor Tätigen sind Freiberufler oder kleinere Unternehmen. Seit dem 1. November gibt es eine „Kreativagentur“, die eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle für Firmen ist, die noch nicht länger als fünf Jahre am Markt sind. Sie unterstützt bei der Suche von Räumen und bei der Netzwerkbildung oder weist auf Fördertöpfe hin.
Wie sieht es mit den großen Unternehmen aus?
Es ist natürlich der Traum jedes Wirtschaftsstadtrates, einen internationalen Player in seinen Bezirk zu holen, der viele Arbeitsplätze schafft. In Friedrichshain-Kreuzberg ist das mit der O2-Arena gelungen. Im Augenblick ist nichts Neues in Sicht. Aber aufgrund der Zusammenarbeit mit Berlin Partner, die ja auf Messen vertreten ist und internationale Verbindungen hat, hoffen wir, dass wir noch mehr Unternehmen im Mediaspree-Bereich ansiedeln können.
Wie schätzen Sie die Zukunft des Mediaspree-Projekts und seine Bedeutung für den Bezirk ein?
Das hängt davon ab, wie die Finanzkrise überwunden werden kann. Viele Investoren warten jetzt erst einmal ab. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren weite Teile Interessenten gefunden haben und bebaut werden. Dann wird es noch einmal einen erheblichen Schub an Arbeitsplätzen geben. Für mich ist das Mediaspree-Projekt allerdings eine zwiespältige Angelegenheit.
Das Projekt birgt auf der einen Seite riesige Entwicklungspotenziale, auf der anderen Seite muss aber auch die Lebensqualität erhalten bleiben und darf nicht jeder Quadratmeter verwertet werden. Da muss man von Fall zu Fall sehen, inwiefern die Interessen potenzieller Arbeitgeber mit Anwohnerinteressen vereinbar sind.
Die Fragen stellte Jan Oberländer
Aus der Ausgabe 12 / 2009
