Dem Produkt ein Gesicht geben
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Boxenschau: Geschäftsführer Hans Constin zeigt zwei Ausführungen des Routers »Fritz!-Box«. Foto: Thilo Rückeis |
In ihrem Konferenzraum hat die Firma Constin entlang der Wände ihre Produktgeschichte ausgestellt. Auf Glasböden reihen sich Lesegeräte, Kassen, Telefonhalter und medizinische Ausrüstung der vergangenen Jahre aneinander. Die älteren Modelle sind eher schlicht und eckig, die neueren schick geschwungen, in knalligen Farben und ergonomisch geformt.
Auf den Markt kommen praktisch nur Produkte, deren Äußeres am Computer von Designern mühevoll ausgeknobelt worden ist. „Design ist heute Chefsache; ein Unternehmen, das darauf verzichtet, ist ganz schlecht aufgestellt“, sagt Hans Constin, der die Berliner Firma für Produktdesign seit zwanzig Jahren leitet. Erst das Design verleihe einem Produkt sein Gesicht, schaffe Vertrauen und bilde damit die Marke.
Design sei zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden, sagt der 53-Jährige. Vor seinem schwarzen Rollkragenpullover baumelt eine Lesebrille am Band. Ein Mann, der eine sympathische Portion Selbstbewusstsein zeigt: „Mit Sicherheit ist jeder Berliner schon mal mit unseren Produkten in Kontakt gekommen.“ 42 Mitarbeiter sitzen in der Firma am Innsbrucker Platz. Es sind Designer, Ingenieure, Grafiker, Modellbauer, Hard- und Software-Entwickler. Sie zeichnen Skizzen, entwerfen Mustermodelle und bauen Kleinstserien aus Kunststoff-Gehäusen aus Spritzgussteilen für elektronische Geräte.
Das wohl bekannteste Produkt von Constin ist die Fritz!-Box. Sie stellt in 22 Millionen deutschen Haushalten die Verbindung zum Internet her. Auch an der Supermarkt-Kasse, an der Tankstelle oder in Bekleidungsgeschäften kommt der Verbraucher beim Bezahlen per EC- oder Kreditkarte mit den Gehäusen des Schöneberger Unternehmens in Berührung. „Und nicht nur das“, sagt Hans Constin, steht auf und greift hinter das Flip-Chart, wo sich bunte Bierkisten zur Decke türmen. Auch den teilbaren Kasten für Bierflaschen habe sein Team entwickelt.
Mit Sicherheit ist jeder Berliner schon mit unseren Produkten in Kontakt gekommen
Wie das alles entsteht, zeigt er bei einem Rundgang über das tausend Quadratmeter große Gelände samt Werkshalle. Durch Glastüren geht es in die Design-Abteilung, in der gerade fünf Mitarbeiter ihre Ideen zu Papier bringen und in den Rechner übertragen. Große Pläne verdecken die Schreibtische, filigrane Zeichnungen flimmern auf den Monitoren. Eine Tür weiter liegen die Skizzen als Mustermodelle auf dem Tisch. Sie sind farblos, aus Gummi und ohne technisches Innenleben. Letzteres setzt der Auftraggeber selbst ein. „Die Designer können sie jetzt in die Hand nehmen und so überprüfen, ob ihr Produkt funktioniert“, erklärt Constin diesen Arbeitsschritt.
Eine Etage tiefer befindet sich die Werkshalle, in der für die Gehäuse Teile aus Metall, Kunststoff oder Gummi entstehen. In der Mitte steht ein schwarzes Gerät, auf das Constin besonders stolz ist: ein 3D-Printer, der die Modelle schichtweise in ein bis zwei Stunden pro Zentimeter Höhe druckt.
Die Firma sucht u. a. Hardware-Entwickler und Konstrukteure
Geschäftsführer: Hans Constin
Adresse: Bennigsenstraße 14,
12159 Berlin
Umsatz: 4 Millionen Euro (2008)
Mitarbeiter: 42
Telefon: 030 / 23 00 69-0
Web: www.constin.de,
www.road.de, www.minimove.de
Dem klassischen Design-Leitsatz „form follows function“ – „Die Form folgt der Funktion“ – kann der Geschäftsführer wenig abgewinnen. Design müsse eher den Interessen der Endverbraucher folgen; müsse Geschichten erzählen. Beispiel Fritz!-Box: Die kühn geschwungene Hülle symbolisiert die Geschwindigkeit, mit der die Daten durchs Internet jagen. Die Zweifarbigkeit macht die Marke unverwechselbar. „Form follows interests“ – Form folgt den Interessen – sei die bessere Devise. Ein Satz, der nicht nur das Interesse der Kunden, sondern auch das finanzielle Interesse der Auftraggeber meint. Denn „interest“ heißt im Englischen auch „Zinsen“. Doch Design ist nicht nur Optik. Auch Handhabung und Haptik, also wie sich ein Gerät anfühlt und bedienen lässt, werden immer wichtiger. „Das Finish muss heute absolut stimmen. Der Anspruch an Ästhetik ist ungemein gewachsen“, sagt Constin.
Konnte der Kunde früher über kleine Materialfehler noch hinwegsehen, muss das Handy-Gehäuse heute perfekt lackiert und tadellos geschliffen sein. Gleichzeitig wollen die Kunden ein einfach zu bedienendes Gerät ohne komplizierte Tastaturen oder widerspenstige Knöpfe.
Eine weitere Herausforderung stellt der Trend zu möglichst günstigen Herstellungskosten dar. Eine Handyhülle soll preisgünstig, leicht und trotzdem robust sein. Was im ersten Moment unmöglich klingt, ist dank der zunehmenden Vielfalt an Kunststoffmaterialien machbar. So verdrängt Kunststoff zunehmend Metall, etwa im Flugzeugbau. Die Erforschung von Stoffen, wie zum Beispiel Spinnenfasern oder Nanopartikeln, schafft völlig neue Einsatzfelder und Kombinationsmöglichkeiten. „Da ist noch in den nächsten Jahren sehr viel drin“, sagt Constin. Dass seine Firma eine große Bandbreite an Einsatzbereichen abdeckt, sieht der Diplom-Ingenieur als unschätzbaren Vorteil. So ließe sich der eine oder andere Lösungsansatz gut auf eine andere Branche übertragen, etwa vom medizinischen Gerät auf das Gehäuse für ein Autoradio.
Der Anspruch an Ästhetik ist ungemein gewachsen
Die Teile hierfür lässt Constin in Berlin, Thüringen und China herstellen. Die Produktion sei in Asien aufgrund der Transportkosten nicht viel günstiger. Das lohne sich nur bei Veredelungen, zum Beispiel Lackierungen. Effektiver sei es, Kleinstmengen direkt in Berlin zu produzieren. Auch Einzelunternehmer aus der Region wenden sich daher an den Designer, der rund 500 Erfindungen zur Marktreife gebracht hat.
Zwei seiner eigenen Ideen führt der Geschäftsführer zum Abschluss vor: Da ist der „minimove“, ein dreirädriges Kleinlasten-Gefährt mit Elektro-Antrieb, auf dem der Großstädter für den kurzen Einkauf bequem durch die Stadt sausen soll. Der Fahrer steht auf einem Trittbrett, weiter vorn befindet sich eine kleine Ladefläche. Das Dreirad für Erwachsene hat einen Akku, der sich abends in der Steckdose wieder aufladen lässt. Auch auf Messen wäre es für Mitarbeiter und Besucher einsetzbar. „Ich bin eben Designer, Maschinenbauer, Konstrukteur, Unternehmer und Erfinder in einem“, sagt Constin und lacht. Er ist sich sicher, dass solchen flexiblen Fahrzeugen in Ballungszentren die Zukunft gehört.
Die andere Erfindung hängt an Constins Gürtel: ein Mikro-Laptop, den die Tochterfirma „Road“ im selben Haus entworfen hat. Es ist ein Handy zum Aufklappen, das sich in eine PC-identische Tastatur und einen Touchpad aufteilt. „Das ist das kleinste Notebook der Welt“, sagt Constin. Das Gerät ist die Befehlszentrale für die ganze Firma; mit ihm beantwortet er E-Mails, verwaltet seine Kontakte und führt seinen Kalender. Das Patent für den Mini-Computer hat er bereits 1995 angemeldet. Und was kommt als nächstes? Da sind noch viele Ideen in Hans Constins Kopf – und wohl noch viele weitere Glasböden zur Produktpräsentation im Konferenzraum nötig.
Jörg Oberwittler
Aus der Ausgabe 12 / 2009

