Der Industriekiez

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist traditionell das Quartier des produzierenden Gewerbes. In jüngster Zeit hat auch die Modewelt den Charme des Industriestandortes für sich entdeckt
Architektur aus Stahl: Vom Gasometer in Schöneberg können Besucher den ganzen Bezirk überblicken. Foto: afp

Das Dröhnen der Flugzeugmotoren hat Tempelhof und seine Bewohner über Jahrzehnte geprägt. Nach 1945 wurde der gleichnamige Flughafen eine Brücke zur freien Welt. Noch Jahre später sprachen deswegen Tempelhofer zärtlich von dem Geräusch, das andere als Lärmbelästigung empfinden. Inzwischen schweigen die Motoren am Tempelhofer Flughafen. Dafür rotieren andere weiter. In den Montagehallen von Daimler zum Beispiel oder im Werk der Wilhelm Dreusicke GmbH, die Gummiwalzen für Drucker produziert.

Industrie hat im Bezirk Tempelhof-Schöneberg Tradition. Mit 639 Hektar verfügt Tempelhof-Schöneberg über mehr als ein Fünftel der Industriefläche Berlins. Drei große Industriegebiete gibt es: Eines am Teltowkanal, eines an der Großbeerenstraße und eines an der Motzener Straße. Rund 8000 Gewerbebetriebe haben sich in dem Bezirk niedergelassen. Im verarbeitenden Gewerbe sind nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin 18 419 Mitarbeiter in 345 Betrieben beschäftigt, mit einem Schwerpunkt auf der Metall- und Elektroindustrie. Mit mehr als 3300 Mitarbeitern und 114 Betrieben ist aber auch das Baugewerbe gut vertreten, darunter Deutschlands Branchenprimus Hochtief.

Der industrielle Schwerpunkt liegt traditionell im Stadtteil Tempelhof. Das Daimler-Werk in Marienfelde ist eines der Berliner Industrie-Flaggschiffe und das älteste noch produzierende Werk des Herstellers. 1902 kaufte Daimler die Fahrzeugfabrik Altmann & Cie und begann mit der Produktion kleinerer Boots- und Schiffsmotoren. Noch heute laufen hier vor allem PS-starke Diesel-Motoren vom Band, auch für die Luxusmarke Maybach. Knapp 3000 Menschen sind am Standort beschäftigt, damit ist Daimler nach Siemens und Schering der drittgrößte industrielle Arbeitgeber der Stadt.

Tempelhof - In dem Bezirk gibt es die meisten Gebrauchtwagenhändler der Stadt

Nicht viel jünger, aber deutlich kleiner, ist die 1916 gegründete Wilhelm Dreusicke GmbH, die Gummiwalzen und Papiereinzugsrollen sowie Ersatzteile für Drucker und Bankautomaten herstellt. Das Unternehmen liegt an der Teilestraße, wo es noch viel Expansionsfläche für Gewerbe gibt – als Zwischennutzer haben sich etliche Gebrauchtwagenhändler niedergelassen. Tempelhof ist auch in dieser von libanesischen Händlern dominierten Branche führend in Berlin.

Auto-Im- und Export wurde auch auf dem ehemaligen Gelände von Krupp Stahlbau an der Gottlieb-Dunkel-Straße betrieben. Inzwischen stünden die Hallen aber wieder leer, erzählt Thomas Gregull, Geschäftsführer der „Gregull + Spang Ingenieurgesellschaft“. Das Ingenieurbüro mit etwa 20 Mitarbeitern gehört zur Erbmasse der Krupp Stahlbau, die 2002 geschlossen wurde. Die Rettungsaktionen mit diversen Partnern seien alle gescheitert, sagt Gregull. Damit ging ein Stück Industriegeschichte zu Ende. Seit 1865 wurden am Standort Stahlteile produziert. Krupp baute in Berlin viele Stahlbrücken und auch das Olympiastadion. Trotz der Nähe zur Stadtautobahn sei der Standort für modernen Stahlbau aber kaum noch geeignet, sagt Gregull. Zum Transport größerer Bauteile brauche es Genehmigungen, die in Brandenburg leichter zu bekommen seien.

Mit solchen Problemen müssen sich die mittelständischen Firmen im Industriegebiet Motzener Straße am südlichen Rand der Stadt nicht herumschlagen. Dort hat sich vor vier Jahren ein Unternehmens-Netzwerk gegründet, das inzwischen überregional Schlagzeilen macht, zuletzt mit der Gründung einer eigenen Kita, die mit flexiblen Öffnungszeiten auf den Bedarf der Mitarbeiter am Standort zugeschnitten ist.

Netzwerke - Firmenverbünde senken die Kosten der beteiligten Unternehmen

54 Firmen gehören inzwischen zum Netzwerk, das ist mehr als ein Viertel der Betriebe auf dem Gelände, darunter bekannte Hersteller wie Klosterfrau Melissengeist, Semperlux und KBE-Fenstersysteme. Die Firmen kaufen gemeinsam ein und bilden gemeinsam aus. Die Synergieeffekte helfen Kosten sparen, und der enge Verbund bietet gerade kleineren Betrieben einen Kompetenzvorsprung. „Das Netzwerk macht den Standort insgesamt attraktiver“, sagt Semperlux-Chef und Netzwerk-Vorsitzender Ulrich Misgeld. Bevor sich Unternehmen ansiedeln, rufen sie beim Netzwerk an. „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben und denken, dass wir vom künftigen Flughafen BBI profitieren werden.“

Nach dem Vorbild Motzener Straße hat sich vor einem Jahr ein Netzwerk am Gewerbestandort Großbeerenstraße gegründet, dort sind inzwischen 25 Betriebe Mitglied, also zehn Prozent der ansässigen Firmen. Neben Einkauf und Energieeffizienz kümmert sich das Netzwerk um die Entwicklung eines Standortmarketings mit eigenem Logo. Die Mitgliedsfirmen kommen aus sehr unterschiedlichen Branchen, sagt Vorstandsmitglied Marcus Dellnitz von Röhnert Holzhandel. „Es gibt keine Dominanz eines Wirtschaftszweiges. Das war auch so beabsichtigt, denn es soll kein Vertriebsmarketing betrieben werden.“ Der neue Verbund hat bereits das Interesse des neuen Finanzsenators Ulrich Nußbaum geweckt, ein Besuchstermin wurde allerdings kurzfristig wieder abgesagt.

Der dritte große Industriepark am Teltowkanal hat noch kein solches Netzwerk, kann dafür aber mit weltweit bekannten Unternehmen wie Bahlsen und Gillette punkten. Mehr als 1000 Menschen produzieren bei Gillette die neuesten Rasierklingen-Serien. Bahlsen hat vor drei Jahren in eine neue Produktionsanlage investiert. Rund 350 Menschen stellen hier diverse Kekskreationen her. Das Werk besteht seit 1967.

Andere Standorte entwickeln sich noch. Am neuen Bahnhof Südkreuz haben sich große Möbel- und Baumärkte niedergelassen – Ikea, Bauhaus, Möbel-Kraft. Derzeit baut die Iden-Gruppe für einen zweistelligen Millionenbetrag ein neues Logistikzentrum für Papierwaren, Geschenkartikel und Spielsachen.

Schöneberg-Tempelhof ist gekennzeichnet durch sehr unterschiedliche Kieze. Dazu gehören das bürgerlich-gediegene Ambiente am Bayerischen Platz, am Tauentzien oder in der Akazienstraße, der Ausgehkiez für Schwule und Lesben um Motzstraße und Nollendorfplatz und die Gegend rund um die Potsdamer Straße mit vielen Arbeitslosen und Geringverdienern. Der Stadtteil Tempelhof ist als Wohnort etwas homogener  als Schöneberg. Hier wohnt der Mittelstand, in kleinen Reihenhäusern der Fliegersiedlung am Tempelhofer Damm oder im beschaulich-grünen Lichtenrade.

Firmeninfos
| Bahlsen GmbH & Co.KG |
Geschäftsführer: Werner M. Bahlsen
Adresse: Oberlandstraße 91,
12099 Berlin
Umsatz: 545 Millionen Euro
Mitarbeiter: 2838
Telefon: 030 / 759 50
Web: www.bahlsen.com

Daimler AG
Geschäftsführer:
Dieter Zetsche (VV der Daimler AG)
Adresse: Daimlerstraße 143,
12277 Berlin
Produktion: 218 623 Motoren
Mitarbeiter: 2991
Telefon: 030 / 749 10
Web: www.daimler.com

Gillette Deutschland
GmbH & Co. oHG

Geschäftsführer: Otmar Debald,
Gerhard Ritter, Pirjo Väliaho
Adresse: Oberlandstraße 75–84,
12099 Berlin
Umsatz: 26,9 Milliarden Dollar
(Umsatz gesamt)
Mitarbeiter: mehr als 1000
Telefon: 030 / 756 40
Web: www.gillette.com

Gregull + Spang Ingenieurgesellschaft
Geschäftsführer: Thomas Gregull,
Dieter Spang
Adresse:
Gottlieb-Dunkel-Straße 50–52,
12099 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 21
Telefon: 030 / 62 90 92 60
Web: www.gregull-spang.de

Unternehmensnetzwerk Motzener Straße e. V.
Geschäftsführer: Ulrich Misgeld
Adresse: Motzener Straße 34,
12277 Berlin
Mitgliederfirmen: 48
Telefon: 030 / 72 00 11 31
Web: www.motzener-strasse.de

Wilhelm Dreusicke GmbH
Geschäftsführer: Christian Rückert,
Ingo Rückert, Carsten Rückert
Adresse: Rohdestraße 17,
12099 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 50
Telefon: 030 / 75 50 60
Web: www.dreusicke.de

An der Potsdamer Straße versucht der Bezirk, Leerstand und Tristesse entgegenzuwirken. Im Norden, auf der Tiergartener Seite, werden Galerien angesiedelt und wird der Tourismus angekurbelt. Im Süden wird die Straße „mstreet“ genannt, wobei M für Medien steht. Im näheren Umfeld gibt es etwa 400 kleinere Unternehmen aus der Film-, Fernseh- und Werbebranche, die Ute Großmann vom „Quartiermanagement Schöneberger Norden“ zu vernetzen versucht. Monatlich gibt es einen Stammtisch und Fortbildungen. Die Potsdamer Straße sei trotz ihrer optischen Defizite eine gute Adresse, sagt Großmann, wegen ihrer innenstädtischen Lage und des großen Entwicklungspotenzials. Es gebe noch viel Platz, gerade nach dem Fortzug der BVG aus dem großen Bürogebäude am Kleistpark. Entsprechend günstig sind die Mieten. Die Potsdamer Straße, so sieht es Ute Großmann, sei ein Pioniergebiet für die Kreativszene wie in den neunziger Jahren die Altbauquartiere in Prenzlauer Berg und Mitte.

Weiter im Osten, am Tempelhofer Damm, wird eher um Kundschaft gerungen. Im Frühjahr hat das Shoppingcenter „Tempelhofer Hafen“ eröffnet. An der historischen Kulisse des ehemaligen Hafenspeichers soll der Stadtteil ein neues attraktives Zentrum entwickeln. Ob der Shoppinghafen den umliegenden Händlern am „T-Damm“ das Geschäft vermiest oder es eher aufblühen lässt, ist noch umstritten. Die alte Werbegemeinschaft am Tempelhofer Damm befindet sich auch wegen dieser Kontroverse gerade in Auflösung, wie ihr kommissarischer Vorsitzender Jürgen Winkelmann etwas resigniert bestätigt. Ein zweites Shoppingcenter am Standort Tempelhofer Rathaus ist nach langer Hängepartie offenbar gescheitert.

Unklar ist noch die Zukunft des 500-Millionen-Projekts Energieuniversität „Euref“ am ehemaligen Gasspeicher in Schöneberg. Statt einer konkreten Bauplanung wird vorerst nur ein „Euref-Dialogforum“ realisiert, mit Ex-Außenminister Joschka Fischer als Zugpferd.
Auch die Mode-Branche hat den Bezirk für sich entdeckt. Das Mode-Center im Ullstein-Haus mit 250 Firmen ist laut IHK ein Highlight des Bezirks. Für Center-Sprecherin Susanne Lost zählen die Kollektionen. Von denen gibt es derzeit 450 auf 35 000 Quadratmetern zu sehen. Seit 20 Jahren residiert das Mode-Center am Tempelhofer Teltowkanal. Man habe sich inzwischen der Mainstream-Mode verschrieben, sagt Lost. Edelmarken und Designerlabels sind eher in den Trendbezirken wie Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg zu finden, aber Lost sieht im Sog des vielfarbig-flirrenden Berlin auch für den traditionellen Modestandort Tempelhof Wachstumspotenziale.

Die Modemesse Bread & Butter, die jetzt im stillgelegten Flughafen Tempelhof stattfindet, bringt dem Center zwar keinen direkten Aufschwung – „das sind andere Kundenkreise“ –, macht die Gegend aber für Trendscouts und Nachwuchsdesigner interessanter. Martina Budszuhn von der Wirtschaftsförderung des Bezirks weiß von einer stärkeren Nachfrage nach Ladengeschäften im Umfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu berichten.

Mehr zu diesem Thema: im Interview mit Ekkehard Band unter http://www.berlin-maximal.de/magazin/reportagen/art83,1267

Thomas Loy


Aus der Ausgabe 2 / 2010

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