„Mich nervt das Wort Plattenbausiedlung“

Interview mit Christina Emmrich zum Report "Lichtenberg"
Christina Emmrich (Linke) ist seit 2001 Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg und Bezirksstadträtin für Finanzen, Personal, Kultur. Foto: Thilo Rückeis

Frau Emmrich, wie bewerten Sie die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirks?

Mit dem Bau von Ikea an der Landsberger Allee werden Arbeitsplätze geschaffen und die städtebauliche Entwicklung des Bezirks wird vorangetrieben. Das Möbelhaus könnte als Vorbild für andere Unternehmen dienen, die das Gebiet Lichtenberg als interessanten Wirtschaftsstandort entdecken. Wir hoffen, dass sich die Landsberger Allee zunehmend zur Handelsmeile entwickelt. Außerdem konstatiere ich eine Entwicklung zum Gesundheits- und Hochschulstandort. Lichtenberg besitzt zwei große Krankenhäuser sowie mehrere kleinere Kliniken und vier Hochschulen, darunter die Hochschule für Wirtschaft und Technik. Erst im März 2009 hat das Vier-Sterne-Hotel Andel´s an der Landsberger Allee, Ecke Storkower Straße aufgemacht. Das Gebäude war viele Jahre eine bauliche Ruine.

Warum entwickeln plötzlich so viele Investoren Interesse an Lichtenberg?

Im Moment ist Lichtenberg als Szenebezirk noch nicht so angesagt, deswegen sind die Grundstückspreise noch relativ niedrig. Außerdem verfügt Lichtenberg über ein gut entwickeltes Netzwerk an Schulen, Kitas, Straßen und Kultureinrichtungen. Hinzu kommen die Infrastruktur und die Nähe zur Ringbahn. Wir haben einen Antrag beim Senat gestellt, dass das ganze Gebiet der Frankfurter Allee Nord Sanierungsgebiet wird. Wir möchten in diesem Zusammenhang auch einen Wettbewerb für Studenten ausschreiben, um Ideen für das Gebiet rund um die Gedenkstätte an der Normannenstraße zu sammeln. Außerdem gibt es bereits konkrete Überlegungen, leerstehende Teile des Pumpspeicherwerkes der Wasserbetriebe an der Landsberger Allee für Handel und Gastronomie zu nutzen.

Sind die vielen Plattenbauten in Lichtenberg ein Fluch oder ein Segen?

Der Bezirk ist, wie er ist. Die Großsiedlungen sind gute Wohnquartiere, die Bewohner nehmen diese Häuser gerne an. Die Howoge zum Beispiel geht von einer vierprozentigen Leerstandsquote aus. Die Genossenschaften haben Wartelisten – nicht nur für die fünfgeschossigen Wohnhäuser. Die Vermieter halten ihre Häuser und die dazugehörigen Freiflächen in Schuss, das ist auch für den Bezirk sehr positiv. Mich ärgert die Aussage, Lichtenberg sei eine Plattenbausiedlung, weil es abwertend klingt. Dabei wird doch nur die Methode des Bauens damit beschrieben.

Lichtenberg gilt noch immer als Problembezirk mit rechtsradikalen Tendenzen. Was machen Sie, um einen Imagewandel voranzutreiben?

Wir mussten uns entscheiden: Entweder wegschauen und das Problem ignorieren oder etwas dagegen unternehmen. Wir sind in die Offensive gegangen. Gerade im Weitling-Kiez ist zu spüren, dass sich eine tolerante, andere Kulturen akzeptierende Atmosphäre entwickelt. Die Neonazis haben ihre Hochburg verloren. Dabei geholfen haben auch die Fördermittel des Bundesprogramms „Für Toleranz und Vielfalt“, die wir erhalten und für eine Vielzahl von Projekten und Aktivitäten im Gebiet nutzen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Bezirkes?

Ich wünsche mir, dass die große Bereitschaft, sich für und im Bezirk zu engagieren, weiter wächst.

Die Fragen stellten Saskia Weneit und Judith Ratajczak


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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