Kiez der Extreme

Über einen Mangel an Aufmerksamkeit kann sich Neukölln wohl kaum beklagen: Kein Bezirk sorgt so oft für Schlagzeilen – meist sind es negative. Dennoch gibt es viele Zeichen für eine Aufbruchstimmung
Straße der Möglichkeiten: Die Karl-Marx-Straße soll in Zukunft schöner werden. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der 25-jährige Moritz Wolfgruber wohnt in einer Ladenwohnung in der Reuterstraße, Neukölln. „Crop Cosecha“ hat er sein Geschäft genannt. Der Putz platzt noch von der Decke. Ein Gründercoach vom Jobcenter hat beim Bürokratiemarathon geholfen. Wolfgruber macht Taschen und Hüte – aus alten Sonnenschirmen, Damenblusen und allem, was er findet. „Ich mache eigentlich Bilder aus Stoff. Und die wollte ich funktionsfähig machen – als tragbare Kunstwerke.“ Er lebt von Hartz IV und bekommt ein bisschen Gründungsgeld. Ein Nachbar, um die sechzig, kommt herein und bringt zwei Tüten voll Klamotten. „Hier, mein Junge, wir haben es doch alle nicht dicke.“

Neukölln ist ein Bezirk der Extreme. Rütli-Schule, Parallelgesellschaften, Hartz-IV-Verelendung.  Dazu kommt eine Arbeitslosenquote von knapp 21 Prozent, weit über dem Durchschnitt in Berlin und eine geringe Bildungsdichte. Bewohner aus rund 163 Nationen bevölkern den Kiez. Mit 28 438 Arbeitslosen liegt der Bezirk vor Mitte auf dem vorletzten Platz. Die Schwierigkeiten Neuköllns schlagen sich vor allem im Norden des Bezirks in der Kaufkraft nieder. Neukölln, so scheint es auf den ersten Blick, hat keinen Grund, auf eine positive wirtschaftliche Entwicklung zu hoffen.

Unternehmen - Ca. 25 000 Gewerbetreibende und 15 000 Selbstständige gibt es im Bezirk

Und doch: So viel Aufbruch war selten. Nordneukölln in der Nähe des Landwehrkanals wird in einem Berliner Stadtmagazin schon als „Lower East Side“ bezeichnet. In der Weserstraße, auf der man noch vor ein paar Jahren die Wahl hatte zwischen vergammelten Eckkneipen und Ramschläden, reihen sich nun unzählige Szenetreffs: etwa das Silverfuture mit seiner Queer-Kultur oder das Freie Neukölln. Wer einfach nur um die Ecke ein Bier trinken gehen möchte, erlebt mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein paar Amateurmusiker vorbeikommen und eine Spontan-Performance hinlegen. Und wer zwei Wochen nicht hier war, kann sich schon wieder eine neue Lieblingskneipe suchen.

Insgesamt meldet die Arbeitsagentur 60 000 sozialversicherungspflichtige Jobs. Dazu kommen rund 25 000 Gewerbetreibende und bis zu 15 000 Selbstständige. Die Zahl der Gewerbemeldungen liest sich zunächst positiv. Doch der Migrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch bremst den Optimismus. Viele Migranten meldeten ein Gewerbe, landeten aber schnell in der Schuldenfalle. Die Folge: Das nächste Geschäft werde auf die Ehefrau oder das erste erwachsene Kind angemeldet. So blieben Familien am unteren Ende der sozialen Leiter.

„Statt sich bei uns zu informieren, gucken sich manche Geschäftsgründer lieber bei ihren Verwandten alles ab“, sagt Clemens Mücke von der Wirtschaftsförderung des Bezirksamt Neuköllns. Doch er mag seinen Job, „der spannendste, den man haben kann.“ Vor allem in Neukölln, denn „hier tut sich immer was Neues.“

Die Siebdruckwerkstatt in der Pflügerstraße ist ein Beispiel. Acht Leute betreiben dort eine offene Werkstatt, jeder kann vorbeikommen und seine Flyer, Kunstwerke und T-Shirts drucken. Hinter einem Tresen sitzt Jochen Freels. „Wir drucken zum Beispiel die Rütli-Wear, die die Schüler vom Projekt Campus Rütli entwerfen.“ Ständig geht die Tür auf, setzen sich Leute in die Flohmarkt-Sofas und packen kurz den Laptop aus. Welche Projekte Freels denn in der Gegend empfehlen könne? „Geh doch einfach mal nach hinten in die Werkstatt“, sagt er und grinst.

Hinten stehen Jana Reiche und Bambi, Stylist. Bambi? „Unter dem Namen kennt mich eigentlich jeder in Neukölln – ich habe schon bei so vielen Kunstprojekten mitgemacht, als hier noch nichts los war“, sagt der Mittdreißiger. Die beiden bedrucken gerade Tüten und Taschen. „Morgen ist Ladeneröffnung“, sagt Reiche. Sie hat vor einem Jahr einen Preis beim Gründerwettbewerb Neukölln gewonnen und entwirft  T-Shirts. Den Laden „JR sewing“ in der Hobrechtstraße macht sie gemeinsam mit Freundin Nina Leonhard auf. „Is mir egal, ich lass das jetzt so“: Dieser Spruch steht auf ihrem erfolgreichsten T-Shirt. Er könnte zum Motto von Kreuzkölln werden, dem Teil des Bezirkes, der an Kreuzberg grenzt und in dem die kreative Szene boomt.

Die Kreativen kommen, die Industrie stellt sich um. Ein Wandel, der jede Menge Probleme mit sich bringt. Zuletzt kehrte die Brauerei Kindl dem Bezirk den Rücken. Aber es gibt sie noch, die großen Betriebe. Dazu gehören der Medizintechnik-Konzern Biotronik mit 2300 Mitarbeitern, Philip Morris mit 1300 und das Hotel Estrel mit über 500 Angestellten. Auch die fünf Kaffeeröstereien oder die beiden Marzipanfabriken, die rund 40 Prozent des deutschen Marktes beliefern, zeigen: In Neukölln wird durchaus noch produziert. Die Meteo Group mit ihren Wettervorhersagen für Medien, Solarbranche und Forschungsunternehmen beschäftigt 60 bis 70 Leute. Doch die Ansprüche an Industriearbeiter sind gestiegen, während durch die Automatisierung weniger Leute beschäftigt werden.

In Neukölln wird durchaus noch produziert – etwa in den fünf Kaffeeröstereien

Dazu kommen die bekannten Schwierigkeiten. Es gibt ein Gewaltproblem, in der Hasenheide und in der U-Bahn wird offen gedealt, es wird geklaut, und Laufkundschaft ist schwer in die Geschäfte zu bekommen. Das berichten auch Barbara Kristen und Luisella Ströbele, die in der Friedelstraße ihr Modeatelier und die Boutique „icke, Berlin“ betreiben. „Die Leute, die mehr Geld haben, gehen dann doch lieber nach Mitte zum Shoppen.“ Aber sie loben die Infrastruktur. Ihre Produzenten und Lieferanten befinden sich in direkter Nähe.

Etwa 305 519 Einwohner nennen Neukölln ihr Zuhause, rund 38,7 Prozent haben einen Migrationshintergrund, nur in Mitte ist der Prozentsatz noch höher. Die größte Gruppe sind mit 23 609 Einwohnern die Türken. „In Neukölln kann keine Rede mehr sein von Integration. Es geht um ein Nebeneinander und Miteinander“, sagt Mengelkoch.

Den Problemen versucht der Bezirk mit verschiedenen Projekten und Quartiersmanagement zu begegnen. Doch Mengelkoch ist skeptisch, dass mit herkömmlichem Quartiersmanagement in Gebieten wie dem Schillerkiez viel zu machen ist. Deshalb wurde jetzt die „Task Force Okerstraße“ ins Leben gerufen, ein Streetworker-Projekt, das gezielt gegen die schlimmsten Zustände im Kiez vorgehen soll. Gerade hier zeigt sich eine Entwicklung, die für diesen Teil Neuköllns symptomatisch ist. Es gibt jede Menge Problemhäuser, deren Bewohner von dem leben, was sie tagsüber auf der Straße erbetteln. Auf der anderen Seite ziehen die Mieten seit der Schließung des Flughafens Tempelhof an.

Hoffnung setzt der Bezirk neben Tempelhof auch auf die Karl-Marx-Straße. Trotz ihrer Nähe zum Rollbergviertel, das inzwischen zum Synonym für eine misslungene Integration geworden ist, sieht man nur wenige leere Schaufenster. Wer einmal auf den Bürgersteigen unterwegs war, ist dem positivsten Aspekt der Straße hautnah begegnet: Die Frequenzrate der Passanten.

Die Mischung der Geschäfte ist jedoch schwierig. „Mein Lieblingsladen ist Kaufst Du – Sparst Du“, witzelt Mücke. Dennoch: Bei den Gewerbemieten liegt die Straße auf dem 13. Platz der teuersten Straßen im IHK-Mietspiegel für Berlin. Die Zukunft soll noch besser werden: Die Straße wird entrümpelt und mit Straßenbäumen begrünt, Radwege werden gebaut, Gehwege verbreitert sowie Fahrbahnen verschoben. Auch am Hermannplatz wird alles anders: Statt bisher auf beiden Seiten des Platzes soll der Verkehr in Zukunft nur noch vor Karstadt entlanglaufen.

Die gute Anbindung zum Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI), die Nähe zum Autobahnring und der gut ausgebaute Nahverkehr wirken sich schon jetzt positiv auf den Bezirk aus. „Selbst schlecht geschnittene Industrieflächen gehen dank BBI gut weg“, sagt Mücke. Auch einige kleine Hotels entlang des südlichen Endes der Karl-Marx-Straße profitierten bereits von dem Riesenprojekt. Der Flughafen könne zwischen 20 000 und 40 000 Arbeitsplätze in seiner näheren Umgebung schaffen, so Mücke.

Doch diese Chancen müssen auch genutzt werden. „Wir kriegen dieses Wissen nicht in die Migrantengemeinschaften hinein“, sagt Mengelkoch. Ein Projekt, in das er viel Hoffnung setzt, sind die Stadtteilmütter. Das sind Frauen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, mit Problemfamilien auf Augenhöhe sprechen und ihnen helfen. Mit diesem Projekt sollen die Familien dazu gebracht werden, ihre Kinder regelmäßig in die Schule zu schicken. Auch der Campus Rütli ist so ein Vorzeigeprojekt. Aus der Skandalschule, deren Lehrer vor Jahren in einem Brandbrief angesichts der Integrationsproblematik ihre Handlungsunfähigkeit zum Ausdruck gebracht haben, ist ein moderner Schulcampus geworden. Wenn die Kinder regelmäßig zur Schule gehen, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie später in der Lage sind, auch regelmäßig zur Arbeit zu gehen, so die Idee dahinter. „Doch was soll das bringen, wenn wir einfach keine Jobs haben?“, fragt Mengelkoch. „Wir streuen Bildung, so gut wir können.“

Eine Studie will ergründen, warum sich Migranten so selten öffentliche Hilfe holen

Immerhin steht in Neukölln die größte Volkshochschule Berlins und Brandenburgs. Das Problem liege jedoch darin, dass die Kurse nur selten in einer Beschäftigung endeten, so Mengelkoch. „Die Menschen wollen arbeiten, sie wollen Läden besitzen.“ Aber es könne nicht jeder hinter einem Gemüsestand stehen. „Hätten wir Vollbeschäftigung, gäbe es sicher weniger Probleme mit organisierter Kriminalität und den dazugehörigen archaisch ausgerichteten Familienclans.“

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Warum sich vor allem Migranten selten an das Bezirksamt wenden, versucht eine Studie der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW) zur ethnischen Ökonomie in Neukölln zu klären. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Misstrauen gegenüber öffentlichen Einrichtungen und der Eindruck herrsche, es gebe zu viel Bürokratie in Deutschland. Ähnlich geht es der kreativen Szene in Kreuzkölln. Unterstützung vom Bezirksamt, Quartiersmanagement oder Arbeitsamt hat kaum einer in Anspruch genommen. „Geld gibt’s ja nur, wenn man Anspruch auf ALG I hat. Die meisten von uns fallen da aber raus, die kriegen Hartz IV “, sagt Bambi. Wer ALG II bezieht, kann höchstens ein wenig Gründungsgeld beantragen, hat aber keinen Anspruch auf den weit lukrativeren Gründungszuschuss. Und Siebdrucker Freels ergänzt: „Die Leute sind hier, weil sie was machen wollen und kein Geld haben. Die haben jede Menge Ideen, gehen damit aber kein Risiko ein, weil die Läden noch billig sind. Aber wenn die Mieten anziehen, sind sie alle ganz schnell wieder weg.“ 

Seit März 2005 vermittelt hier eine Zwischennutzungsagentur zwischen jungen Unternehmern und den Besitzern der Gewerbeflächen, um für Erstere niedrige Mieten zu ermöglichen und für Letztere Leerstand zu vermeiden. Doch die Mieten in Kreuzkölln sind laut dem IBB Wohnungsmarktbericht von 2008 mit 5,50 Euro deutlich teurer als der Bezirksdurchschnitt. Noch sind die Mieten in Neukölln aber auch Standortvorteil: Unternehmen, die sich in der Nähe vom Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof ansiedeln wollen, bleiben oft in Neukölln – weil es günstiger ist.

Nicht nur deshalb blickt Mücke trotz aller größeren und kleinen Defizite ohne Angst auf die wirtschaftliche Zukunft seines Bezirks. „Positive Tendenzen sind spürbar, mit dem BBI, dem Areal Tempelhof und Adlershof.“ Dazu kommt noch die sich ständig wandelnde Szene in den Kiezen.  Mengelkoch sieht der Zukunft kritischer entgegen, solange die liberalen und bessergestellten Migranten dem Bezirk den Rücken kehren. Aufgeben will er dennoch nicht. „Neukölln ist quirlig und engagiert, vielleicht wird alles doch besser, als ich es bisher sehe.“

Mehr dazu unter http://www.berlin-maximal.de/magazin/reportagen/art83,1389

Janina Guthke und Sylvia Vogt


Aus der Ausgabe 4 / 2010

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