Center an Center

Die Steglitzer Schloßstraße ist der zweitgrößte Einkaufsboulevard der Stadt und lockt nicht nur Kunden aus dem Südwesten an. Immer neue Einkaufszentren verändern das Gesicht der Straße
Alt und neu: Neben dem historischen Rathaus Steglitz steht »Das Schloss« mit mehr als 90 Läden, Studios dreier Radiosender und der Hauptstelle der Stadtbibliothek. Foto: Thilo Rückeis

Sie ist die zweitgrößte Einkaufsmeile Berlins mit der bundesweit höchsten Dichte an Einkaufszentren, und die Bagger für das nächste Center rollen schon: Die Steglitzer Schloßstraße verändert unübersehbar ihr Gesicht. Jahrzehntelang hatte sich dort nur wenig verändert, doch inzwischen geht es Schlag auf Schlag.

Den Anfang markierte vor vier Jahren die Eröffnung des Shoppingcenters „Das Schloss“ neben dem roten Backsteinbau des alten Rathauses Steglitz. Mit einer Investitionssumme von 200 Millionen Euro war es der teuerste Neubau in Steglitz seit dem Zweiten Weltkrieg. Das neueste Projekt, der „Boulevard Berlin“, soll das Doppelte kosten und im Laufe des kommenden Jahres fertig werden. Das bereits modernisierte Karstadt-Warenhaus ist Teil des Projekts. Die übrigen Flächen entstehen nebenan an der Stelle der ehemaligen Wertheim-Filiale, deren denkmalgeschützte Fassade erhalten bleibt, und in der Treitschkestraße, die teilweise überbaut wird und für den Autoverkehr bereits gesperrt ist. Auch Karstadt Sport, bisher im Forum Steglitz ansässig, soll in den „Boulevard Berlin“ einziehen. Dieser wird das 61. Center der Stadt und das vierte in der Straße – oder das fünfte, wenn man das kleinere Gebäude „Schloss 110“ mit Mietern wie Saturn und Hugendubel mitzählt.

Die Straße konsolidiert sich und ist auf einem guten Weg

An der Ecke Ahornstraße, wo früher eine Woolworth-Filiale stand, baut außerdem die Immobiliengruppe Investa ein Geschäftshaus. Hauptmieter wird die erste Berliner Filiale der Münchener Sportartikelkette „Sport Scheck“ mit 70 Mitarbeitern und 4500 Quadratmetern Verkaufsfläche in vier Etagen.

Die Zahl der Läden ist in den vorigen fünf Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. Ob die Gegend noch mehr Geschäfte verträgt, ist umstritten. Keinen Grund zur Sorge sieht der Handelsverband Berlin-Brandenburg: „Bisher wird ja alles gut angenommen“, beruhigt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. Die Häufung großer Häuser sei zwar selbst für Berlin als „Hauptstadt der Shoppingcenter“ einzigartig, doch habe die Straße auch ein „extrem großes Potenzial“ – zum Einzugsgebiet gehören außer Steglitz-Zehlendorf auch Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg sowie das brandenburgische Umland mit Potsdam, Teltow und Ludwigsfelde.

 Die Straße sei „stark handelsorientiert geblieben“, lobt Busch-Petersen, im Vergleich zu manch anderen Einkaufsgegenden gebe es „nicht so viel verschenkte Fläche“ mit Fast-Food-Restaurants oder Bankfilialen. „Die Schlossstraße konsolidiert sich und ist auf einem guten Weg“, lautet sein Fazit.

Kritischer ist Rainer Beckmann, der seit vier Monaten das Forum Steglitz als Centermanager leitet. Sein Haus mit der prominenten Adresse Schloßstraße 1 und mehr als 80 Geschäften ist das zweitälteste Einkaufszentrum Berlins nach dem Europa-Center in Charlottenburg. In diesen Tagen feiert es sein 40-jähriges Bestehen. „Wie soll der Kuchen denn noch vermehrt und verteilt werden?“, fragt Beckmann. Der Bau des „Boulevard Berlin“ führe zu einem Verdrängungswettbewerb und „wirbelt den gesamten Handel durcheinander“. Dass die Straße allmählich gesättigt mit Geschäften sei, habe bereits der schwierige Start des benachbarten „Schloss-Straßen-Centers“ gezeigt, sagt Beckmann. Tatsächlich gab es in diesem Neubau, der vor drei Jahren auf dem Gelände des einstigen Hertie-Kaufhauses am Walther-Schreiber-Platz eröffnet hatte, leer stehende Läden und unzufriedene Mieter. Immerhin ist die Kundenzahl seitdem erkennbar gestiegen. Auch Mitarbeiter mehrerer Läden berichten, dass es nun besser laufe.

Der Bau des Boulevard Berlin führt zu einem Verdrängungswettbewerb

Das Forum Steglitz hat vor kurzem den Eigentümer gewechselt und gehört jetzt einer Londoner Fondsgesellschaft. Beckmann trat seinen Posten erst vor vier Monaten an, das Konzept der vorherigen Eigentümer überzeugt ihn nicht so ganz. Trotz vieler Kundenproteste hatten diese den beliebten „Born-Markt“ im Parterre wegen angeblicher Geruchsbelästigungen geschlossen. Die bunte Mischung aus Verkaufs- und Imbissständen stand in der Tradition des einstigen Wochenmarkts an der Bornstraße. „War es richtig, ihn ganz rauszusetzen?“, fragt sich Beckmann. Denn gerade im Wettbewerb mit den anderen Centern „brauchen wir Tradition und müssen die alten Trampelpfade wahren“. Deshalb ist der Centermanager froh, dass zum Beispiel „Fisch Nickel“ weiterhin zu seinen Mietern zählt. Die Geschichte der Fischhandlung reicht bis 1919 zurück, nach der Modernisierung des Forums zog sie in den neuen Lebensmittelmarkt im Tiefgeschoss.

Inhabergeführte Geschäfte findet man vor allem in den Seitenstraßen. Die Schloßstraße selbst hat mit 74,5 Prozent den mit Abstand höchsten Filialisierungsgrad aller Berliner Einkaufsmeilen. Dort gibt es nur noch wenige Mittelständler – darunter größere wie das vor fünf Jahren modernisierte Modekaufhaus Peek & Cloppenburg und das 115 Jahre alte Schuhhaus Wittstock mit sechs Filialen in Berlin und Potsdam, aber auch kleine Betriebe wie die Confiserie Reichert mit rund 20 Mitarbeitern. Die Confiserie war 1882 in der Weddinger Badstraße gegründet worden und gehört heute zur Berliner Konditorei Menge. „Die Center machen uns bisher gar nichts aus“, sagt die junge Chefin Cindy Menge. Vielmehr überlegt sie sogar, im künftigen „Boulevard Berlin“ eine zusätzliche Filiale zu eröffnen, „falls die Miete dort bezahlbar ist“. Dank Spezialitäten wie dem hausgemachten Honigkuchen und individuellen Hochzeitstorten habe die Confiserie viele Stammkunden und müsse die Konkurrenz von Café- und Bäckereiketten nicht fürchten. Vor einem Jahr gehörte der Betrieb zu den Siegern der „1. Berlin-Brandenburger Tortenmeisterschaft“ des Bäcker- und Konditorenverbandes, wie eine Urkunde an der Wand zeigt. Im Sommer sollen die Räume moderner gestaltet werden.

Cindy Menge freut sich auch darüber, dass der Bezirk die 1,4 Kilometer lange Straße zurzeit umbaut: Die Gehwege werden verbreitert, dafür gibt es in jeder Richtung bald nur noch eine Fahrspur für Autos und je einen Fahrradstreifen. Durch zusätzliche Hinweisschilder soll der Durchgangsverkehr stärker als bisher auf die parallel verlaufende Stadtautobahn – die so genannte Westtangente – gelenkt werden. Das erhöhe die Aufenthaltsqualität in der Schloßstraße, lobt die Konditorin. Gerne würde sie mehr Cafétische vor ihre Tür stellen, doch sie hat Pech: Ausgerechnet an dieser Stelle bleibt der Gehweg wegen einer Ampel unverändert.

Einer der engagiertesten Anlieger ist Ingo Herpolsheimer, Geschäftsführer von „Werken Spielen Schenken“ unter der Tiburtiusbrücke. „Die Kundschaft wird die Tante-Emma-Spezialisten wiederentdecken und nicht mehr lange die Gleichförmigkeit der Filialisten hinnehmen“, sagt er. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Unternehmer hat Herpolsheimer die Genossenschaft „Schloßstraßen-Management“ gegründet. Mit Fördermitteln aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) planen die Anrainer eine Aufwertung der Gegend, die nicht zuletzt auch für Touristen attraktiver werden soll. Herpolsheimer wünscht sich eine „Erlebnisstraße“ mit mehr Gastronomie und Kultur.

Bereits seit Jahren leitet er die Arbeitsgemeinschaft Schloßstraße, die nach seinen Worten allerdings ihre besten Zeiten hinter sich hat und„de facto nichts mehr macht“. Nun wird die Händler-AG durch den neuen Zusammenschluss ersetzt, der zwar weniger Mitglieder hat, aber dafür einige der tatkräftigsten Anlieger vereint. Die Rechtsform als Genossenschaft war eine Voraussetzung für die EU-Fördergelder. Herpolsheimer gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Berlin.Südwest“, der Standortmarketing für ganz Steglitz-Zehlendorf betreibt.

Sein 74-jähriger Vater Manfred hatte das Geschäft bereits 1968  in der Düppelstraße gegründet. 1974 zog er in die heutigen Räume mit 2500 Quadratmetern Verkaufsfläche und ist dort noch immer als Seniorchef tätig – wenn er nicht gerade auf Berliner Gewässern segelt. Ingo Herpolsheimers Tante betreut das Büro, früher waren auch seine Frau und weitere Verwandte im Familienbetrieb tätig. Das breite Sortiment aus ungefähr 300 000 Artikeln lockt Kunden aus ganz Berlin an, auch unter regelmäßigen Berlin-Besuchern gibt es Stammkunden. Das Spektrum reicht von Spielzeug über Geschenkartikel und Schreibwaren bis hin zu Künstlerbedarf oder Modellbauzubehör für anspruchsvolle Hobbybastler. Obwohl sich das Angebot in Teilen mit dem Sortiment von „Spiele Max“ im Forum Steglitz, „Toys ’R’ Us“ im Schloss-Straßen-Center oder Karstadt überschneidet, läuft das Geschäft gut.

Durch die zunehmende Filialisierung geht ein eigenständiger Charakter verloren


Demnächst möchte Herpolsheimer den Laden vergrößern und öffentliches Straßenland am Eingang des U-Bahnhofs Schloßstraße pachten. Auch ein Bistro in seinem Haus, das wegen Erkrankung der Betreiberin schließen musste, wird umgestaltet.

Auf der anderen Straßenseite an der Tiburtiusbrücke startet derweil Larissa Laternser mit dem roten „Bierpinsel“ durch. Der 49 Meter hohe und Mitte der 70er Jahre eröffnete Turm gilt als eines der Steglitzer Wahrzeichen, stand aber wegen hohen Sanierungs- und Modernisierungsbedarfs seit dem Jahr 2002 leer. 2006 übernahmen die 28-jährige Unternehmerin und ihre Mutter das markante Bauwerk. Jetzt ist es endlich wieder eröffnet, auch wenn die Bauarbeiten noch eine Weile andauern werden. Anfang April begann das Street-Art-Projekt „Turmkunst 2010“: Graffiti-Künstler besprühen die 2000 Quadratmeter große Fassade bis Mai mit bunten Figuren und Mustern, die ein Jahr lang zu sehen bleiben. Danach erhalte die längst verblasste Fassade ein „frisches Rot“, verspricht Laternser. Den Architekten des Bierpinsels, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, ist die Kunstaktion dennoch ein Dorn im Auge; sie sehen ihr Urheberrecht verletzt.

Larissa Laternser ließ sich durch eine Klagedrohung nicht bremsen. Ihr geht es nicht allein um den Bierpinsel, in dem es nun ein Café mit Kunstausstellungen gibt und eine Lounge und ein Restaurant geplant sind. Die 28-jährige gebürtige Steglitzerin will dazu beitragen, das „verstaubte Image“ des Stadtteils aufzupolieren. Deshalb wirkt sie in der neuen Schloßstraßen-Genossenschaft mit. Zu den weiteren Gründungsmitgliedern gehören die Betreiber der drei Shoppingcenter, die niederländische Firma Multi Development als Bauherr des „Berlin Boulevard“, der „Globetrotter“-Laden im Steglitzer Kreisel und Händler aus den Seitenstraßen.

Die designierte Geschäftsführerin der Genossenschaft, Alexandra Elgert, war früher Einzelhandelsexpertin bei der Immobiliengesellschaft Engel & Völkers und wird derzeit noch als „Schloßstraßenmanagerin“ von der Wirtschaftsförderung des Bezirksamts bezahlt. Später wollen die Genossenschaftsmitglieder ihr Gehalt finanzieren. Als Büro hat Bierpinsel-Betreiberin Laternser ihr einen Raum oben im Turm zur Verfügung gestellt. „Aber eigentlich bin ich den ganzen Tag unterwegs“, sagt Elgert. Sie plant vor allem die „Stärkung der Seitenstraßen“, einen einheitlichen Markenauftritt des Geschäftsquartiers mit einem neuen Logo und ein „Baustellenmarketing“, damit sich Besucher weniger über die Dauerbaustelle Schloßstraße ärgern.

Außerdem soll untersucht werden, wie sich die Gegend gegen die wachsende Konkurrenz in Berlin behaupten kann. Die Steglitz-Zehlendorfer Wirtschaftsstadträtin Barbara Loth (SPD) weist darauf hin, dass die „wachsende Zahl innerstädtischer Einkaufscenter sich spürbar auf die Besucherzahlen und Umsätze auswirkt“. So hatte zum Beispiel Tempelhof-Schöneberg das im April 2009 eröffnete Center „Tempelhofer Hafen“ mit dem erklärten Ziel genehmigt, die Kaufkraft im eigenen Bezirk zu halten.

Informationen
| Die Schloßstraße |

Länge: 1,4 Kilometer

Verkaufsflächen: insgesamt rund 140 000 Quadratmeter (qm)

Geschäfte: rund 800 (inklusive Seitenstraßen)

Einkaufscenter: Das Schloss (Verkaufsfläche: 36 000 qm), Forum Steglitz (32 000 qm), Schloss-Straßen-Center (16 000 qm), Boulevard Berlin (70 000 qm inkl. Karstadt)

Leerstandsquote in der Straße: 4,5 Prozent (Stand: 2008)

Verkehrsverbindungen: S & U-Bahn Rathaus Steglitz, U Walther-Schreiber-Platz, U Schloßstraße

Weitere Informationen im Netz: www.schlossstrasse.de, www.steglitz-zehlendorf.de, www.berlin-suedwest.net

Die Wirtschaftsstadträtin macht sich allerdings weniger Sorgen um die Umsätze als um die Individualität der Straße: Durch die zunehmende Filialisierung „geht ein eigenständiger Charakter mehr und mehr verloren“. Barbara Loth sieht die Gefahr, dass „die Malls zum alleinigen Anziehungspunkt werden“ und „der öffentliche Raum seine Bedeutung als Aufenthalts- und Kommunikationsort verliert“. Der laufende Umbau der Fahrbahnen und Gehwege wirke dieser Entwicklung entgegen und schaffe „attraktivere Aufenthaltsbereiche“ im Freien. Es gehe aber nicht allein um städtebauliche Veränderungen. „Heute überwiegt das Einerlei, vieles ist in die Jahre gekommen und austauschbar geworden.“ Im Rahmen des Straßenmanagements müsse daher die ganze Straße „neu positioniert“ und deren „Unverwechselbarkeit“ deutlich werden.

Aktuell bereiten Straßenmanagerin Elgert und die Wirtschaftsförderung eine „Wissenschaftsmeile“ vor: Anlässlich des Wissenschaftsjahres 2010 gibt es einen verkaufsoffenen Sonntag am 16. Mai, bei dem sich Steglitz-Zehlendorfer Institutionen wie die Freie Universität und die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) mit Aktionen in Geschäften rund um die Schloßstrasse präsentieren wollen. Am 17. Mai folgt ein „Forschermarkt“ auf dem Hermann-Ehlers-Platz, an dem sich forschende Firmen aus dem Berliner Südwesten beteiligen.

Auch die Kultur spielt seit der Neueröffnung des Schlosspark-Theaters durch Dieter Hallervorden im vorigen August wieder eine größere Rolle Der 74-jährige Schauspieler und Kabarettist setzt auf „anspruchsvolles Sprechtheater“ in Eigen-, Fremd- und Koproduktionen, will 1,2 Millionen Euro investieren und bespielt die traditionsreiche Bühne mit 450 Plätzen ohne staatliche Subventionen. Allerdings muss er in den ersten fünf Jahren keine Miete zahlen.

Nur an einer Stelle geschieht noch immer nichts: Das 119-Meter-Hochhaus des Steglitzer Kreisels steht seit Ende 2007 leer, das Bezirksamt hatte seinen damaligen Hauptsitz wegen Asbestbelastung räumen müssen. Der Berliner Liegenschaftsfonds möchte das landeseigene Hochhaus veräußern, doch ein Käufer ist nicht in Sicht. Die Asbestbeseitigung wird schätzungsweise zwei bis drei Jahre dauern und mehr als 31 Millionen Euro kosten. Bereits saniert sind dagegen die Flachbauten darunter. Sie gehören der Immobilienfirma Becker & Kries und beherbergen Läden, einen BVG-Busbahnhof sowie das „Best Western Premier Hotel Steglitz International Berlin“. In diesem treffen sich Unternehmer übrigens zum monatlichen „Wirtschafts-Stammtisch Berlin-Südwest“.

Cay Dobberke


Aus der Ausgabe 5 / 2010

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