Handarbeit für Wind und Wetter

Bei DaGallo werden Nadel und Faden noch selbst in die Hand genommen. Der Hersteller von Segelbekleidung will nun expandieren
Stolzer Chef: Daniel Becher mit einer Offshore-Jacke aus seiner Kollektion. Das Design stammt von ihm und seiner Frau. Foto: Thilo Rückeis

Im hintersten Teil der Werkstatt, beinahe komplett versteckt hinter den deckenhohen Holzregalen mit den meterlangen Stoffballen, steht die Nähmaschine, mit der alles begann. Eine „Adler“ aus grünem Metall, Baujahr 1945, die den Charme vergangener Zeiten ausstrahlt, war das erste Gerät, auf dem Segelbekleidung der Marke DaGallo genäht wurde. Das Ganze ist gerade einmal vier Jahre her, aber die Firma für maßgeschneiderte Segelmode wirkt nicht nur wegen der alten Nähmaschine beruhigend altmodisch.

Das Unternehmen sitzt im ersten Stock eines Hinterhauses in den Friedenauer Goerz-Höfen. Mit ihren hohen Fenstern, den gusseisernen Treppengeländern und der roten Klinkerfassade wirken die Bauten noch heute wie lebendige Zeugen des industriellen Aufbruchs im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals produzierte die „Optische Anstalt C.P. Goerz“ Ferngläser und Projektoren, heute teilen sich unter anderem Handwerker, Designer, Architekten, Künstler und eine Tanzschule die historischen Fabrikräume. Und DaGallo zeigt hier Tag für Tag, dass es auch in schnelllebigen Zeiten und unter globalem Konkurrenzdruck noch möglich ist, etwas herzustellen, das von Anfang bis Ende ausschließlich in Berlin gemacht wird. Bisher kann man die Sachen von DaGallo nur im Internet kaufen. Das soll sich bald ändern, denn in Zukunft soll die Spezialbekleidung auch im Laden hängen.

Daniel Becher, eigentlich gelernter Hotelfachmann und Betriebswirt, kam 2005 von Frankfurt nach Berlin. Seine Arbeit als Unternehmensberater gab er auf, um zu seiner Frau in die Hauptstadt zu ziehen und dort ein eigenes Geschäft zu gründen. Auf den Berliner Gewässern lernte der gebürtige Regensburger und leidenschaftliche Windsurfer das Segeln lieben, und so entstand die Idee, selbst Segelbekleidung herzustellen. Inspiration und Erfahrung für die Textilbranche holte er sich bei den Schwiegereltern, Inhaber der Firma „Braun Spitzen und Tülle“, einem traditionsreichen Berliner Bekleidungshändler.

Ich habe sämtlichen Sportartikelherstellern Löcher in den Bauch gefragt

Becher sitzt an einem Tisch, auf dem sich die Vogue-Hefte der vergangenen Monate stapeln. Auf Kleiderständern hängen Stoffproben von Spitzen und fertige Segeljacken bunt durcheinander. DaGallo und „Braun Spitzen und Tülle“ sitzen unter einem Dach. Doch während die Firma der Schwiegereltern nur einige Waren lagert, produziert Bechers Firma auch selbst am Ort.

Durch einen engen Flur, vorbei am Chefzimmer, gelangt man vom Vorraum in die Werkstatt, in der auch die alte Nähmaschine – ein Erbstück der Großmutter – ihren Platz hat. An ihr sitzt Mitarbeiterin Christel Lund und schiebt konzentriert Stoffbahnen unter der rhythmisch stampfenden Nadel hindurch. Sie ist eine von fünf Mitarbeitern, die Becher am Berliner Firmensitz beschäftigt. Dabei ist der 34-Jährige keineswegs nur für das Geschäftliche verantwortlich: „Teilweise stehe ich noch mit im Zuschnitt und verschweiße die Sachen auch. Nähen kann ich allerdings nicht“, sagt Becher.

Ganz klein angefangen haben er und seine Frau, als sie 2006 die Firma gründeten. „Wir arbeiten immer nach dem Prinzip, dass sich jede Maschine rechnen muss“, erklärt Becher. Zu Omas Nähmaschine kaufte er noch drei moderne dazu und richtete die Werkstatt ein. Das Schwierigste am Anfang war, die passenden Stoffe aufzutreiben. Becher suchte monatelang, bis er eine Weberei fand, die Stoffe speziell nach seinen Anforderungen herstellen konnte. Und die sind hoch: „Unsere Textilien müssen absolut wasserdicht und stabil sein“, erklärt er. Bis der Stoff perfekt war, vergingen beinahe vier Jahre. „Wir haben mit verschiedenen Materialien experimentiert.
Es war ein Entwicklungsprozess, bis wir bei dem gelandet sind, was wir jetzt haben.“ Das Design der Segelbekleidung entwarfen Becher und seine Frau selbst. Das Wissen dafür las sich der Unternehmer in einem Buch an. „Und ich habe sämtlichen Sportartikelherstellern Löcher in den Bauch gefragt.“ Welche Garne sind notwendig, um wasserfeste Kleidung zu nähen? Welche Geräte braucht man dazu, wie groß dürfen die Nadeln sein und wie verschweißt man die Nähte? Das alles lernte Becher durch Zuhören und Ausprobieren.

Heute bietet Da Gallo eine kleine und exklusive Kollektion für Segler an. Da sind zum einen die so genannten Softshell-Jacken aus einem weichen Oberstoff, der sich wie eine samtige Haut anfühlt und mit einer wasser- und winddichten Membran beschichtet ist. „Die Softshell-Jacken bilden eine wärmende Schicht unter den dicken Offshore-Jacken und Hosen“, erklärt Becher. Diese wiederum schützen vor allen Elementen, die einem beim Segeln begegnen: Sturm und Wassermassen sollen den Textilien aus Drei-Lagen-Laminat, rostfesten Reißverschlüssen und verschweißten Nähten nichts anhaben können.

Berlin hat dank seiner Tradition in der Textilbranche viele Leute, die nähen können

Die Jacken, Hosen und Shirts von DaGallo werden auf Wunsch des Kunden speziell angefertigt. Im Internet wählt er aus zehn Farben seine Kombination. Anschließend wird ein Musterstück nach den Maßen des Kunden gefertigt und ihm zugeschickt. „Der Kunde kann uns dann seine Änderungswünsche mitteilen und das Muster zurückschicken. Wir nähen es nach seinen Vorstellungen fertig“, sagt Becher. Das ganze Prozedere hat seinen Preis: Die Softshell-Jacken beginnen bei 179 Euro, die dicken Offshorestücke – Jacken und Hosen – können bis zu 670 Euro kosten.

Firmeninfo
| DaGallo
Custom Made Sailing Gear |

DaGallo sucht Vertriebs- und Handelspartner

Geschäftsführer: Daniel Becher
Adresse: Rheinstraße 44–46,
12161 Berlin
Umsatz: keine Angabe
Mitarbeiter: 5
Telefon: 030 / 850 70 39 10
Web: www.dagallo.de

Wieviel Umsatz Becher macht, will er nicht verraten, sagt aber, dass die Werkstatt im Schnitt pro Tag drei Kleidungsstücke fertigt. „Natürlich könnte man auch billiger in hoher Stückzahl in China produzieren lassen, aber für Spezialkleidung, wie wir sie anbieten, lohnt sich das nicht“, sagt er. Denn nur hier seien die Wege zu Produzenten und Lieferanten kurz, die Qualitätskontrolle einfach. Um schnell mal Änderungen einzufügen oder etwas zu reparieren, sei es günstig, alles in der Nähe zu haben. Ein weiterer Standortvorteil sei, dass es in der Region geeignetes Personal gebe. „Berlin hat dank seiner Tradition in der Textilbranche noch sehr viele Leute, die nähen können“, sagt Becher. Wenn große Bestellungen eingehen, arbeitet er mit einer Näherei in Brandenburg zusammen. 

In Seglerkreisen spricht sich die Marke DaGallo langsam herum. Anfangs kamen die Kunden aus Berlin – inzwischen liefert Becher auch Produkte nach England, Österreich, Spanien und in die Schweiz. Um die Marke bekannter zu machen, erstellen Becher und seine Mitarbeiter jetzt die Kollektion für den Ladenverkauf. Dann soll es DaGallo nicht mehr nur im Internet, sondern deutschlandweit in Geschäften zu kaufen geben. Auch wenn die Produktionsmenge größer wird: Für Becher ist klar, dass er weiter in der Region fertigen wird. Omas Nähmaschine wird dann wohl irgendwann durch neuere Technik ersetzt. Im Moment aber näht sie noch tapfer weiter.

Ulrike Thiele 


Aus der Ausgabe 5 / 2010

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