Viel Glanz, viel Ehr

Die Friedrichstraße in Mitte war in den 20er Jahren eine berühmte Amüsiermeile. Heute zeigt sich das Quartier von der edlen Seite – mit Luxusboutiquen und exquisiten Kaufhäusern
Französisches Flaggschiff: Die Galeries Lafayette sind eines der markantesten Gebäude entlang der Friedrichstraße. Foto: Mike Wolff

Der Swing kehrt zurück in die Friedrichstraße, zumindest in Form eines musikalischen Denkmals: Andrej Hermlin und sein Orchester wollen im Tonstudio des Friedrichstadtpalastes bald eine neue CD aufnehmen, die an die Ära der Tanzpaläste vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Außerdem wird der „Swing aus der Friedrichstraße“ im November bei einem Konzert im Schauspielhaus erklingen. Die Idee stammt von Rainer Boldt, dem langjährigen Vorsitzenden der Interessengemeinschaft (IG) Friedrichstraße. Früher sei die Nord-Süd-Magistrale „ja keine Kauf-, sondern eine Saufmeile“ gewesen, scherzt er.

Heute ist es umgekehrt: Vom einstigen Vergnügungsviertel zeugen nur noch wenige Häuser wie der Admirals- und der Friedrichstadtpalast, während der Einzelhandel brummt. Die Geschäftsleute seien „hochglücklich, alle können sich gegenseitig auf die Schulter klopfen“, sagt Boldt. Das erste große Neubauprojekt nach der deutschen Einheit – die Friedrichstadtpassagen mit den Quartieren 205, 206 und 207 – habe die Straße vor 16 Jahren „aus dem Dornröschenschlaf geholt“. Die Investoren Roland Ernst, Anno August Jagdfeld und Tishman Speyer „hatten den Mut, die umgekippte Straße anzufassen“.

Es läuft immer besser. Hier sieht man die schicksten Kunden in Berlin

Einer der jüngsten Neubauten ist das Ende 2008 eröffnete Geschäftshaus „Upper Eastside“ an der Ecke Unter den Linden mit Flagshipstores von Douglas, Es–prit, Marc O’Polo und Zara, einem O2-Shop und der „Mercedes-Benz Gallery“. Erheblichen Streit gab es um das neue Bürohaus „Spreedreieck“ zwischen dem S-Bahnhof und der als „Tränenpalast“ bekannten alten DDR-Grenzabfertigungshalle. Fehler beim Grundstücksverkauf kosteten das Land Berlin Millionen. Auch an der dunklen Fassade gab es viel Kritik. Hauptmieter sind die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young. Früher war an dieser Stelle ein 40-stöckiges Hochhaus geplant. Da dieses Vorhaben scheiterte, bleibt das aus DDR-Zeiten stammende Internationale Handelszentrum (93,5 Meter) das mit Abstand höchste Gebäude an der Straße.

Bei der Zahl der Passanten könne die Friedrichstraße an manchen Wochentagen mit der Tauentzienstraße und dem Kurfürstendamm mithalten, sagt Boldt. Nur sonnabends liege die City-West noch deutlich vorne. Leerstand gebe es kaum, im Gegenteil: „Wenn ein Laden frei wird, stehen drei Interessenten Schlange.“ Außerdem seien die Straße und ihre Umgebung bei Bürovermietungen im Aufwind. Neben Touristen seien auch die Mitarbeiter naher Botschaften, Verbandsvertretungen und Ministerien eine „hochinteressante Klientel“. Diese Nachbarn hätten die Friedrichstraße rasch „als ihre Einkaufsstraße anerkannt“.

So sieht es auch der Handelsverband Berlin-Brandenburg: Die Friedrichstraße sei wieder „eine der bekanntesten Straßen
Berlins“, die vor allem „vom Tourismus lebt“, sagt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen. Gestärkt werde sie durch die Umgebung, die Berliner und Reisende gleichermaßen anlocke – vom Gendarmenmarkt bis zum Brandenburger Tor. Am belebten Boulevard Unter den Linden gebe es trotz einiger Konzernrepräsentanzen und Flagshipstores noch immer große Angebotslücken, weshalb viele Flaneure zum Einkaufen in die Friedrichstraße kämen.

Das Erreichte ist also positiv, wird bald aber aus Sicht von Anrainern und Experten durch eine Großbaustelle bedroht: Die Berliner Verkehrsbetriebe verlängern die U-Bahnlinie U5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor, wo im vorigen Sommer bereits ein Abschnitt bis zum Hauptbahnhof (U55) in Betrieb gegangen ist. An der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden entsteht ein Umsteigebahnhof zur Linie U6. Dort sollen die Bauvorbereitungen laut BVG-Sprecher Klaus Wazlak im Sommer 2011 beginnen, die eigentlichen Bauarbeiten folgen zwischen April 2012 und März 2013. Dann muss die Friedrichstraße in südlicher Richtung für den Verkehr gesperrt werden. Das zu befürchtende Baustellenchaos „birgt die Gefahr, das alles wieder auf Anfang gestellt wird“, glaubt Nils Busch-Petersen.

„Keiner braucht diese U-Bahn“, kritisiert Rainer Boldt. Der Baulärm werde sich wegen der großen Gebäude rundum „wie durch einen Kanal“ in weite Teile der Straße ausbreiten. Einwendungen und Änderungswünsche der Anlieger füllten bereits mehrere Seiten Papier, auch Gerichtsverfahren seien anhängig. Insbesondere fordert Boldt als Ersatzroute für den Nord-Süd-Autoverkehr die Öffnung der Wilhelmstraße, die aus Sicherheitsgründen vor der britischen Botschaft mit Pollern versperrt ist.

Als ersten Erfolg der Proteste wertet er, dass die BVG nun doch keine 22 Meter hohe Schallschutzwand neben dem Westin Grand Hotel mehr für nötig hält. „Damit wären die Zimmer stockduster geworden“, sagt Boldt. So oder so werde das Fünf-Sterne-Haus wohl „erhebliche Einbußen erleben“.

Das französische Kaufhaus Galeries Lafayette hatte nach Kenntnis des IG-Vorsitzenden sogar geprüft, ob sein Standort angesichts der Bauarbeiten überhaupt noch zukunftsfähig sei. Lafayette-Geschäftsleiter Alexandre Liot möchte sich dazu nicht äußern und sagt nur, man sei „natürlich von der U-Bahnbaustelle nicht begeistert“. Letztlich entschieden sich die Franzosen jedenfalls für die Straße, wo sie ihre einzige deutsche Filiale 1996 im Quartier 207 eröffnet hatten. Ende April wurde der Mietvertrag vorzeitig um 15 Jahre verlängert. Der Glaspalast mit rund 300 Mitarbeitern und 9000 Quadratmetern Verkaufsfläche in fünf Etagen ist durch seine extravagante Architektur eine Art Wahrzeichen der Straße.

Bisher entwickele sich der Umsatz „immer besser“, sagt Kaufhaus-Chef Liot, auch die Straße werde attraktiver und „der Mix von Läden und Restaurants immer interessanter“. Neben hochwertigen Boutiquen und Luxusgeschäften, etwa im Quartier 206, trügen Hotels in der Nähe wie das Hotel de Rome zur „Mondänität“ bei. „Ich würde fast behaupten wollen, die Friedrichstraße hat die schicksten Kunden in Berlin.“

Informationen
| Friedrichstraße |

Länge: 3,3 Kilometer

Verkaufsflächen:
rund 50 000 Quadratmeter

Geschäfte: mehr als 250, u. a. Kulturkaufhaus Dussmann, Quartier 205 und 206, Galeries Lafayette, Upper Eastside, Lindencorso, Ladenpassage im S-Bahnhof Friedrichstraße

Ladenmieten: 35 Euro (südlicher Teil) bis 140 Euro/Quadratmeter

Leerstandsquote: 3,2 Prozent

Verkehrsverbindungen:
S- und U-Bahn Friedrichstraße, U Oranienburger Tor, U Französische Straße, U Stadtmitte, U Kochstraße, Tram M1 und 12, Bus 100, 147, 200

Weitere Informationen im Netz: www.friedrichstrasse.de,
www.berlin-mitte.de

Zu den bekanntesten Adressen gehört auch das Kulturkaufhaus Dussmann – besonders, weil es als einziges deutsches Kaufhaus werktags bis Mitternacht öffnet. Bereits 1997 war die Verkaufszeit bis 22 Uhr ausgedehnt worden, obwohl das damalige Ladenschlussgesetz dies eigentlich nicht erlaubte. Doch Dussmann fand bis zur späteren Abschaffung des Ladenschlusses in Berlin ein rechtliches Schlupfloch: Da man einfache Angestellte nicht nach 20 Uhr beschäftigen durfte, wurden alle Verkäufer kurzerhand zu Prokuristen befördert. Dussmann sei „ein erfolgreicher Ladenschlussrebell“, sagt Nils Busch-Petersen vom Handelsverband, habe bei dem Thema allerdings „manches überspitzt und manche Tür eingetreten“. Aktuell sieht Dussmann-Vorstandschef Thomas Greiner „die Baustelle mit Bauchschmerzen, das wird wahrscheinlich zu Umsatzrückgängen führen“. Abgesehen davon sei man „mit dem Standort weiter zufrieden“.

Die hohen Ladenmieten werden in der Regel nur noch von den 1A-Lagen in der City-West übertroffen. „Das zeigt, dass es ein attraktiver Standort ist“, sagt Carsten Spallek (CDU), Wirtschaftsstadtrat und Vizebürgermeister in Mitte. „Die Premiummarken siedeln sich primär an der Friedrichstraße an.“ Dafür sei jedoch „die Vielfalt ein Stück reduziert“. Außer bei H&M gebe es zum Beispiel kein großes Kindermodeangebot. Hinsichtlich der Baustellen habe auch der Bezirk „große Bedenken“, dass die Straße weitgehend abgeschnitten sein könnte. Umsatzeinbußen seien vor allem für kleinere und inhabergeführte Geschäfte bedrohlich, die den Standort „nicht wie die Filialketten quersubventionieren können“. Spallek setzt sich deshalb – ebenso wie Vereinschef Rainer Boldt – für ein Baustellenmarketing nach dem Vorbild der einstigen „Schaustelle Berlin“ ein.

Auch kulturell hat das Quartier um die Friedrichstraße viel zu bieten. Der traditionsreiche Friedrichstadtpalast mit seinem bunten Varietéprogramm stand vor Jahren kurz vor der Pleite, ist mit Shows wie „Qi“ aber wieder auf der Erfolgsspur. Am S-Bahnhof liegt der wiedereröffnete Admiralspalast, zu dessen Betreibern Falk Walter von der Veranstaltungshalle „Arena“ in Treptow gehört. Im Haus spielt auch das Kabarett „Die Distel“. Zur abendlichen Belebung der Friedrichstraße tragen außerdem das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, das Deutsche Theater in der Schumannstraße, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und die dortigen Klassik-Freiluftkonzerte im Sommer bei.

Mittelständische Unternehmen gibt es im zentralen Mittelteil der Straße kaum. Eines davon ist die Wächter GmbH, zu der das „Bürgelhaus“ an der Ecke Unter den Linden und das „Erzgebirgshaus“ in der Nähe des U-Bahnhofs Stadtmitte gehört. „Manche sind richtig überrascht, wenn ich ihnen sage, wo wir sitzen, kleine Firmen sind hier selten“, sagt Falk Wächter, der Geschäftsführer beider Läden. In den Räumen werden Räuchermännchen, Nussknacker und Pyramiden aus Holz verkauft, die Wächter aus dem Erzgebirge bezieht. Das Bürgelhaus bietet zusätzlich blaue Keramik mit weißen Punkten aus der familiengeführten Töpferei in Thüringen an. Die Hauptkundschaft sind Berlin-Reisende. „Deutsches Kunsthandwerk ist bei den Touristen sehr gefragt“, sagt Wächter. Auf der Suche nach einer Hauptverkaufsstelle hatte sich der Standort 1993 eher zufällig ergeben. Damals war vom heutigen Glanz der Straße noch nicht viel erkennbar, manche rieten Wächter sogar von diesem Standort ab; heute aber kann er sich keinen anderen mehr vorstellen.

Mehr kleine Geschäfte und einige Restaurants finden sich in Richtung Oranienburger Tor, rund um den Friedrichstadtpalast zeigt die Einkaufsstraße ein anderes Gesicht. Die Vielfalt reicht von der Buchhandlung über den Kinderspielzeugladen bis hin zum Plattengeschäft im Stil der 80er Jahre. Bei „Musik unter den Gleisen“ sind unzählige neue und alte Schallplatten sowie CDs in Holzregalen und auf Holztischen verstaut. Über mehrere Räume verteilt finden Sammler von Pop bis Klassik auch diverse Nischenrichtungen. An der Wand hängen alte Konzertplakate und Plattencover. Nach der Wende hatte der Laden im Bahnhof Friedrichstraße eröffnet, musste dann umziehen und fand hier vor 15 Jahren sein neues Domizil. Der Name ist geblieben. Früher sei das Geschäft sehr einträglich gewesen, sagt Inhaber Jörg Linstedt, heute machen ihm das Internet und die großen Ketten zu schaffen. „Der Name Friedrichstraße allein bringt keinen Umsatz.“ Deshalb setzen er und sein langjähriger Mitarbeiter Thomas Raschke verstärkt auf Touristen. An der Tür hängt seit kurzem das Schild „Berlins erstes Plattenladenmuseum“. Sie planen unter anderem Ausstellungen über DDR-Musik – zudem sei das Geschäft in Zeiten digitaler Tonträger an sich schon eine Seltenheit.

Ganz in der Nähe hat im Dezember die „Lomography-Gallery“ aufgemacht. An den Wänden hängen bunte Fotocollagen. „Es ist eine Leidenschaft für Schnappschüsse, die Lomographie ausmacht“, sagt Geschäftsführerin Melanie Tönnies. „Wir wollen analog fotografieren, der Alltag und der Spaß stehen im Vordergrund.“ In den letzten Jahren hat sich eine Gemeinschaft gebildet, mit Läden in mehreren europäischen Großstädten. Tönnies hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Im Laden werden die speziellen Kameras verkauft, auch Taschen und T-Shirts mit dem Schriftzug Lomography. Für den Standort Friedrichstraße sprachen deren Bekanntheit und die zentrale Lage. In den mittleren Straßenteil zu ziehen, sei keine Option gewesen, sagt Tönnies: „Neben den großen Läden wären wir untergegangen.“ Auch sei die Miete dort zu hoch. Nahe dem Oranienburger Tor gebe es zwar weniger Laufkundschaft, sie habe aber den Eindruck, dass sich etwas bewege: „Es siedeln sich neue kleine Läden an, die Ecke lebt auf.“

Die Kreativszene arbeitet sich langsam, aber sicher in den Norden der Straße vor

Damit meint sie Geschäfte wie den Defshop, der ebenfalls im Dezember an der Straße eröffnet hat. 2006 war das Berliner Unternehmen als Onlinehändler im Segment Hip-Hop- und Streetwear gestartet. Nun hat es den dritten Laden in der Stadt eröffnet. Ausschlaggebend waren auch hier die Touristen als potenzielle Kunden.

Wirtschaftsstadtrat Spallek bestätigt, dass es mit dem einstigen Schattendasein im nördlichen Bereich zu Ende gehe: Die Gegend werde „stark aus Richtung der Oranienburger Straße beeinflusst“, es gebe „trendige, schicke Restaurants“ wie das „Grill Royal“ und immer mehr interessante Läden. Die Kreativszene „arbeitet sich langsam, aber sicher vor.“ Noch nicht erreicht hat dieser Trend die kleine „Dreispitzpassage“: In dem weitgehend menschenleeren Eckgebäude gibt es nur wenige Mieter wie ein Piano-Fachgeschäft und ein Restaurant.

In Richtung Süden, an der Bezirksgrenze zu Kreuzberg, endet der belebte Abschnitt am Checkpoint Charlie. Dort liegen das Mauermuseum „Haus am Checkpoint Charlie“, das als unverzichtbarer Teil jeder Stadtrundfahrt gilt, und der berühmte einstige Kontrollpunkt der US-Armee, wo uniformierte Darsteller für die Kameras der Touristen Wachposten spielen. Hinter der Kochstraße bis zum Mehringplatz zeigt die Friedrichstraße indes ein drittes Gesicht. In diesem Kreuzberger Kiez ist vom Aufschwung nichts zu spüren.
Es dominieren Automatenspielcasinos, Textildiscounter und Imbissbuden. Der Blumengroßmarkt zog gerade an die Beusselstraße um, das Jüdische Museum will die alte Halle als Erweiterungsbau nutzen. Rainer Boldt betont, auch in diesem Bereich sei die IG Friedrichstraße aktiv. Die Markthalle hätte er am liebsten zur Kunsthalle gemacht; jetzt hofft er, dass sich für dieses Vorhaben ein anderer Ort in der Nähe findet. Auch für das Rondell am Mehringplatz hat Boldt eine Idee. Zusammen mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo überlegt er, ob die Häuser mit Ansichten aus der ganzen Straße bemalt werden können. Zumindest optisch wüchse damit zusammen, was im Moment noch nicht so recht zusammenpasst.

Cay Dobberke, Svenja Markert


Aus der Ausgabe 6 / 2010

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